Stand: 07.10.2015 05:30 Uhr

Schuldner-Beratungen klagen über Inkasso-Firmen

von Holger Bock
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Rund 315.000 Haushalte in Niedersachsen gelten als überschuldet.

Schulden, aus denen man nie mehr herauskommt, ständige Mahnschreiben im Briefkasten - jeder zehnte Haushalt gilt als überschuldet, immerhin rund 315.000 Haushalte allein in Niedersachsen. Rund 20 Millionen Mahnfälle wird die Inkasso-Branche nach eigenen Angaben in diesem Jahr bearbeitet haben. Trotz guter Konjunktur und niedriger Arbeitslosigkeit sind das noch einmal zwei Millionen Schuldenfälle mehr als im vergangenen Jahr, das ergaben Recherchen von NDR 1 Niedersachsen. Die Branche boomt also, auch weil sie Kosten berechnen darf wie sonst nur Anwälte.

Viele Inkasso-Unternehmen haben kein Interesse an schneller Lösung

Die Soziale Schuldnerberatungsstelle der Diakonie in Hannover kritisiert, dass sich vor allem die großen Inkassounternehmen immer häufiger gegen eine außergerichtliche Einigung mit den Schuldnern sperrten. Und das hat seinen Grund. Denn mit jeder automatisierten Mahnung berechnen die Inkassounternehmen zusätzlich hohe Kosten. Aus 60 Euro fürs Schwarzfahren würden schnell einhundert und mehr Euro. Und aus Scham, Angst und Unkenntnis würden viele Schuldner die geforderten Inkassoraten zahlen, obwohl sie längst unter der Pfändungsfreigrenze - dem Betrag, der nicht gepfändet werden darf - liegen, sagt Schuldnerberaterin Martina Sievers.  Wegen der niedrigen Raten begleichen sie allerdings lange Zeit nur die Inkasso-Kosten, die Ursprungsschulden bleiben hingegen bestehen, und genau darauf würden viele Inkassounternehmen setzen.

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Studie: Verfahren werden künstlich in die Länge gezogen

Die jüngste Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen (IfF) aus Hamburg belegt nach Informationen von NDR 1 Niedersachsen die Kritik, dass viele Inkassounternehmen die Mahnverfahren künstlich in die Länge ziehen und damit die Kosten in die Höhe treiben würden. Das IfF hat für den neuen Überschuldungsreport Beratungsstellen zu außergerichtlichen Einigungen befragt. "Zwar wird nicht die ganze Inkassobranche kritisiert, wohl aber einzelne Inkassounternehmen, die sich aber anscheinend grundsätzlich außergerichtlichen Einigungen verweigern", sagt der IfF-Geschäftsführer Michael Knobloch. Zudem würden viele Inkassounternehmen zum Teil enorme Kosten in Rechnung stellen.

Inkasso-Insider: Produktion von Kosten gehört zum Geschäftsmodell

Ein Branchenkenner, der anonym bleiben möchte, bestätigt die Praxis der Inkassobranche. Die Produktion neuer Kosten gehöre zum Geschäftsmodell, sagt der Insider bei NDR 1 Niedersachsen. Wie der Sender erfuhr, rechnet die Inkassobranche in diesem Jahr mit rund 20 Millionen Mahnverfahren. Das sind noch einmal zwei Millionen Verfahren mehr als 2014 - und das trotz guter Konjunktur und niedriger Arbeitslosenquote. Der Bundesverband der deutschen Inkassounternehmen reagiert mit Unverständnis auf die Kritik der Schuldnerberatungsstellen. Verbandssprecher Marco Weber meint, Kosten um der Kosten willen würde kein Unternehmen produzieren, das sei Quatsch. Ein Inkassounternehmen, das Verfahren in die Länge ziehe, würde gegen die Interessen des Gläubigers und damit gegen die Interessen seines Kunden handeln, so Weber. Sollten Verbraucher aber das Gefühl haben, von einem Mitgliedsunternehmen schlecht behandelt worden zu sein, könne sich jeder an die verbandseigene Beschwerdestelle wenden. Der Verband der Inkassounternehmen werde die Hinweise prüfen und ihnen nachgehen. Allerdings verweisen die Sozialen Schuldnerberatungsstellen darauf, dass nur sie wirklich unabhängig die Kosten von Inkassounternehmen überprüfen. 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Ratgeber | 07.10.2015 | 19:05 Uhr