Stand: 23.06.2015 08:41 Uhr

Auf der Zielgeraden der "Allgäu-Orient-Rallye"

von Maximilian Engel

111 Teams sind bei der "Allgäu-Orient-Rallye" mit jeweils drei Autos und sechs Mitgliedern von Bayern in die jordanische Hauptstadt Amman unterwegs gewesen - ohne Navis und ausschließlich auf Nebenstrecken. Mit dabei waren die "Drei Seifenkisten", die - passend zu ihrem Namen - kiloweise gespendete Seife zu einem Flüchtlingscamp brachten. Das Team bestand zur Hälfte aus gebürtigen Göttingern - darunter NDR.de Mitarbeiter Maximilian Engel, der jetzt von der letzten Etappe berichtet.

Früh am Morgen klingelt der Wecker. Allen steckt die vergangene Nacht noch in den Gliedern, verschlafen schleppen sich "die Seifenkisten" unter die Dusche. In der Unterkunft, die uns von einer jordanischen Familie kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, konnten wir unsere Seifen für die französische Hilfsorganisation Dar al Yasmin (DAY) zwischenlagern, bevor es auf die letzte große Wüstenetappe geht. Rund eine Stunde lang stapeln wir Gepäck und Kartons voller Seife im Hinterhof des modernen Wohnkomplexes im Bankenviertel von Amman. Dadurch sind die "Drei Seifenkisten" deutlich leichter, schneller und beschleunigen besser - ein Vorteil gegenüber den anderen Teams.

"Allgäu-Orient-Rallye": Triumph in Amman

Unterwegs mit einem Gefühl von Freiheit

Im Team hat sich die Tradition entwickelt, spät dran zu sein. Wir fahren mit überhöhter Geschwindigkeit durch die lebendigen Gassen der jordanischen Hauptstadt, um es halbwegs rechtzeitig zum Start des Rennens zu schaffen. Männer in orangen Overalls kehren mit Reisigbesen die Straßen, Herren in Anzügen sind auf dem Weg ins Büro. Viele Frauen mit, viele Frauen ohne Kopftuch. Die Zivilgesellschaft erscheint uns liberaler zu sein als in Mersin. Das Gefühl mit dem wir durch den sonnigen Morgen fahren, ist ein freieres als zuletzt in der Türkei.

Kekse und Fruchtsaft zum Frühstück

An einem kleinen Supermarkt halten wir. Philipp besorgt Frühstück. Es besteht diesmal aus verschiedenen Kekssorten und süßem Fruchtsaft in kleinen Plastikflaschen mit Schraubverschluss. "Obst hatten die nur in Dosen", sagt er entschuldigend, während hinter ihm eine junge Frau mit blonden Haaren entlangläuft. "Die erste blonde Person seit mindestens zwei Wochen", sagt Juri und lässt den Motor aufheulen.

Direkt in der Auffahrt zu der vierspurigen Schnellstraße in Richtung al-Mafraq stehen mehrere Imbiss-Buden samt Außenbestuhlung. Dass der Verkehr mit durchschnittlich 150 Stundenkilometern nur drei Meter entfernt ist, scheint niemanden zu stören - am wenigsten die Betreiber.

Sieg mit unlauteren Methoden?

Den Startpunkt des Wüstenrennens erreichen wir mit leichter Verspätung, die übrigen Teams starten gerade und fahren uns entgegen. "U-Turn", ruft David ins Funkgerät und die drei "Seifenkisten" machen in Windeseile eine Kehrtwende - direkt neben der Sandpiste. Erbostes Hupen anderer Teilnehmer hallt durch die staubtrockene Steppe ob dieses fragwürdigen Manövers, das unser Team aber auf einen der ersten Plätze befördert - wenn auch mit unlauteren Methoden.

