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Dirty Diesel

"Lückenlose Aufklärung", das haben Volkswagen-Chef Martin Winterkorn und der Aufsichtsrat immer wieder versprochen. Jetzt will VW nicht einmal die Ergebnisse der konzerninternen Ermittler veröffentlichen.

Monatelang haben Reporter von NDR, WDR und SZ recherchiert, Dutzende Beteiligte gesprochen, Hunderte Seiten Klageschriften ausgewertet. Der Betrug war nicht das Werk einiger weniger. Er war kein Ausrutscher, sondern hatte System.

Die Rekonstruktion eines Industrieskandals gewaltigen Ausmaßes.

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"Lasst euch nicht erwischen"

"Lasst euch nicht erwischen"

Wolfsburg, Krisensitzung November 2006. Die VW-Motorenentwickler haben ein Riesen-Problem. Ohne Beschiss kann der neue Diesel die strengen US-Abgaswerte nicht einhalten. Die Idee zur illegalen Software kommt von Audi.

"Lasst euch nicht erwischen"

"Lasst euch nicht erwischen"

Am Anfang allen Übels stehen große Ziele: die Nummer 1 werden, der größte Autobauer der Welt, endlich an Toyota vorbeiziehen. Der Weg dahin, da sind sich bei VW alle einig, geht nur über die USA. Dort müssen sie einen sauberen Dieselmotor auf den Markt bringen. Doch was sie bislang haben, ist zu laut und zu dreckig. Mercedes und BMW sind weiter, auch die Konzernbrüder von Audi. VW muss es schaffen, sonst droht - so steht es in internen Protokollen - "Marktabriss". VW würde auf dem US-Markt scheitern. Aber scheitern, das darf man im VW-Konzern nicht.

Unter diesem Druck stehen alle, die in Wolfsburg am "Projekt US07" arbeiten. Ihr Problem: Je sauberer die Ingenieure den Diesel machen, desto schneller verstopft der Rußfilter. In dieser Zeit schauen sie sich auch genau das große Vorbild an: den Audi-Motor aus Ingolstadt. Und sie stellen fest, dass sich in den Innereien des tollen Audi-Motors ein hässliches kleines Geheimnis verbirgt. Eine Software, die den Rollentest der europäischen Zulassungsbehörden erkennt. Solange der Motor getestet wird, fährt er kurzfristig sauber. Auf der Straße aber bläst er ein Vielfaches an Schadstoffen in die Luft.

Diesen Vorsprung durch Technik wollen die Volkswagen-Entwickler auch für sich nutzen. Die  Software soll so umgeschrieben werden, dass sie auch die strengen Tests in den USA erkennt.

Der Ingenieur, bei dem die Bitte landet, will das nicht. Es ist ja Betrug. Und sein Chef will es auch nicht. So heißt es heute im Konzern. Deshalb schreiben die beiden eine Vorlage, in dem sie den Betrug technisch beschreiben. Und sie bitten um einen Termin beim Bereichsleiter. Und da sitzen sie dann alle, im November 2006. Die Dieselentwickler, die sagen, sie bräuchten mal ein bisschen Hilfe und die Software-Spezialisten, die vor Risiken warnen. Unklar ist, ob es am Ende eine wirkliche Entscheidung gibt. Aber einer soll diesen denkwürdige Satz gesagt haben: "Lasst Euch nicht erwischen." Ist der Satz wirklich so gefallen? Er steht so in US-Klagen. Und er passt zu allem, was weiter geschieht.

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"Ist das wirklich euer Ernst?"

"Ist das wirklich euer Ernst?"

Der Betrug ist unter Ingenieuren und Top-Managern umstritten. Nase an Nase schreien sich Führungskräfte deswegen an. Manche wollen immer wieder gewarnt haben. Aber am Ende haben sie alle mitgemacht.

"Ist das wirklich euer Ernst?"

"Ist das wirklich euer Ernst?"

Es herrscht enormer Druck. Die Kosten für das Prestige-Projekt US-Diesel laufen aus dem Ruder, ohne dass die Abgasprobleme wirklich gelöst werden können. Pro Auto über 250 Euro mehr, eine für VW astronomische Summe und trotzdem reicht das nicht, um die Autos sauber genug zu machen.

Der Produktionsstart muss um ein Dreivierteljahr verschoben werden - eine mittlere Katastrophe für die erfolgsverwöhnten VW-Entwickler. Sie gelten als Genies ihrer Zunft. "Geht nicht" gibt's nicht im VW-Konzern. Was die Vorstände wollen, müssen sie umsetzen. Und ganz oben steht VW- Chef Winterkorn, vor dem sie zittern. Kein Wunder, dass die Nerven der Diesel-Entwickler blank liegen.

