Stand: 13.08.2017 11:25 Uhr

Das Hobby des "Graumanix"? Findlinge werfen!

von Tino Nowitzki

Martin Graumann sieht aus, als wolle er jemanden erschlagen. Den breiten Ledergürtel um die Hüfte geschnallt, gräbt er seine Finger in den zentnerschweren Fels vor seinen Füßen und geht tief in die Knie. Ein kurzes Ächzen und er wuppt den Brocken erst bis zur Hüfte und hebelt ihn dann über den Kopf. Als wäre er aus Pappe. Dennoch: Schweißperlen laufen über die Stirn. Adern pumpen sich dick auf. Dann nimmt der Hühne Anlauf und schleudert den Stein meterweit durch die Luft. Verletzten will Martin Graumann damit aber niemanden. Der 38-Jährige betreibt Ultra-Steinstoßen - eine Sportart, die ursprünglich aus der Schweiz kommt und wenige, dafür aber umso eingefleischtere Anhänger hat. Graumann selbst wurde quasi aus dem Stand Europameister und will nun nach dem Weltmeisterschaftstitel greifen. Seitdem nennen ihn Eingeweihte nur noch "Graumanix" - in Anlehnung an den Hinkelstein werfenden Zeichentrick-Gallier Obelix.

Ultra-Steinstoßer Martin Graumann posiert mit seinem Trainings-Gerät: Einem 50 Kilogramm schweren Findling. © NDR Fotograf: Tino Nowitzki

Wie wirft man einen Hinkelstein?

Falls Sie schon immer mal wissen wollten, wie man einen 50-Kilo-Stein wirft: "Graumanix" Martin Graumann zeigt, wie's geht. Er tritt demnächst zur Weltmeisterschaft im Ultra-Steinstoßen an.

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50 Kilogramm? "Ich hielt das erst für einen Witz!"

Für Martin Graumann ist der Umgang mit schweren Gewichten so alltäglich wie Schuhe schnüren. Schließlich kommt der 38-Jährige Mann aus Heimerode (Landkreis Goslar) aus der Leichtathletik und hat dort schon alles geworfen und geschleudert, was er greifen konnte. Auch Titel im Kugelstoßen hat er bereits gewonnen. Dazu regelmäßige Workouts im Fitnessstudio - das 1,96 große und 107 Kilo schwere Kraftpaket kann so leicht nichts schrecken. Dementsprechend lässig hatte er es auch genommen, als er zum ersten Mal vom Ultra-Stein hörte. "50 Kilo werfen? Ich hielt es für einen Witz", sagt Graumann. Probieren wollte er es trotzdem. In der Leichtathletik konnte er wegen seines Alters sowieso nichts mehr holen. Als er so einen Brocken dann mal in der Hand hatte, war er doch überrascht. "Den Stein bis zur Hüfte heben können noch viele", sagt der Extremsportler. Das, was dann kommt, sei der Knackpunkt: Wenn man den unhandlichen Zentner aus den Armen und dem Rücken über den Kopf hieven und dann noch ein paar Meter damit rennen muss.

Europameister nach nur wenigen Wochen Training

Denn genau darum geht es beim Ultra-Steinstoßen: Es gehört zu den sogenannten Spezial-Sportarten und wird in Deutschland vom Verein "LSW Spezialsport" organisiert. Zwar gibt es dort neben dem Ultra-Steinstoßen auch noch so ausgefallene Wettkämpfe wie Eisenschleuderwerfen oder das Schleudern von Lederbällen. Martin Graumann war aber von Anfang an vom Ultra-Steinstoßen angefixt: 25 oder 50 Kilogramm bringen die Brocken in der Regel auf die Waage - und wie man sie durch die Luft befördert, ist nahezu egal. Wichtig sei eigentlich nur, dass der Sportler den Stein selbst aufhebt und dass dieser ohne Übertreten so weit wie möglich fliegt, so Graumann. Die für ihn beste Technik hatte sich der Heimeröder ursprünglich auf Youtube abgeguckt: Den Stein mit beiden Armen über dem Kopf halten und dann wie ein Katapult im Lauf nach vorne schießen. Das klappte von Anfang an ziemlich gut. So gut, dass Graumann schon nach sechs Wochen Training an seiner ersten Europameisterschaft teilnahm. "Ich wollte eigentlich nur aus Jux mitmachen", sagt er. Doch dann wurde der aus dem Stand Europameister.

