Stand: 09.11.2015 05:34 Uhr

Endlich Aufklärung? VW zwischen Druck und Hoffnung

von Jürgen Gemen
Bild vergrößern
Ein bisschen mehr Klarheit im VW-Skandal? Hohe Erwartungen liegen auf der Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg. (Archivbild)

Wenn sich heute in Wolfsburg der VW-Aufsichtsrat trifft, sind die Erwartungen der Öffentlichkeit an das höchste Volkswagen-Gremium wieder so hoch wie das 13-stöckige Wolfsburger VW-Verwaltungsgebäude selbst. Endlich Aufklärung! Wer war's? Wer wusste wann was? Doch man muss skeptisch sein, ob die Vorgänge rund um Software- und CO2-Manipulationen so schnell aufgeklärt werden können. Zu zäh und undurchsichtig ist die Gemengelage aus Macht und Gier, aus schlicht betrügerischem Handeln und der VW-eigenen organisierten Verantwortungslosigkeit.

Weitere Informationen

VW: Bei 540.000 Pkw reicht kein Software-Austausch

Bei 540.000 von den 2,4 Millionen vom Abgas-Skandal betroffenen Pkw reicht der Software-Austausch nicht aus. Der Streit zwischen Betriebsrat und VW-Spitze scheint derweil ausgeräumt. mehr

Was ist eigentlich klar?

Sicher scheint allein, dass der Beginn der für Volkswagen existenzgefährdenden Krise wohl rund zehn Jahre zurückliegt. Ein leitender Motoren-Entwickler soll gegenüber den Ermittlern über ein Treffen im Jahre 2006 berichtet haben. In einer hochrangig besetzten Runde sei es um die Dieselmotoren für den US-Markt gegangen, vor allem um die Frage, wie man die Emissionen von Stickoxid (NOx) unter die US-Grenzwerte drücken könnte. Auf dem US-Markt endlich erfolgreich zu sein - das war damals ein Hauptziel von Volkswagen. Und saubere Dieselmotoren sollten dabei die zentrale Rolle spielen. Auf allen Beteiligten lastete also ein massiver Druck, das Problem mit den Stickoxiden endlich in den Griff zu bekommen.

Warum bediente sich Volkswagen nicht vorhandener Technik?

Dass zum Beispiel Daimler seinerzeit das gleiche Stickoxid-Problem hatte, sahen einige in Wolfsburg wohl als Chance. Vielleicht auch der damalige VW-Markenchef Wolfgang Bernhard, der kurz zuvor von Daimler zu VW gewechselt war. In seine kurze aktive Zeit bei Volkswagen fiel die Gründung der Allianz Bluetec, in der VW und Daimler das Stickoxid-Problem der Dieselmotoren gemeinsam lösen wollten. Die dafür vorgesehene Abgasreinigungstechnik hatte nur einen Haken: Sie war weitgehend von Daimler allein entwickelt worden und in den Autos aus Stuttgart auch schon auf den Straßen in Betrieb. VW war noch lange nicht so weit, Bluetec in den US-Jetta oder den Passat zu integrieren - jedenfalls nicht in dem Kostenrahmen, der aus Wolfsburg vorgegeben war. VW wäre also auf Hilfe vom Daimler angewiesen gewesen. Und wer in den USA dann der Koch und wer der Kellner gewesen wäre, konnte man sich an fünf Fingern abzählen. Sollte sich VW mit dieser Rollenverteilung zufrieden geben?

Ende der Zusammenarbeit

Bild vergrößern
Von der Zusammenarbeit mit Daimler wandte sich der damalige VW-Patriarch Piëch schnell wieder ab. (Archivbild)

Bei Ferdinand Piëch, der seinerzeit Aufsichtsratschef und damit mächtigster Mann im VW-Konzern war, dürfte die geplante Zusammenarbeit mit Daimler geradezu körperliches Unbehagen ausgelöst haben. Jahrelanger Streit - auch auf der persönlichen Ebene - war das einzige, was ihn mit Daimler verband. Kein Wunder also, dass VW das Abgas-Bündnis Bluetec bald wieder platzen ließ. Damit waren die Motoren-Entwickler bei VW wieder auf sich allein gestellt. Und dennoch musste es schnell - und preiswert - gehen: Denn saubere VW-Diesel-Pkw sollten endlich auf den US-Markt - der seinerzeit immerhin der größte Pkw-Markt der Welt war. Die technischen Schwierigkeiten und die Kosten wurden aber offenbar nicht kleiner: Der erste Termin zur Vorstellung des Diesel-Motors, der die scharfen US-Abgasgrenzwerte einhalten sollte, platzte. Erst mit einem halben Jahr Verzögerung, Mitte 2008, war es dann endlich so weit: Der Motor, der vor einigen Wochen den Skandal in den USA auslöste, war endlich fertig - und auch von der Umweltbehörde zugelassen. Die Ingenieure hatten offenbar eine Lösung gefunden, die die VW-Motoren genau so sauber ausatmen ließ wie die Motoren von Daimler. Aber wie hatten die Ingenieure das nur geschafft? Und ist es wahrscheinlich, dass die damalige VW-Spitze, die mit in der Wolle gefärbten Technikern besetzt war, wirklich nicht gefragt hat, wie das so lange ungelöste Problem mit der Reinigung des Abgases von Stickoxiden denn am Ende gelöst worden ist? Glauben mag man es nicht. Beweisen müssen wird es die Staatsanwaltschaft Braunschweig. 

