Stand: 08.01.2016 10:47 Uhr

Lesen Schüler bald Hitlers "Mein Kampf"?

Adolf Hitlers Pamphlet "Mein Kampf" könnte zum Unterrichtsstoff an Niedersachsens Schulen werden. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sagte NDR 1 Niedersachsen am Donnerstag, sie könne sich vorstellen, dass Lehrer die kommentierte Neuausgabe des Buches im Unterricht nutzen. Das renommierte Institut für Zeitgeschichte stellte am Freitag in München eine von einem Team um den Zeithistoriker Christian Hartmann bearbeitete und kommentierte Neuauflage der nationalsozialistischen Hetzschrift vor. Seit 1945 war der Nachdruck von "Mein Kampf" in Deutschland verboten. Nach dem Auslaufen der Urheberrechte Ende 2015 ist der Nachdruck seit dem 1. Januar 2016 - zumindest theoretisch - für jeden Verlag möglich. Zuvor hatten sich nicht nur Historiker für eine kritische Neuauflage stark gemacht, auch die meisten Bundesländer und der Zentralrat der Juden haben sich für die kommentierte Neu-Edition ausgesprochen. Und begrüßen, dass die Propagandaschrift zum Unterrichtsthema gemacht werden könne.

Die Originalfassung bleibt tabu

"Ich habe Vertrauen in die Lehrer, dass sie kommentierte Textauszüge angemessen in den Unterricht einbinden", so Heiligenstadt. Schüler müssten klar erkennen können, zu welchen Gräueltaten das Buch beigetragen habe und welche aktuellen Bezüge sich dazu herstellen ließen. Die neue Version von "Mein Kampf" decke Lügen, Halbwahrheiten und Feindkonstruktionen des Originals auf. Sie liefert laut Heiligenstadt Fakten, die Hitler im Sinne seiner menschenverachtenden Ideologie verschwiegen habe. Deshalb dürfe die kommentierte Neuauflage auch im Geschichtsunterricht eingesetzt werden. Aber nur, wenn Lehrer es wünschen - vorschreiben will das Ministerium den Einsatz nicht. Die Originalfassung von "Mein Kampf" - ohne Anmerkungen - bleibt an Niedersachsens Schulen aber weiter tabu. Das unkommentierte Verbreiten des Buches erfüllt aus Sicht der Ministerin den Straftatbestand der Volksverhetzung.

Urheberrechte lagen beim Freistaat Bayern

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mehr als zwölf Millionen Exemplare von "Mein Kampf" gedruckt und unters Volk gebracht. Nach 1945 war es für Verlage nicht mehr möglich, das Buch nachzudrucken. Bis zum Ende des Jahres 2015 lagen die Urheberrechte beim Freistaat Bayern, der sie nutzte, um Nachdrucke in Deutschland - und mitunter auch im Ausland - zu verhindern. Noch ist unklar, ob nun ein Verlag das Buch nachdrucken wird. Die Landesregierung des Freistaates hat aber bereits angekündigt, dass sie etwaige unkommentierte Neuauflagen von "Mein Kampf" mit strafrechtlichen Mitteln verhindern wolle - aus Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus.

Neue Version ordnet historische Fakten ein

Die von Historikern erstellte kritische Edition, die am Freitag erscheint, ordnet den Wissenschaftlern zufolge die historischen Fakten ein, erklärt den Entstehungskontext und stellt Hitlers Ideen und Behauptungen den Ergebnissen der modernen Forschung gegenüber. In Mecklenburg-Vorpommern hat sich Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) ebenfalls für die wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf" im Schulunterricht ausgesprochen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Niedersachsen 18.00 Uhr | 07.01.2016 | 18:00 Uhr