Stand: 05.12.2017 21:57 Uhr

G20-Krawalle: Durchsuchungen in fünf Städten

Fünf Monate nach den Krawallen beim G20-Gipfel in Hamburg haben Beamte der Sonderkommission "Schwarzer Block" am Dienstag mehrere Objekte unter anderem in Niedersachsen und Hamburg durchsucht. In zwei Privatwohnungen in Göttingen, eine davon über dem "Linken Zentrum", suchte die Polizei mit Durchsuchungsbeschlüssen nach Informationen des NDR nach Hinweisen. In der Innenstadt hatte die Polizei Straßensperren errichtet - auch vor weiteren Häusern. Es gab eine spontane Protestaktion gegen die Razzia. Außerdem wurden laut Polizei auch Objekte in Braunschweig, Hannover, Laatzen und Lehrte durchsucht. Augenzeugen der Razzia haben sich beim Kurznachrichtendienst Twitter zu Wort gemeldet. Sie beklagen, dass die Polizei "brutal" vorgegangen sei.

Pyrotechnik und Kleidung deponiert?

Die Ermittler gehen davon aus, dass Teile der Ausschreitungen am Rand des G20-Gipfels im Juli in Hamburg von Linksautonomen gezielt geplant und organisiert wurden. Die Durchsuchungen standen Polizeiangaben zufolge im Zusammenhang mit Krawallen in der Straße Rondenbarg im Stadtteil Bahrenfeld. Die Existenz von Depots mit Pyrotechnik und schwarzer Wechselkleidung an der Strecke des Demozuges wollte der Leiter der Sonderkommission, Jan Hieber, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Hamburg nicht bestätigen. Es habe lediglich zahlreiche Hinweise darauf gegeben, dass die Proteste gegen G20 monatelang akribisch geplant waren. Es habe Treffen und Arbeitsgruppen gegeben, so Hieber weiter. Er sprach im Hinblick auf die Krawalle am Rondenbarg von einem "in seiner Gesamtheit gewalttätigen Mob". Bei den Durchsuchungen sei es laut Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer darum gegangen, die Hintergründe und Strukturen der Krawalle offen zu legen und näher an den Kern der autonomen Szene vorzudringen.

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Insgesamt sei eine zweistellige Anzahl von Wohnungen der linken Szene durchsucht worden - außer in Niedersachsen auch in Hamburg, Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz. Dabei wurden vor allem viele elektronische Speichermedien beschlagnahmt, darunter 26 Laptops, 35 Handys sowie eine große Anzahl von USB-Sticks. Möglicherweise kamen die Durchsuchungen für die linke Szene aber nicht überraschend. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, sollen in der Szene bereits in den vergangenen Tagen Warnungen über mögliche Razzien kursiert haben.

"Ziel ist Einschüchterung und Spaltung"

Die Interventionistische Linke (iL), die zur Großdemonstration "Grenzenlose Solidarität statt G20" und zur Blockadeaktion "BlockG20" aufgerufen hatte, verurteilte die Durchsuchungen. Es werde versucht, Betroffene von Polizeigewalt zu Tätern zu machen, teilte sie mit. Die iL zeige sich solidarisch mit den Betroffenen der Durchsuchungen. "Das Ziel solcher Aktionen ist immer auch Einschüchterung und Spaltung. Diese Absicht der Ermittlungsbehörden wird scheitern", hieß es.

Öffentlichkeitsfahndung soll ausgewertet werden

Die Sonderkommission der Polizei geht derweil davon aus, dass es noch lange dauern wird, bis die G20-Krawalle umfassend aufgearbeitet sind. Unter anderem werten die Ermittler riesige Mengen an Bildmaterial aus, das mit Überwachungskameras in Bussen und Bahnen, von Polizeibeamten, aber auch von Passanten mit privaten Handy-Kameras aufgezeichnet wurde. Allerdings gestaltet sich die Identifizierung vieler mutmaßlicher Gewalttäter als schwierig. Kurz vor Weihnachten plant die Hamburger Polizei eine umfassende Öffentlichkeitsfahndung. Sie rechnet damit, dass bis Ende des Jahres etwa 3.000 Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche G20-Täter eingeleitet werden können.

Kommentar

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 05.12.2017 | 08:00 Uhr

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