Bei einer Sitzung stehen sich ein Ingenieur und ein Manager Nasenspitze an Nasenspitze gegenüber und schreien sich an. Den Ingenieur, heißt es, treiben moralische Skrupel, der Manager aber - so wird behauptet - geht über die Bedenken seines Mitarbeiters hinweg. Weitermachen um jeden Preis! Das ist die Devise. Das Projekt sei nicht mehr zu stoppen, so die Ansage von oben. Mehr als ein kurzes Aufbegehren gibt es nicht.

Der Betrug nimmt seinen Lauf. Offen ausgesprochen wird er aber nicht: Die Motorenentwickler sprechen in Chiffren, Papiere dürfen nicht verbreitet werden, oder sie werden nach Sitzungen eingesammelt und vernichtet. Schließlich rollen die US-Diesel aus den Fabriken. Mitte November 2007 zeigen VW-Manager auf der Autoshow in Los Angeles dem kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger stolz den neuen "Clean Diesel". Die Betrugssoftware, ursprünglich als Starthilfe gedacht, wird zur Routine und in den folgenden Jahren wie selbstverständlich in vielen Autos versteckt.

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"Das wird uns um die Ohren fliegen"

"Das wird uns um die Ohren fliegen"

Immer wieder ist die illegale Testerkennung Gesprächsthema. Dutzende wissen von dem Betrug. Manche im Detail, andere vom Hörensagen. Ein offenes Geheimnis.  

"Das wird uns um die Ohren fliegen"

"Das wird uns um die Ohren fliegen"

In einem großen Betrieb wie VW, da kommen und gehen viele. Das Geheimnis der Betrugssoftware ist ab 2007 immer präsent. Es verbreitet sich im Konzern - unter den Entwicklern, aber auch nach oben in der Hierarchie. Es steckt am Ende in den Ritzen der VW-Kultur. Denn es gibt immer etwas zu basteln am Betrug, er muss verfeinert, verändert, perfektioniert werden. Neue Motoren, neue Modelle, neue Probleme. Am Ende sind es über die Jahre Dutzende, wenn nicht an die hundert Mitwisser, über viele Abteilungen hinweg, auch bei Zulieferfirmen. Wie kann so etwas gut gehen? Ohne dass es auffliegt?

Im Jahr 2011 kommt ein neuer Entwicklungschef: Heinz Jakob Neußer. Der Verantwortliche für die Betrugs-Software macht einen Termin bei Neußer. Er hat das Bedürfnis, das Geheimnis offenzulegen. Aber will er damit wirklich alles stoppen? Oder will er nur Absolution und die Verantwortung nach oben abgeben?

Nach dem Termin glaubt der Software-Spezialist, dass ihn Neußer verstanden habe. Neußer sagt später, ihm sei nichts Illegales offenbart worden.

Aber wie glaubhaft ist das? Dagegen sprechen viele andere Begebenheiten. Im Jahr 2012 erreichen die Dieselentwickler Hiobsbotschaften aus den USA. Der Diesel fährt zu oft "sauber", erkennt nicht schnell genug, dass er auf der Straße ist und schmutzig sein soll. Deshalb verstopfen die Rußfilter. Viele Autos müssen in die Werkstatt. Der Betrug muss verfeinert werden, die Software wird verändert, reagiert nun auf Lenkbewegungen. Wieder wollen Ingenieure ihren Chef informiert haben. Und im Ergebnis soll Neußer das Vorgehen gebilligt haben, so die US-Ermittler.

2014 kommt es noch dicker. Das US-Institut ICCT hat VW-Diesel Autos untersucht. Die hohen Abgaswerte sind unerklärlich. In Wolfsburg wird eine Task-Force gegründet. "Jetzt sind wir dran", fürchten die Ingenieure. Wieder wird der Vorgang nach oben berichtet, an einen Vertrauten Winterkorns. Der soll gesagt haben: "Ich muss den Chef informieren." Dass er es getan hat, dafür gibt es keinen Beweis.

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"Alles nur wegen dieser Software"

"Alles nur wegen dieser Software"

Wolfsburg Freitagmorgen, 7 Uhr. Termin mit VW-Chef Winterkorn am sogenannten Schadenstisch: eine Mischung aus Pranger und Tribunal.

"Alles nur wegen dieser Software"

"Alles nur wegen dieser Software"

Es ist ein Angsttermin für die Topmanager: der sogenannte Schadenstisch. Hier müssen sie sich vor dem Chef für Fehler rechtfertigen. Oft liegen defekte Teile auf dem Tisch, Ingenieure erklären, Winterkorn kommentiert, staucht seine Mitarbeiter zusammen und macht selbst Verbesserungsvorschläge. "Der Alte" ist immer bestens vorbereitet, kennt jedes Detail. Manchmal habe man "Wiko" drinnen schreien hören, erzählt einer, während hochbezahlte Top-Ingenieure draußen wie die Schuljungs warteten, bis sie an der Reihe waren.

