Stand: 26.08.2017 08:00 Uhr

30 Jahre Protest: "Schacht Konrad ist ein Fehler"

Ursula Schönberger ist seit 30 Jahren in der AG Schacht Konrad aktiv. Zunächst hatte sich die gebürtige Bayerin im Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf engagiert. Später verschlug es die heute 55-Jährige ins Braunschweiger Land, wo sie sich dem Protest gegen die Einlagerung von Atommüll anschloss. Heute setzt sie sich für die kritische Auseinandersetzung mit den Atommüllprojekten Schacht Konrad, Eckert und Ziegler, Asse II und Morsleben ein.

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Lange her: Ursula Schönberger betrachtet Fotos aus der Gründungszeit der AG Schacht Konrad.

Warum kam es 1987 zur Gründung der AG Schacht Konrad?

Ursula Schönberger: Vier, fünf Leute haben diese Idee entwickelt, weil nach der Katastrophe von Tschernobyl klar war, die Frage "Ausstieg aus der Atomenergie" ist eine gesamtgesellschaftliche. Man ist nicht mehr in der Nische, sondern es gibt ganz viele Organisationen, die jetzt gegen Atomenergie sind. Wir waren vorher eine Bürgerinitiative in Braunschweig und haben gesagt, das ist jetzt eine neue Kraft, die wir entwickeln müssen. Wir müssen uns zusammenschließen mit vielen anderen Organisationen. Es sind Kommunen Mitglied bei der Arbeitsgemeinschaft, das Landvolk ist Mitglied, Gewerkschaftsgliederungen sind Mitglied und Windstrom ist später dazugekommen. Es ging uns darum, den Widerstand gegen Atomenergie, aber auch gegen die Atomprojekte in unserer Region zusammenzufassen und diese Breite und damit eine neue Qualität in der Auseinandersetzung zum Tragen zu bringen. Dadurch, dass man viele verschiedene Sichtweisen zusammenfasst, wird man sehr kreativ, sehr produktiv und sehr stark. Und darum ging es uns.

AG Schacht Konrad feiert 30 Jahre Widerstand

Was verbuchen Sie als die großen Erfolge der AG Schacht Konrad?

Schönberger: Sofort nach der Öffnung der Grenze zur DDR war klar, dass die Bundesrepublik das alte Atommülllager Morsleben der DDR einfach weiter nutzen möchte. Sie hat dafür auch die rechtlichen Grundlagen geschaffen. Und wir haben sofort ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben, haben Klagen organisiert gegen die Einlagerung von Atommüll in Morsleben und haben es geschafft, einmal von 1991 bis 1994 das Projekt zu stoppen, und 1998 war dann gerichtlich Schluss. Das war ein sehr großer Erfolg, weil die Bundesregierung durchaus weiter einlagern wollte. Ein weiterer großer Erfolg: Anfang der 90er-Jahre sollten in der Asse II Versuche mit hochradioaktiven Abfällen gemacht werden, obwohl bekannt war, dass Lauge zufließt. Dagegen haben wir auch erfolgreich den Widerstand organisiert. Und auf keinen Fall weniger wichtig ist, dass wir es geschafft haben, bis jetzt die Einlagerung von Atommüll in Schacht Konrad  zu verhindern. In meinem Archiv sind Zeitungsartikel, da steht drin: 1988 wird Schacht Konrad in Betrieb gehen. Und wir haben es geschafft, das schon 30 Jahre zu verhindern. Wir haben damit meines Erachtens großen Schaden von der Bevölkerung hier abgewendet.

Mit einer Klage gegen die Einlagerung von Atommüll in Schacht Konrad ist die AG aber gescheitert. Wie herb war dieser Rückschlag?

Schönberger: 2008 nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ging es uns allen, mir auch, ziemlich schlecht. Damals habe ich mich darauf eingestellt, zu sagen: Okay, jetzt kommen irgendwann die Atomtransporte und dann muss man sich vielleicht dort hinsetzen. Das hat sich dann geändert, weil 2008 der Betreiber sagte: Wir gehen 2013 in Betrieb. Dann wurde es 2014, dann 2017, heute heißt es: frühestens 2022. Und dann war für uns klar: Das Ganze funktioniert überhaupt nicht so, wie die sich das vorgestellt haben. Und dann haben wir auch die Chance, dazwischen zu kommen und politisch wieder aktiv zu werden. Das haben wir auch geschafft. Aber 2008 dachte ich: Jetzt ist es verloren, in fünf Jahren rollen hier die Atomtransporte. Aber sie tun es immer noch nicht.

