Stand: 07.02.2017 21:50 Uhr

Carolo-Cup: "Ich würde nicht damit fahren!"

von Tino Nowitzki
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Autom fahrende Autos haben ihre Tücken - die kennen auch die Teilnehmer des Carolo-Cups.

Als sich vor 30 Jahren David Hasselhoff hinstellte und mit seiner Armbanduhr sein sprechendes und selbst fahrendes Auto heran rief, war das pure TV-Zukunfts-Fiktion. Heute arbeiten Autohersteller, namhafte IT-Unternehmen und Forscher auf Hochtouren genau daran. Das Ziel: selbstständig denkende und fahrende Autos möglichst bald auf deutsche Straßen zu bringen. Bei einer so jungen Technologie mischen natürlich auch Nachwuchstalente mit - das zeigt der Carolo-Cup in Braunschweig, bei dem sich gerade wieder Studenten-Teams mit ihren selbst fahrenden Mini-Autos miteinander gemessen haben. Doch der Wettbewerb demonstriert nicht nur, dass die Mini-Autos genauso viel können wie ihre großen Pendants aus der Feldforschung. Sie haben auch die gleichen Probleme.

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Braunschweiger flitzen beim Carolo-Cup allen davon

07.02.2017 19:30 Uhr

17 studentische Teams haben beim Carolo-Cup in Braunschweig zwei Tage gezeigt, was ihre autonomen Mini-Flitzer können. Am besten schnitt erneut das Braunschweiger Team CDLC ab. mehr

Braunschweig als Forschungsschwerpunkt

Dass der Carolo-Cup in Braunschweig stattfindet, ist kein Zufall. In kaum einer anderen Stadt wird so intensiv am autonomen Fahren geforscht: So plant das Verkehrsforschungszentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zusammen mit dem Land Niedersachsen und den Konzernen Volkswagen und Continental einen Testring für Roboter-Autos. Zu ihm sollen auch Teile der Autobahnen 2, 39 und 7 gehören. Zusätzlich rollt auf Braunschweigs Straßen schon seit sieben Jahren das intelligente Auto "Leonie", mit dem auf dem Stadtring autonomes Fahren getestet wird. Es ist eine Kooperation des DLR mit der Universität Braunschweig (TU) und soll im realen Straßenverkehr vieles von dem machen, wozu es bisher noch einen Fahrer braucht: Verkehrsregeln beachten, Stopp-Schilder erkennen, sich eigenständig dem fließenden Verkehr anpassen und natürlich selbst auf Gas und Bremse treten. All das kann "Leonie". Doch das heißt nicht, dass wir schon bald im Auto ein Buch lesen können, sagt Professor Markus Maurer vom Lehrstuhl für elektronische Fahrzeugsysteme der TU.

Der Carolo-Cup

Bei dem Wettbewerb messen sich in Braunschweig studentische Teams aus ganz Deutschland - es geht darum, wer das beste selbst fahrende und effizienteste Mini-Auto entwickelt hat. Die Aufgabe: Der Auftrag eines fiktiven Fahrzeugherstellers, anhand eines Modellfahrzeugs im Maßstab 1:10 ein möglichst kostengünstiges und energieeffizientes Gesamtkonzept eines autonomen Fahrzeuges zu entwickeln, herzustellen und zu demonstrieren. Die Disziplinen sind unter anderem Einparken und das Abfahren einer Strecke mit Hindernissen oder mit fehlender Fahrbahn-Markierung. Die Aufgaben müssen möglichst schnell und fehlerfrei bewältigt werden, das Konzept müssen die Studenten in einer Präsentationen erläutern.

Noch immer gravierende Probleme bei Selbstfahr-Autos

Denn selbst fahrende Autos wie "Leonie" haben noch immer ihre Tücken. "Die Probleme autonom fahrender Autos werden in den nächsten Jahren nicht einfach behoben sein", sagt Maurer, der seit mehr als 20 Jahren auf dem Gebiet forscht und mit "Leonie" schon viele Kilometer gefahren ist. Die größte Herausforderung sei demnach, die menschlichen Sinne maschinell nachzuahmen. "Unter perfekten Umweltbedingungen klappt das schon ganz gut", sagt der Forscher. Doch bei schlechtem Wetter oder zum Beispiel Lichtspiegelungen bekämen die oft kamerabasierten Systeme schnell Probleme. Hinzu kämen andere Unsicherheitsfaktoren: zum Beispiel, wenn sich ein Auto nicht so verhalte, wie es die Programmierung des Roboter-Autos erwartet. "Oder wenn plötzlich ein Fahrradfahrer oder ein Kind auftaucht", so Maurer. Dass da noch immer große Fehlerquellen liegen, habe letztlich auch ein Tesla-Unfall gezeigt.

Mini-Roboter-Autos gewinnen und versagen wie die großen

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Das diesjährige selbst fahrende Mini-Auto des Teams CDLC beim Carolo-Cup.