An einem heißen Tag im Juli 2015 trifft es einen der Diesel-Entwickler. Er soll dem VW-Boss erklären, was bei den US-Dieseln schief läuft und warum man bei den amerikanischen Behörden so in Erklärungsnot ist. Der Ingenieur benutzt dafür Folien, trägt gut 20 Minuten lang vor: Was wissen die Amerikaner, was wissen sie noch nicht. Die einen sagen später, es habe nicht an Deutlichkeit gefehlt. Es sei klar geworden, dass es sich um Betrug handelt.

Doch anstatt überrascht oder empört zu sein, reagiert Winterkorn nüchtern, behaupten Teilnehmer. "Das alles wegen dieser Software", soll er nur gesagt haben. Es scheint, als habe Winterkorn alles längst gewusst. Er gibt keine Anweisung, den Betrug in den USA zuzugeben. Man solle mit den amerikanischen Umweltbeamten konstruktiv weiter verhandeln, heißt es. Für die Mitarbeiter ist die Marschrichtung damit klar: weiter vertuschen, weiter lügen.

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"Bist du wahnsinnig?"

"Bist du wahnsinnig?"

Mehr als ein Jahr lang führt VW die Behörden in den USA an der Nase herum und in Wolfsburg werden belastende Dokumente von Rechnern gelöscht.

"Bist du wahnsinnig?"

"Bist du wahnsinnig?"

Wieder und wieder müssen die Ingenieure in die USA. Es sind bohrende Fragen, quälende Sitzungen. Die Beamten der US-Umweltbehörde sind dem Betrug schon auf der Spur. Statt reinen Tisch zu machen, lügen die VW-Manager immer weiter. Die illegale Software, die könne keiner entdecken, so sollen sie sich beruhigt haben. Und wenn das Ganze doch auffliegt, dann hoffen sie auf eine gütliche Einigung mit den US-Beamten. Wer in Mails zu deutlich wird, kriegt einen Anschiss. 

"Bist du wahnsinnig? Zieh die Email zurück!", heißt es in einem Schreiben. Zu lange glauben die Beteiligten, alles im Griff zu haben. Erst im Sommer 2015 bricht Panik aus. Die US-Behörden weigern sich, neue Autos für das Jahr 2016 zuzulassen. Einer der Ingenieure soll sofort nach Kalifornien fliegen, soll weiter verschleiern, weiter lügen. Ausgerechnet er. Dieser Ingenieur gilt als Kritiker des Betruges, will mehrmals davor gewarnt haben. Aber die Anweisung von oben ist klar: die illegale Testerkennung soll weiter vertuscht werden. So steht es laut US-Justiz in einem Papier, das Vorstand Neußer freigegeben haben soll.

Aber dieses eine Mal geht die Rechnung nicht auf. Der Ingenieur missachtet den Schweigebefehl und gesteht den Betrug. In Wolfsburg jagt nun eine Krisensitzung die nächste. Allmählich wird klar: Der Betrug wird VW Milliarden kosten. Wegen des drohenden Rechtsstreites müssen Beweise gesichert, dürfen Dokumente nicht gelöscht werden. Die Beteiligten sollen ihre Unterlagen überprüfen, soll ein Anwalt der VW-Rechtsabteilung geraten haben. Etwa 40 Mitarbeiter verstehen das als Aufforderung, Daten zu löschen. Neußer soll seine Assistentin gar aufgefordert haben, eine Festplatte wegzuschmeißen. Das und weitere Vorwürfe gegen Neußer hat VW gegenüber der US-Justiz so zugegeben und damit seinen Vorstand ans Messer geliefert. Das FBI hat Neußer nie befragt und die Zeugen, die ihn belasten, sind selbst tief in den Betrug verstrickt, gibt seine Anwältin zu bedenken.

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Offenes Ende

Offenes Ende

In den USA sind sieben Beschuldigte angeklagt. In Deutschland ermitteln Staatsanwaltschaften noch. Was wussten Winterkorn und die anderen Vorstände? Das ist weiter ungeklärt. Mindestens fünf Kronzeugen belasten die Topmanager schwer. Sind ihre Aussagen beweiskräftig oder nur Schutzbehauptungen? VW will einen Schlussstrich ziehen, bleibt Antworten weiter schuldig. Der Betrug ist längst noch nicht aufgeklärt, das letzte Kapitel des Skandals noch nicht geschrieben.

Autoren: Christine Adelhardt, Han Park, Stephan Wels, Jan Lukas Strozyk, Peter Hornung

Illustration & Animation: Chris Hees, Peter Mirecki

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