Stand: 26.09.2015 12:31 Uhr

Der Wetterbericht als Schutz gegen Wölfe?

von Oliver Strunk
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Selbst in Gegenden ohne Weidetierhaltung gebe es Vorbehalte gegen den Wolf, sagt ein Wissenschaftler. (Archiv)

"Wenn jemand in Kroatien ein Schaf an einen Wolf verloren hat, schämt sich der Schäfer, weil er nicht alles für den Schutz seiner Herde getan hat." Professor Josip Kusak von der Universität Zagreb mag es nicht böse gemeint haben, aber natürlich ist so ein Satz inmitten von Schafzüchtern, Nutzviehhaltern und deren Verbandsvertretern provokant. Beim internationalen Wolfskongress "Mensch, Wolf!" in Wolfsburg tauschten Experten aus den USA, Norwegen, Italien und Osteuropa ihre Erfahrungen mit dem Raubtier aus. Nicht immer kann man diese Erfahrungen übertragen auf die Wolfsrudel in Niedersachsen. Kusak war im äußersten Osten der Türkei, in Frankreich und an vielen anderen Orten in Europa, um das Wolfsmanagement in seinem Land zu verbessern. Er erzählte in Wolfsburg von seinen Begegnungen im Nordosten der Türkei, wo die Menschen ihr Geld nicht auf der Bank, sondern in Form von Herden auf den Weiden haben.

Gräben zwischen Mentalitäten

Die Wölfe in Niedersachsen werden von einem großen Teil der Gesellschaft und der Politik gewünscht und laufen bei ihren Streifzügen auch Schafen über den Weg, von denen einige gerissen werden. In der Natur ist das eben so, aber die Schafe in Niedersachsen bedeuten für manche Menschen ihre Existenzgrundlage. Abgesehen von Gräben zwischen Mentalitäten ist dies ein reales Problem, für das auch auf dem Wolfskongress Lösungen gesucht und angeboten wurden. 

Chronologie: Der Wolf in Niedersachsen (ab 2015)

Herdenschutzhunde als Lösung

Die Schäfer in der Türkei würden sich keine großen Sorgen wegen der Wölfe machen, so Professor Kusak. Auch dort fressen Wölfe hauptsächlich domestizierte Tiere, weil es kaum freilaufendes Wild gibt, wie er berichtete. Aber die Schäfer schützen sich mit Gewehren und riesigen Herdenschutzhunden. Auch in Kroatien sei es üblich, neben Hütehunden auch große Herdenschutzhunde einzusetzen. Diese Biester wie zum Beispiel spanische Mastiffs können es locker mit ihren wilden Brüdern aufnehmen.

Dann doch lieber ein scheuer Wolf …

"Ich habe mal erlebt, wie drei dieser spanischen Mastiffs auf mich zugestürmt sind, und ich weiß nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn stattdessen so ein scheuer Wolf herumgelaufen wäre", hielt jedoch Regina Walther dagegen, die als Vertreterin des sächsischen Schaf- und Ziegenzuchtverbandes nicht im Verdacht steht, Wölfen besonders nahe zu stehen. "Weidetierhalter brauchen den freilaufenden Wolf nicht", sagte sie beim Wolfskongress klar. Aber sie gab auch scherzhaft zu: "Wenn der Wolf Gras fressen würde, hätten wir auch was dagegen." Den Einsatz von Herdeschutzhunden in Deutschland sah sie kritisch. Zum Beispiel bei der Haltung von Schafen auf Deichen, wo ja mitunter auch mal Menschen unterwegs seien.

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Das Interesse am Kongress ist groß: In Wolfsburg diskutieren Wissenschaftler, Umweltschützer, Tierrechtler, Politiker, Jäger und Schäfer.
"Ein Schäfer auf 100 Tiere ist unrealistisch"

In Kroatien würde man die Hunde nicht alleine lassen, so die Erfahrungen von Professor Kusak. Es seien immer ein Schäfer und ein Hund pro 100 Weidetiere dabei. Nun seien aber in Deutschland oft Herden mit 600 Tieren unterwegs, die einem Schäfermeister gehören, rechnete Regina Walter vor. "Wie soll der bei jährlichen Einnahmen von durchschnittlich 25.000 Euro noch fünf weitere Schäfer anstellen?"

Wölfe richten sich offenbar nach dem Wetter

Nicht jede Lösung, die woanders Erfolg hatte, mag auf Niedersachsen übertragbar sein, aber den Austausch darüber scheinen alle Teilnehmer wichtig zu finden. Simone Angelucci vom "Wolfnet"-Projekt in Italien hat beispielsweise durch Beobachtungen der heimischen Wölfe, die inzwischen fast überall in Italien zu finden seien, herausgefunden, dass Angriffe auf Herden vor allem zwischen Juli und Oktober stattfinden, nachmittags, wenn es regnet oder neblig ist, oder nachts, wenn keine Wolken am Himmel sind. "In der Nacht bei klarem Wetter finden die meisten Angriffe von Wölfen statt, die mehr als fünf Tiere reißen", so Angelucci. Nicht nur Zäune, Hunde und Aufklärung helfen also beim Zusammenleben zwischen Wolf und Mensch, sondern auch ein verlässlicher Wetterbericht.

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