"Zu leicht fühle ich mich nicht wohl"

Der Erfolg in der kuriosen Sportart sprach sich schnell herum: Seine Kollegen in der Gemeindeverwaltung Liebenburg waren begeistert und fingen an, ihn "Graumanix" zu nennen. Nur ein Kollege hatte gescherzt, dass 50 Kilo ja ein Kinder-Gewicht sei. Graumann legte ihm am nächsten Tag seinen Trainingsstein auf den Bürostuhl. "Gelacht hat er dann nicht mehr, sondern überlegt, wie er ihn weg bekommt", so der Ultra-Steinstoßer. Der Brocken war ursprünglich ein Geschenk von Graumanns Chef, als der von seinem Hobby hörte: Ein 50-Kilo-Findling, mit dem der Hüne sicherheitshalber nur auf dem Sportplatz um sich wirft. 3,79 Meter war sein weitester Wurf im Wettkampf. "Im Training schaffe ich manchmal sogar mehr", sagt Graumann. Klar, dass er dafür ordentlich ackern muss: Zwei- bis dreimal in der Woche wirft er mit Steinen. Im Winter, wenn der Findling durch Kälte und Nässe zu unsicher zu handhaben ist, plagt sich der Extremsportler dann nur im Fitnessstudio: Bankdrücken, Kniebeugen, Kreuzheben. Dazu isst der "Graumanix" Mengen, die seinen Namens-Vetter Obelix neidisch machen würden: Wenn seine Büro-Kollegen zur Salatbar steuern, vertilgt Martin Graumann schon mal ein Kilogramm Lasagne. Wenn er sich eine Nudelpfanne macht, würfelt er mal eben 600 Gramm Hähnchen mit hinein: "Dann futtere ich meist auch alles auf einmal", so der Findling-Werfer. Denn: "Zu leicht fühle ich mich nicht wohl." Außerdem müsse er dem Stein auch etwas entgegen setzen.

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Sieg in Ungarn wäre Karriere-Höhepunkt

Graumanns 50-Zentimeter-Oberarme sprechen für sich. Muskeln nur zum Posieren? Das wäre nichts für den Athleten. "Ich möchte die ganze Kraft auch einsetzen", sagt er. Am kommenden Donnerstag bricht er zur Weltmeisterschaft der Spezialsportarten in Ungarn auf. Dort findet sich der Heimeröder in bester Gesellschaft befinden: Ex-Leichtathleten wie er, aber auch Kraftsportler und Strongmen - also Typen, die normalerweise Lastwagen ziehen. Trotzdem glaubt Graumann an die Chance auf Sieg: "Ich bin aber auch keiner, der glücklich damit ist, teilgenommen zu haben." Sein Ziel: Nicht nur im Training, sondern auch bei der WM über vier Meter zu stoßen. Es wäre sein erster Weltmeister-Titel im Ultra-Steinstoßen und ein Karriere-Höhepunkt. Derweil hat der Extrem-Sportler sein Auge auch auf andere Kraft-Wettkämpfe geworfen. Ein Ziel: Bei den Highland-Games ganze vorne mitspielen. Dort fliegen zwar eher Gewichte aus Metall oder Baumstämme. Doch Martin "Graumanix" Graumann ist sich sicher: "Ein paar Findlinge werde ich zwischendurch immer noch werfen!"

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Hallo Niedersachsen | 18.08.2017 | 19:30 Uhr

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