Stand: 03.10.2015 09:00 Uhr

25 Jahre Einheit - 40 Jahre Verbundenheit

von Jürgen Jenauer

Der Pferdeberg im Untereichsfeld bei Duderstadt (Landkreis Göttingen) ist ein landschaftlich reizvolles Gebiet. Und er ist ein klassisches Beispiel für eine deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte. Denn die umliegenden Kommunen haben eine Gemeinschaft gegründet, die sich um den Erhalt der Landschaft bemüht. Das Besondere: Den sogenannten Pferdebergausschuss gibt es nicht erst seit der Wiedervereinigung. Er feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen.

Ein Abschnitt eines ehemaligen Grenzzaunes. © NDR Fotograf: Jürgen Jenauer

"Weder Reh noch Hase kam über die Grenze"

Gerd Goebel erzählt von der Geschichte des Pferdebergs bei Duderstadt. Seit 40 Jahren kümmert sich der Pferdebergausschuss grenzübergreifend um Aussichtsturm, Landschaft und Co.

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Teistungen kam nach der Wende dazu

Zu DDR-Zeiten teilte die Grenze zwischen West- und Ostdeutschland, zwischen Niedersachsen und Thüringen, auch den Pferdeberg. Vier Gemeinden schlossen sich bereits Mitte der 1970er-Jahre zusammen, um sich um das heutige Landschaftsschutzgebiet zu kümmern: Duderstadt im Westen, Tiftlingerode, Gerblingerode und Immingerode im Osten. Teistungen hingegen konnte nicht mitmachen. Das Dorf waren hinter Stacheldrahtverhauen und Grenzzäunen vom lieblichen Waldstück auf der anderen Seite abgeschnitten - in der DDR. "Ein paar persönliche Kontakte gab es zwar, aber nichts Offizielles, das war ja hochverboten", sagt Gerd Goebel dazu. Der Ortsbürgermeister der Gemeinde Tiftlingerode ist gleichzeitig Mitglied im Pferdebergausschuss. Doch nach der Grenzöffnung seien die Teistunger sofort dabei gewesen, sagt Goebel. "Für uns gab es da kein Ost und West, sondern nur Untereichsfelder."

Der Pferdeberg erlebte so manchen Fluchtversuch

Auf dem Pferdeberg selbst stand lange der Pferdebergturm. Seit 1984 diente er dazu, die nahe gelegene Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland zu beobachten. Allerdings nicht nur als Aussichtsplattform des Bundesgrenzschutzes, sondern auch für Bürger der umliegenden Gemeinden, die mal einen Blick ins Nachbarland werfen wollten. "Hier hat es auch viel Leid gegeben", sagt Goebel. Der 65-Jährige erinnert sich an den Fluchtversuch eines betrunkenen DDR-Grenzsoldaten, der es mit Müh und Not über die drei Sperrzäune geschafft hatte, beim letzten allerdings eine Selbstschussanlage auslöste. "80 Splitter hatte der abbekommen, er wurde dann hier operiert und ist nach drei Monaten von seiner Mutter wieder heimgeholt worden - in die DDR."

Früher Grenzregion, heute Urlaubsziel

Inzwischen ein Magnet für Wanderer und Naturfreunde

Das Gebiet hat sich inzwischen in einen Touristenmagneten verwandelt. Die Übernachtungsstätte "Kolping Ferienparadies Pferdeberg" hat mehr als eine Million Übernachtungsgäste gezählt, das Grenzlandmuseum Eichsfeld direkt an der ehemaligen Grenze noch einmal so viele Besucher. Hunderte Wanderer und Naturfreunde seien ständig in dem Landschaftsschutzgebiet unterwegs. Und die Anrainergemeinden hätten seit Öffnung der Grenze gemeinsam viel Geld und Arbeit in das Naherholungsgebiet investiert, sagt Goebel. Allein 16.000 Euro wurden aufgebracht, um das Gebiet für Wanderer attraktiver zu machen. Dazu gehöre auch, dass jemand immer wieder aufräumt, so der Ausschuss-Vorsitzende. Denn oft ließen Wanderer ihren Müll einfach liegen.

Waldlehrpfad und alte Grenzbebauungen

Selten treffen historische Relikte wie ein alter DDR-Wachturm, der samt Grenzzaunresten mitten in der Gegend steht, auf moderne Landschaftsbaumaßnahmen wie einen Waldlehrpfad, Bänke zum Verweilen alle paar hundert Meter oder die rund 150 Jahre alten Grenzsteine. Direkt daneben verläuft das "Grüne Band". Am schönsten aber ist laut Goebel, das alle hier an einem Strang ziehen. Der Pferdebergausschuss, der sich um alles kümmert, wird mit Spenden und einem Obulus von den Kommunen finanziert. Trotzdem funktioniert das alles nur mit viel ehrenamtlicher Arbeit - und das, so Goebel, möglichst auch noch die nächsten 40 Jahre.

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