Stand: 31.01.2016 10:53 Uhr

"Tritt ihm in die Eier!"

von Wolf-Hendrik Müllenberg

"Tritt ihm in die Eier!" Ludwig Hunecke wird das heute Abend sehr häufig rufen. Rund zehn Frauen sind zu seinem Selbstverteidigungskurs in Braunschweig gekommen. Und den Ratschlag mit den Eiern setzen sie sehr gewissenhaft in die Tat um. Ihr Trainer Ludwig Hunecke probt mit ihnen den Ernstfall, männliche Sparringspartner stellen sich zur Verfügung. In einer Umkleidekabine wird eine Kursteilnehmern von hinten angegriffen: "Befrei dich, schlag ihm auf den Kopf!", brüllt Hunecke. Und: "Tritt ihm in die Eier!" Angriff eines Mannes von vorne: "Wehr dich, schlag drauf!" Der Gegner taumelt, dann heißt es wieder: "Tritt ihm in die Eier!" 

In einem Krav Maga-Kurs versucht sich eine Frau aus den Umklammerungen eines Mannes zu lösen. © NDR Fotograf: Wolf-Hendrik Müllenberg

Selbstbewusstsein und die richtige Technik für den Ernstfall

Der Krav-Maga-Kurs für Selbstverteidigung in Braunschweig wird gerade in letzter Zeit von Frauen gebucht. Ludwig Hunecke bringt seinen Teilnehmerinnen bei, ihre Furcht abzulegen.

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Eine unfaire Antwort auf einen unfairen Angriff

Die Frauen lernen eine Kampftechnik, die durchaus mehr beinhaltet als den Tritt in den männlichen Genitalbereich: Krav Maga, auf Deutsch Kontaktkampf, hat seinen Ursprung in Israel. Vor dem Zweiten Weltkrieg haben Juden in Bratislava die Technik gegen antisemitische Gewalt entwickelt. Bis heute wird Krav Maga von der israelische Armee genutzt. Ludwick Hunecke bringt den Frauen Abfolgen von Griffen und Schlägen bei. Und da gehört der Tritt in den Schritt notwendigerweise dazu. "Wenn auf der Straße eine Frau grundlos angegriffen wird, ist das unfair", sagt Hunecke. "Warum sollten die Frauen darauf mit Fairness antworten?"

Nach Köln explodieren die Teilnehmerzahlen

Viele Frauen scheinen derzeit das Gefühl zu haben, leicht in unfaire Situationen geraten zu können. Zumindest ist der vom Verband "United Krav Maga" zertifizierte Trainer Hunecke in diesen Tagen schwer beschäftigt. Seit Anfang Januar ist die Nachfrage nach Frauen-Selbstverteidigung explodiert, wie er sagt. Zuvor lief es zwar auch sehr gut: Nur drei Wochen hätte es jeweils gedauert, bis die Kurse voll waren. Aber nach den Übergriffen in der Silvesternacht auf Frauen in Köln und Hamburg waren die Kurse innerhalb weniger Tage ausgebucht.

"So etwas habe ich noch nicht erlebt"

Auch Kampfkunstschulen in Hannover, Oldenburg, Lüneburg und Osnabrück stellen seit Neujahr eine ungewöhnlich hohe Nachfrage an Frauen-Selbstverteidiungskursen fest. Das hat eine stichprobenartige Umfrage von NDR.de ergeben. In Hannover bietet die "Kampfkunstakademie" seit Neujahr zusätzliche Kung-Fu-Kurse für Frauen an. "Wir haben kaum noch freie Wochenenden", sagt der Betreiber. Auch die Volkshochschule Oldenburg hat ihr Angebot wegen der starken Nachfrage erweitert. "Die zusätzlichen Kurse sind bereits ausgebucht, die Warteliste ist lang", so die zuständige Referentin. Der Betreiber einer Kung-Fu-Schule Lüneburg sagt: "Seit 25 Jahren gibt es unsere Schule - so etwas habe ich noch nicht erlebt." Auch er wird mehr Kurse für Frauen anbieten. In Osnabrück gibt der Betreiber der Kampfkunstschule "aespro" zu Bedenken: "Im neuen Jahr ist die Nachfrage immer groß, wegen der guten Vorsätze und wegen des Weihnachtsspecks, den man loswerden will." Aber auch er stellt fest: Die Nachfrage ist im Januar 2016 um ein Vielfaches höher als in den Vorjahren.