Vor ähnlichen Problemen stehen auch die studentischen Teilnehmer des Carolo-Cups. Auch hier setzt der Wettbewerb von den selbst fahrenden Modell-Autos im zehnfach kleineren Maßstab einiges an Intelligenz voraus: Einparken, Hindernisse umfahren, das Tempo-Limit einhalten oder am Stopp-Schild halten und auf die Vorfahrt achten. Selbst auf Strecken mit teilweise fehlender Fahrbahnmarkierung können sich Mini-Roboter-Autos wie "Carolinchen" vom Braunschweiger Team CDLC orientieren. Zwar habe man auch eine Möglichkeit gefunden, Lichtspiegelungen in der Auto-Kamera zu vermeiden, sagt CDLC-Mitglied Oskar Maier. Doch die Mini-Systeme zeigten ihre Grenzen auf: "Das klappt alles ganz gut in der Wettbewerbsumgebung", so der Elektrotechnik-Student. Anders sähe es hingegen aus, wenn Hindernisse statt weißer Pappkartons Fahrradfahrer seien, die sich vielleicht nicht an die Straßenverkehrsordnung halten. Und: Die Mini-Roboter-Autos haben immer wieder Unfälle. Maier: "Wäre 'Carolinchen' ein großes Auto - ich würde nicht einsteigen."

Experte: Politik muss Regeln festlegen

Doch damit selbstständig fahrende Autos zukünftig im Straßenverkehr zugelassen werden, müssen die Ansprüche höher sein. Wie hoch - dahinter sieht Professor Maurer von der TU Braunschweig noch ein dickes Fragezeichen: "Bisher hat niemand definiert, wie sicher so ein selbstfahrendes Auto sein muss. Zum Beispiel wie viele Unfälle man hinnehmen kann." Dafür sieht er die Ethik-Kommission des Bundesverkehrsministeriums in der Pflicht. Die Politik müsse auch festlegen, welchen Mindestzustand die Verkehrsinfrastruktur künftig haben soll, um sicheres autonomes Fahren zu ermöglichen: Von der Qualität der Fahrbahn-Markierung bis zur Größe eines Schlaglochs. Auch rechtlich gebe es noch Hürden: So würden die bisher geplanten Gesetze dem Fahrer eines selbst fahrenden Vehikels eine Mitschuld bei Unfällen geben. "Das kann natürlich nicht sein, wenn das System den Fehler macht", so Maurer.

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Carolo-Cup: Autos fahren wie von alleine

Ein kurzer Film vom Carolo-Cup im letzten Jahr. Das Besondere an dem Wettbewerb: Die Autos sind computergesteuert und fahren so von ganz alleine. Video (02:12 min)

Chauffeur-Service durch Selbstfahr-Autos

Von Selbstfahr-Autos für den normalen Straßenverkehr sei man noch ein Stück weit entfernt, glaubt der Uni-Professor. Selbst wenn fast jeder Konzern inzwischen ernsthaft Serienmodelle plane. Und selbst wenn neben der Braunschweiger "Leonie" bereits viele weitere Prototypen existierten - unter anderem Googles "Waymo". "Google hat zwar mehr getestet als alle anderen", sagt Maurer, aber die Probleme gebe es hier auch. Trotzdem glaubt der Wissenschaftler, dass es schon bald Veränderungen auf Deutschlands Straßen geben könnte. So sei es realistisch, dass Teile der autonomen Systeme bald einsetzbar sind - ähnlich dem Spurassistenten oder der Einpark-Automatik, die es schon jetzt gibt. So kann sich der Experte beispielsweise Parkhaus-Piloten vorstellen: Roboter-Autos, die als Shuttle zum eigenen Pkw dienen. Auch der VW-Stratege Johann Jungwirth hatte die Vorstellung geäußert, dass zur nächsten Fußball-Europameisterschaft riesige Flotten von Roboter-Autos die Menschen zu den Spielorten bringen könnten.

"Es wird Tote geben"

Für Forscher Maurer wäre solch ein schleichender Einführungsprozess sinnvoll. Auch in Hinblick auf die Akzeptanz durch die Bevölkerung. Rollen Roboter-Autos erst einmal durch die Straßen, so Maurer, müsse man nämlich mit Negativ-Schlagzeilen rechnen: "Es wird Unfälle geben. Es wird auch Verletzte und Tote geben." Doch sobald Selbstfahr-Autos erst einmal Zuverlässigkeit bewiesen haben, werden die Menschen sich schnell daran gewöhnen - das zumindest ist die Überzeugung von Carolo-Cup-Teilnehmer Oskar Maier. Er schaut optimistisch nach vorne: "Roboter-Autos werden vielen Menschen eine Hilfe sein. Zum Beispiel Blinden. "Und die Technik werde sich weiter entwickeln - an ihrem "Carolinchen" tüfteln er und seine Teamkollegen schon jetzt weiter: So soll es künftig von allein auch mit starken Steigungen zurechtkommen.

Ein autonom fahrende Modellauto parkt ein

Carolo-Cup: Autonom fahrende Modellautos

Hallo Niedersachsen -

Mit selbst gebauten, autonom fahrenden Modellfahrzeugen treten 17 studentische Teams beim zehnten Hochschulwettbewerb Carolo-Cup in der Braunschweiger Stadthalle gegeneinander an.

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Hallo Niedersachsen | 07.02.2017 | 19:30 Uhr

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