"Zaubertrank" als "Notwehr"?

Weitere Informationen

Winterkorns Ehrgeiz als Auslöser für CO2-Betrug?

Die gefälschten CO2-Werte bei VW kamen offenbar durch Geständnisse von Mitarbeitern ans Licht. Auslöser der Trickserei soll ein Versprechen von Ex-VW-Chef Winterkorn gewesen sein. (08.11.2015) mehr

Heute weiß man, dass die Motoren-Entwickler auf unsaubere Methoden zurückgegriffen haben. Intern sollen solche Manipulationen als "Zaubertrank" bezeichnet worden sein: War das "Notwehr" von Ingenieuren, die nur mit illegalen Instrumenten technische Ziele erreichten, weil diese legal (noch) nicht zu erreichen sind? Heute glauben viele, dass diese Entwicklung auch Folge des autoritären Führungsstils ist, der für VW so typisch ist - spätestens seit 1993. Da übernahm Ferdinand Piëch den Vorstandsposten und machte mit der zügigen Entlassung von rund drei Dutzend Top-Managern klar, wo der Hammer hängt. Weiterentwickelt haben dieses streng hierarchische System viele, die in den vergangenen mehr als 20 Jahren in Verantwortung waren - im Unternehmen und ganz sicher auch im Betriebsrat.

Bekommt VW die Chance zum Neustart?

In seiner Sitzung heute will der Aufsichtsrat die Aufklärung vorantreiben, sagen die Verantwortlichen. Man darf vermuten, dass das ein Marathonlauf wird, kein 100-Meter-Rennen. Ob dem Unternehmen angesichts von Milliarden-Kosten dabei die Puste ausgeht, wird am Ende der Kunde entscheiden, der weiterhin Autos von Volkswagen kauft - oder es eben lässt. Es heißt, in Wolfsburg hoffe man inständig darauf, dass doch bitte bald ein anderer Autohersteller auffliegt, dem ähnlich Übles wie VW vorgeworfen werden kann. Das könnte gegenüber den Kunden Entlastung bringen. Es muss ja nicht das US-Problem mit den Stickoxiden sein. Vielleicht sind es die gefälschten CO2-Werte? Oder wenigstens der Spritverbrauch! Da haben doch alle geschummelt. Das weiß doch jeder, oder nicht?

Weitere Informationen

VW: Bruch zwischen Betriebsrat und Vorstand?

Kein Gesamtkonzept für den Umgang mit dem Abgas-Skandal, Sprachlosigkeit statt Zusammenhalt: In einem Brief attackiert VW-Betriebsratschef Osterloh das Konzern-Management und fordert Gespräche. (06.11.2015) mehr

Der treue Herr Hauschild und der Volkswagen-Skandal

25 Jahre ist Rainer Hauschild aus Leer VW gefahren - nach dem Skandal um manipulierte Abgaswerte kommt er erstmals ins Zweifeln. Eine Geschichte über das Ringen mit einem Weltkonzern. (07.11.2015) mehr

Falsche CO2-Werte: VW will Kfz-Steuern übernehmen

Hunderttausende Fahrzeuge sind von den frisierten CO2-Werten betroffen: Nun hat Volkswagen angekündigt, mögliche Nachzahlungen bei den Kfz-Steuern zu übernehmen. (06.11.2015) mehr

Ermittlungen gegen VW wegen falscher CO2-Werte

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig nimmt in der VW-Affäre weitere Untersuchungen auf. Anlass sind die geschönten Angaben beim Verbrauch und CO2-Ausstoß von 98.000 Fahrzeugen. (05.11.2015) mehr

mit Video

Die VW-Abgas-Affäre: Eine Chronologie

Der Abgas-Skandal hat Volkswagen in die schwerste Krise der Firmengeschichte gestürzt. Der finanzielle Schaden geht in die Milliarden. Der neue Chef, Matthias Müller, soll VW retten. mehr