Ein Crash-Kurs macht noch keine Kämpferin

Die Zahl der Frauen, die sich wehren wollen, steigt - mit ihr aber auch die Zahl der zweifelhaften Angebote. Ein großes Problem, findet Horst Sach vom Bundesverband Selbstverteidigung. "Es ist schon sehr unseriös, wenn sich bei manchen Angeboten herausstellt: Das sind nur frischgebackene Träger des gelben Gurtes, die jetzt meinen, Frauen ausbilden zu können." Sach rät dazu, bei der Auswahl eines Angebotes genau zu prüfen, wer der Trainer ist und ob entsprechende Zertifikate von größeren Kampfsportverbänden vorliegen. Zudem sollten Frauen nicht dem Irrglauben verfallen, nach einem Crash-Kurs für jede brenzlige Situation gewappnet zu sein. "Ein sinnvoller Kurs muss mindestens zehn bis fünfzehn Trainingseinheiten beinhalten", sagt Sach.

Frauen trainieren für den Ernstfall

"Damit hatten sie nicht gerechnet"

Krav-Maga-Trainer Hunecke aus Braunschweig empfiehlt seinen Frauen ebenfalls, über einen längeren Zeitraum zu trainieren. Dennoch würde sich ein wichtiger Fortschritt rasch einstellen. "Was sehr schnell geht, ist das Entwickeln eines grundlegenden Situationsbewusstseins." Was er meint: dass Frauen zügig verstehen, keine Opfer sein zu müssen. Larissa Mücke hat dieses Bewusstsein in einer konkreten Situation geholfen - nachdem sie an dem Kurs von Hunecke teilgenommen hat. Am 13. Januar, mittags um zwölf, sei sie von zwei Männern auf einer ruhigen Straße unweit des Braunschweiger Doms bedrängt worden. "Ich habe sie laut angeschrien und ihnen gesagt, sie sollen verschwinden und mich in Ruhe lassen", sagt sie. Zudem hätte sie aus ihrer Tasche einen Kubotan gezogen, jene kleine Schlagwaffe, die sie sich auf Empfehlung ihres Trainers besorgt hatte. Doch der Kubotan kam nicht zum Einsatz. Verdutzt über das aggressive Schreien liefen die Angreifer davon. "Damit hatten sie nicht gerechnet", sagt die junge Mutter. 

Frauen werden selbstbewusster

"Ich glaube nicht, dass ich ohne Training genauso reagiert hätte", sagt sie. Larissa Mücke hat den Weg heraus aus der Opferrolle gefunden. Natürlich könnten Frauen nicht auf alle Konfliktsituationen vorbereitet werden, meint der Kriminalpsychologe Thomas Bliesener - zumal sich die konkrete Gefahr von einer simulierten Trainingssituation unterscheide. Aber: "Frauen, die noch nie körperliche Gegenwehr trainiert haben, lernen plötzlich: Wir können uns verteidigen." Die Frauen würden selbstbewusster auftreten. Und allein das könne einen Angreifer frühzeitig abschrecken, meint der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Dabei sei das faktische Risiko, in eine Konfliktsituation zu geraten, nicht höher als vor den Übergriffen in Köln, sagt Bliesener. Jedoch helfe das einer einzelnen Frau nicht, die momentan verunsichert ist. Darum könne der Besuch eines Selbstverteidigungskurses sinnvoll sein, um Ängste in den Griff zu bekommen. In jedem Fall sei das Lernen einer Kampftechnik besser, als sich mit Schreckschusswaffen auszurüsten, so der Kriminalpsychologe.

Trend zum Anti-Terror-Training?

Der Trend zur Selbstverteidigung wird anhalten, da ist sich der Braunschweiger Krav-Maga-Trainer Hunecke sicher. Schon im vergangenen Jahr habe er Seminare für Privatpersonen organisiert, Titel: "Anti-Terror-und Anti-Amok-Training". "Ich denke, das wird auch ein größerer Schwerpunkt für die Zukunft sein", sagt er. "Ob wir wollen oder nicht."

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