Stand: 08.01.2017 11:20 Uhr

Klinikpersonal überlastet - Gefahr für Patienten?

Krankenpflegerin Julia* arbeitet seit ungefähr zehn Jahren in der Gefäßchirurgie einer niedersächsischen Klinik. Im Schichtdienst. Im Laufe der Jahre habe sich das Stammpersonal fast um die Hälfte reduziert, erzählt sie dem NDR Fernseh-Regionalmagazin Hallo Niedersachsen. Auf Julias Station gibt es 34 Betten, eine Ärztin und acht Pflegekräfte. Dazu kommen die Notfälle und die "Außenlieger" - das sind Patienten, die auf andere Station ausgelagert sind. "Wir arbeiten am Limit", sagt sie im Interview. "Ich bin immer um jeden Patienten froh, der sich weitgehend selbst versorgen kann." Denn: Für Patienten, die das nicht schaffen oder bettlägerig sind, habe das Personal eigentlich keine Zeit. Julias ganz normaler Stationsalltag.

Pflegekräfte müssen längst nicht nur pflegen

Nach Angaben des Landesamtes für Statistik sind in Niedersachsen 36.700 Menschen in der Pflege beschäftigt. Vollzeit sind es aber nur 17.500. Laut Gewerkschaft ver.di fehlen aktuell 6.100 Pflegestellen im Land. Neben der Pflege der Patienten führen Pflegekräfte wie Julia Telefonate, schreiben Dokumentationen, bereiten Operationen vor, machen Bestellungen, betreuen Angehörige und rufen auch den Handwerker, wenn das Licht defekt ist. Viele Aufgaben und wenig Zeit - ein System mit schwerwiegenden Folgen.

Zu wenig Zeit, zu viele Fehler

"Es passieren viel zu viele Fehler", berichtet Julia. "Wir sind alle nur Menschen, wir arbeiten am Zeitlimit und wir haben viel Verantwortung." Schnell seien zum Beispiel falsche Tabletten oder Infusionen verabreicht. All das sei nicht nur für die Patienten schlimm, sondern auch für die Mitarbeiter, weiß Julia.

Verantwortliche schieben sich gegenseitig die Schuld zu

Aber wer ist Schuld an dieser Überlastung des Klinikpersonals? Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) sieht die Verantwortung jedenfalls nicht in ihrem Haus, sie verweist auf die Selbstverwaltung der Kliniken. "Was wir dringend brauchen, wäre eine deutlich bessere Vergütung für Krankenhaus-Leistungen, damit mehr Personal eingestellt werden kann", sagt sie gegenüber Hallo Niedersachsen. Das müsse aber eine Vereinbarung sein, die zwischen Krankenkassen und Krankenhausgesellschaft getroffen wird.

Investiert das Land zu wenig?

Für die Krankenkassen liegt das Problem in den zu geringen Investitionsmitteln des Landes. "Die Gelder werden von den Kassen für Behandlung und Pflege bezahlt, aber zum Teil für andere Zwecke ausgegeben", sagt Jörg Niemann vom Verband der Ersatzkassen (vdek) in Niedersachsen.

Und die Krankenhäuser sehen das wieder anders: Die Personalkosten seien höher, als das, was von den Kassen für die Pflege bezahlt wird - und das führe eben zu Personalabbau und Überlastung, heißt es bei der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft.

Kann ein neuer Tarifvertrag die Mitarbeiter entlasten?

"Das ist gesellschaftlich echt ein Skandal", findet Joachim Lüddecke vom ver.di-Landesbezirk Niedersachsen-Bremen. "Das muss jetzt aufhören." Im ersten Halbjahr 2017 tritt die Gewerkschaft an alle Krankenhäuser heran - mit einem Tarifvertrag zur Entlastung der Mitarbeiter.

Gefährdungsanzeigen nehmen zu

Krankenpflegerin Julia sagt, dass sie den Bedürfnissen der Patienten schon lange nicht mehr gerecht wird. Sie schreibt sogenannte Überlastungs- oder Gefährdungsanzeigen - immer dann, wenn sie das Wohl des Patienten unter den gegebenen Umständen nicht mehr garantieren kann. Sie notiert täglich die Unterversorgung der Patienten, um sich selbst abzusichern. Gern gesehen werde das aber nicht, erzählt Julia. Laut ver.di ist die Zahl der Gefährdungsanzeigen gestiegen. Allein an der Göttinger Uniklinik habe es im letzten Jahr mehr als 500 solcher Anzeigen gegeben.

Überstunden verschärfen das Problem

Ein weiteres großes Problem in der Pflege sind die Überstunden. Die Gewerkschaft ver.di hat ausgerechnet: Mehr als drei Millionen sind in Niedersachsens Krankenhäusern aufgelaufen - Arbeitszeit für 1.500 zusätzliche Stellen.

Krankenpflegerin würde Julia heute nicht noch einmal lernen. Sie hatte den Beruf eigentlich gewählt, weil sie Patienten helfen wollte. Inzwischen ist daraus aber eine Belastung für sie selbst geworden: "Ich bin ausgelaugt, ausgebrannt."

* Name von der Redaktion geändert

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 09.01.2017 | 19:30 Uhr

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