Haben Sie damals darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen?

Schönberger: Nein! Dann erst recht nicht (lacht). Nur weil man eine Niederlage oder einen Rückschlag hat, kann man ja nicht aufgeben. Sondern dann heißt es ja erst recht, dass man versuchen muss, wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Wenn ich weiß, dass Konrad nicht geeignet ist, dann habe ich auch die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es verhindert wird. Es kann sein, dass ich es am Ende nicht schaffe. Aber ich würde ja meine Verantwortung nicht übernehmen, wenn ich sage: "Jetzt bin ich deprimiert, jetzt mache ich nichts mehr."

Aber ist die politische Debatte um die Einlagerung von Atommüll in Schacht Konrad nicht längst beendet?

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Ein Bild aus dem Protest-Archiv: 2010 demonstriert Schönberger mit Gleichgesinnten am Atomkraftwerk Brokdorf für den Ausstieg aus der Atomkraft.

Schönberger: Nein. Es gibt Gelder des Bundesumweltministeriums für die Phase 1 der "Überprüfung der sicherheitstechnischen Anforderungen von Schacht Konrad nach dem Stand von Wissenschaft und Technik". Dazu gibt es übrigens ganz aktuell auch eine Antwort auf eine Bundestagsanfrage, die wir hatten stellen lassen. Es ist schon klar, dass die Bundesregierung jetzt nicht sagt: "Oh, wir haben das jetzt eingesehen, dass Konrad ein Problem ist." Aber sie sind immerhin so weit, dass sie diese Überprüfung von Stand von Wissenschaft und Technik zumindest formal angehen. Was dabei herauskommt, wird sehr viel von politischer Aktivität hier in der Region abhängen. Solange kein Fass in Konrad liegt, gibt es immer noch die Chance, die Inbetriebnahme zu verhindern. Und selbst wenn eines Tages eingelagert wird, ist es trotzdem unsere Aufgabe zu versuchen, die Einlagerung zu stoppen, so wie wir es auch in Morsleben gemacht haben. Denn ich bin überzeugt davon, dass Konrad wirklich ein Fehler ist.

Die AG Schacht Konrad hat sich zum Ziel gesetzt, im Jubiläumsjahr neue Mitglieder zu werben. Wie erfolgreich ist dieses Projekt?

Schönberger: Es könnte besser sein. Wir haben jetzt 18 neue Mitglieder und wir haben drei Leute, die aktiv mitmachen. Allerdings hätten wir gerne junge Menschen, die bei uns aktiv mitarbeiten. Da sind wir noch nicht so weit. Aber das Jahr ist noch nicht zu Ende und wir arbeiten weiter daran.

Also eine Herausforderung für die Zukunft. Ist das Thema Atommüll für junge Menschen überhaupt noch wichtig?

Schönberger: Wir hatten jetzt eine Sommerakademie, da waren auch junge Leute, die sich engagieren. Und da merkt man, dass ein Teil der Leute das auch als wichtiges Problem erkannt hat. Insgesamt ist es schwierig. Die Frage, wie der Atommüll sicher verwahrt werden kann, ist nicht so einfach zu lösen wie die Frage, wie gehe ich mit Atomkraftwerken um. Denn da kann ich einfach sagen: Die schalte ich ab. Da habe ich einen hundertprozentigen Sicherheitsgewinn. Bei der Frage Atommüll ist es wesentlich schwieriger und es sind viel mehr Fachfragen, die es zu diskutieren gilt. Das ist nicht so eine massenmobilisierungsfähige Frage. Das wird sicherlich in den nächsten Jahren nicht so einfach werden. Auf der anderen Seite bleibt uns nichts anderes übrig, als die junge Generation darauf hinzuweisen, dass sie das erben wird.

Das Interview führte Franziska Mahn, NDR.de.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 25.08.2017 | 17:00 Uhr