"Seifenkisten" stoßen mit Soldaten zusammen

Auf dem Beifahrersitz kauernd halte ich den Griff über der Tür fest umschlossen, während Juri am Steuer mit Tempo 120 durch die jordanische Wüste fegt. Philipp und David geben mit dem blauen Subaru einmal mehr das Tempo vor - bis alle anderen Teams hinter uns liegen und nur noch ein Krankenwagen mit Blaulicht vor uns über die Piste heizt - das Leitfahrzeug. Wir überholen den letzten Wagen mit Getöse und fahren nun ziellos durch das staubige Nirgendwo - bis wir plötzlich in einer Traube von rund einem Dutzend schwerbewaffneten Soldaten stehen, die offenbar mitten in der Wüste ein Manöver abhalten. Sie halten Rücksprache mit einem Vorgesetzten, doch niemand hat von einer Rallye gehört.

Reifenwechsel mitten in der Wüste

Wir machen kehrt, fahren zurück und bekommen mal wieder einen Platten. "Wieder ein Fahrfehler", sagt David lachend. Denn wieder sitzt Philipp am Steuer des blauen Subarus, der jetzt schnellstens geflickt werden muss. "Schnell, schnell, schnell", treibt er die anderen an, die jetzt mit vereinten Kräften den Wagen aufbocken, die Radmuttern lösen und den hauchdünnen Vorsprung verteidigen wollen. Zum ersten Mal spüren alle im Team enormen Ehrgeiz - einen unbändigen Willen, wenigstens dieses Wüstenrennen zu gewinnen, wenn es schon nicht mit dem Gesamtsieg klappt.

"Wir haben mehr Glück als Verstand"

Ohne Plan über den Streckenverlauf fahren wir immer weiter der Nase lang und sehen am Horizont schließlich ein kleines Lager aus Zelten und Fahrzeugen. Das Ziel. Juri tritt das Gaspedal nun so stark durch, dass er fast im Motorraum landet, während links von uns das Team "Royal Jordanian" auftaucht. Kopf an Kopf geht es bis zur Ziellinie, die wir mit einer Nasenlänge voraus als erste überqueren. "Meine Güte, wir haben mehr Glück als Verstand", witzelt David.

Stückseife, Duschgel und Seifenblasen für die DAY

Nach diesem adrenalingeladenen Höhenflug geht es am Nachmittag deutlich entspannter zu. In einem Wohnviertel von Amman erledigen wir, wozu wir die weite Reise eigentlich angetreten haben - und übergeben die Stückseife, das Duschgel und die Seifenblasen an die Hilfsorganisation DAY. Gemeinsam mit mehreren DAY-Mitarbeitern tragen wir die vielen Kartons in ein Wohnzimmer, das als Lagerraum genutzt wird und bereits gut gefüllt ist mit Plüschtieren und anderen Hilfsgütern. Die tropischen Temperaturen treiben allen den Schweiß auf die Stirn, nach einer kurzen Unterhaltung und einem kühlen Getränk machen wir uns auf zum Toten Meer.

Ein Moment der Wehmut

In den jordanischen Abendhimmel fahrend sagt Juri: "Das ist jetzt wirklich die letzte Etappe." Noch einmal halten wir die Köpfe aus den Fenstern und lassen uns die warme Luft um die Nase wehen, rasen mit zu hoher Geschwindigkeit die Küste entlang. Es bleibt ungewiss, ob uns in diesem Moment die Wehmut oder einfach die Erschöpfung packt, aber viel wird auf den letzten Kilometern zum Hotel nicht mehr gesprochen.

7.000 Kilometer über Asphalt und Sand - und ein Kamel für die Sieger

Wir entladen den blauen, den grünen und den roten Subaru - unsere Autos, die uns die letzten 7.000 Kilometer so treu über Asphalt, Sand und sonstigen Untergrund transportiert haben. In einem schmucklosen Raum mit zwei Tischen geben wir die Schlüssel ab und verbringen noch einige merkwürdig ereignisarme, ruhige Tage im "Crowne Plaza". In dem Hotel am Toten Meer findet am letzten Abend auch die Siegerehrung statt. Alle Teams werden aufgerufen und erhalten auf einer Bühne ihre silbernen Medaillen. Beim anschließenden Abendessen in der Hotelanlage reiten die Sieger zwischen den Tischen auf dem Kamel entlang, das den Hauptpreis darstellt.

Am nächsten Morgen geht es zurück nach Deutschland, in gecharterten Flugzeugen nach Berlin, Frankfurt und München - zurück in die Normalität.