Stand: 01.07.2015 16:45 Uhr

SPD will "Suedlink"-Trasse unter die Erde bringen

von Jan Starkebaum

Es ist eine 100 Jahre alte Praxis, Stromleitungen an Stahlmasten zu hängen und damit Energie über weite Strecken zu transportieren. So war das auch mal mit Telegrafenmasten. Aber genau wie Telefonleitungen werden diese schon lange unter der Erde verlegt wird - das könnte bald auch mit Starkstromkabeln geschehen. Zumindest reifen solche Pläne zurzeit im Bundeswirtschaftsministerium von Sigmar Gabriel (SPD). Auch die Landesgruppe der Bundestagsabgeordneten aus Niedersachsen und Bremen macht sich für die unterirdische Variante der Trassenführung stark. Angesichts der Bürgerproteste müsse die Stromtrasse vorrangig als Erdkabel verlegt werden.

"Erdkabel als Regelfall vorsehen"

Damit die Energiewende gelingt, muss der Ausbau der Stromnetze vorankommen. Einer Leitung wird dabei eine Schlüsselrolle zugeschrieben. Der 700-Kilometer-Verbindung namens Suedlink. Ein Megaprojekt. Die Stromautobahn hat enormen Widerstand herauf beschworen. 300 Kilometer soll "Suedlink" quer durch Niedersachsen verlaufen. Bürgerinitiativen gibt es an jedem einzelnen Trassenkilometer. Alle sind gegen die riesigen Strom-Stahlmasten. Der Bundeswirtschaftsminister will diesen Proteststurm beenden. In einer schriftlichen Stellungnahme, die dem NDR Magazin Hallo Niedersachsen vorliegt, heißt es: "Bei geplanten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Leitungen (konkret insbesondere 'Suedlink') würde das Bundeswirtschaftsministerium sogar noch weiter gehen wollen und hier Erdkabel als Regelfall vorsehen."

Turbo für den ungeliebten Netzausbau

Dieser Satz kommt einer Revolution gleich, die wie ein Turbo für den Netzausbau wirken könnte. Denn nicht nur der Protest in Sigmar Gabriels niedersächsischer Heimat könnte beschwichtigt werden. Vielmehr liegt dem Wirtschaftsminister daran, dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) eine Brücke zu bauen. Die Staatsregierung in München hat mehrfach lautstark gegen den Netzausbau und insbesondere "Suedlink" gewettert. Damit es nicht heftiger kracht, in der Energiewende macht Gabriel den Weg für eine umfangreiche Erdverkabelung frei. "Um die Akzeptanz für den notwendigen Ausbau von Strom- und Gastransportnetzen in Deutschland weiter zu stärken, sollen die Möglichkeiten für Erdkabel gestärkt werden", heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Dieses Angebot können die Bayern annehmen, um dann mit stolzer Brust daheim den Erhalt der intakten Landschaften als ihren Erfolg verkaufen.

Politische Wenden belasten Netzbetreiber Tennet

Für den Netzbetreiber Tennet bedeutet der politische Schwenk erst einmal Mehrarbeit. Derzeit plant das Unternehmen die "Suedlink"-Trasse. "Ein pauschaler Vorrang für Erdkabel würde die bisherigen Planungen und die Bürgerbeteiligung praktisch auf Null setzen und Neuplanungen notwendig machen. Das würde zu einem Zeitverzug führen, den Deutschland sich nicht leisten kann, denn 2022 geht das letzte Atomkraftwerk vom Netz." Bis 2022 soll "Suedlink" stehen. Das Ziel sieht man in der Tennet Zentrale im bayerischen Bayreuth offenbar gefährdet. Denn bei einem Erdkabel spielt der Untergrund die Hauptrolle. Völlig andere Kriterien müssten geprüft werden. Anders als Tennet sieht das Bundeswirtschaftsministerium keine gravierenden Zeitprobleme: "Erdkabel bieten eine angesichts auch des Zeitdrucks beim Netzausbau insgesamt nicht zu unterschätzende Möglichkeit, den vor Ort massiven Akzeptanzproblemen zu begegnen." Außerdem: Liegen die neuen Kabel überwiegend in der Erde, dürfte es auch weniger zeitraubende Klagen geben.

Karte: Der Vorschlag zum Trassenverlauf

Kosten für Erdkabel sind hoch, aber vertretbar

Bislang ist Tennet an eine wichtige Vorgabe des Gesetzgebers gebunden: Neue Leitungen müssen so günstig wie möglich gebaut werden. Sonst werden sie nicht genehmigt. Das sind Freileitungen. Sie sind günstig, schnell errichtet und einfach zu warten. Aber was kostet ein Erdkabel? Fragt man Tennet, Kabelhersteller oder auch die Bürgerinitiativen, dann hört man Preissteigerungen von drei- bis achtmal so teuer. Das liegt daran, dass man erst mal wissen muss, wo die Leitung entlanglaufen soll - wie viele Autobahnen, Flüsse oder auch Gebirge überquert werden sollen. All das macht "Suedlink" als Erdkabel schwer kalkulierbar. Selbst wenn "Suedlink" aber zehnmal so teuer würde. Dann heißt das vielleicht nicht zwei Milliarden, sondern 20 Milliarden Euro. Diese enorme Summe wird allerdings auch enorm langsam abgestottert und zwar von allen Stromkunden, über 40 Jahre. Der Anstieg beim aktuellen Strompreis läge wohl bei ein paar Cent pro Kilowattstunde.

Technisch ein Balance-Akt

Tennet ist dafür verantwortlich, dass zu jeder Zeit zu Hause Strom aus der Steckdose kommt, das gilt vor allem auch für Industrieunternehmen, damit sie ihre Großanlagen zuverlässig fahren können. Wenn bei "Suedlink" die Erdkabel nicht länger die Ausnahme sein sollen, sondern die Regel, dann wachsen laut Tennet auch die Risiken. Bewährte Erdkabel transportieren nicht ausreichend Leistung. Man bräuchte mehrere Kabel nebeneinander, um die Energie, die "Suedlink" abverlangt wird, durch die Republik zu transportieren. Eine 30 Meter breite Schneise ist auch kein Gewinn für den Landschaftsschutz. Alternativ könnte man auf die modernste Kabel-Generation setzen. Die schafft laut Hersteller die Energie. Aber erprobt ist das nicht. Und bei Tennet hat man gehörige Zweifel, ob man ausgerechnet die Hauptschlagader der Energiewende zum Versuchsprojekt für neue Kabel machen sollte. Die Sicherheit bei der Stromversorgung habe Priorität. Bei aller Skepsis des Netzbetreibers - dem Bundeswirtschaftsminister kommt es darauf an, den Weg für den Netzausbau freizumachen und Trassenkritikern in Nord und Süd den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 01.07.2015 | 19:30 Uhr