Stand: 05.01.2016 08:03 Uhr

(Kein) Warten, bis der Facharzt kommt

von Hans-Christian Hoffmann
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Künftig sollen Kassenpatienten maximal vier Wochen auf einen Termin beim Facharzt warten müssen. (Archiv)

Es klingt nach einer guten Idee. Zu groß war mitunter der Ärger, wenn Kassenpatienten lange Wartezeiten in Kauf nehmen mussten, während Privatpatienten sehr viel schneller einen Termin bei einem Facharzt erhielten. Ab dem kommenden Jahr nun soll sich das ändern. Dann haben Mitglieder der gesetzlichen Krankenkasse Anspruch darauf, binnen eines Monats einen Facharzttermin zu bekommen. Doch ob die sogenannte Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung tatsächlich ein großer Wurf ist, darüber gibt es sehr unterschiedliche Meinungen.

Zwei zusätzliche Termine pro Arzt und Woche

In der Gemeinschaftspraxis von Peter Kalbe in Rinteln (Landkreis Schaumburg) ist zum Ende des Jahres nicht sehr viel los. Das Wartezimmer ist nicht so voll wie üblich, nur eine Handvoll Patienten wartet auf eine Behandlung. An den meisten anderen Tagen herrscht hier in der Praxis mit fünf Ärzten Hochbetrieb. Wer einen Termin braucht, muss zwischen drei und sechs Wochen warten: Je nachdem, ob man beim Schulterspezialisten behandelt werden muss oder einen chirurgischen Eingriff braucht. Jetzt muss Peter Kalbe als Chef der Praxis zehn zusätzliche Termine pro Woche der Kassenärztlichen Vereinigung in Hannover melden: für jeden Arzt zwei. Ab Januar können sich Patienten dann einen dieser freien Termine reservieren.

"Wartezeiten in der Praxis werden noch länger"

Allerdings, so Kalbe, verschieben sich deshalb die Wartezeiten für die anderen Patienten. Denn diese Termine seien ja nicht übrig, sie müssten mühsam irgendwie dazwischen geschoben werden. Und das bedeute nicht nur Mehrarbeit für die Ärzte, sondern auch längere Wartezeiten für die Patienten, die schon jetzt mindestens zwei Stunden warten müssen, bis sie behandelt werden können. Und das trotz Termin. Denn die chirurgische und orthopädische Praxis behandelt auch Notfälle: "Und die haben immer Vorrang", so der Mediziner.

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Neue Facharzttermin-Regelung sorgt für Skepsis

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Eine neue Terminservicestelle soll dafür sorgen, dass Kassenpatienten schneller einen Facharzttermin bekommen. Doch Ärzte und Patienten sind skeptisch, ob das Modell Sinn macht. Video (03:47 min)

"Unbezahlte Mehrarbeit"

Nicht nur deshalb hält Peter Kalbe die Terminservicestelle für "blanken Unsinn". Diese Mehrarbeit bekomme man nicht bezahlt, weil die Praxen ja ein festes Budget hätten. Und bei mehr als einer Million unbezahlter Überstunden könne man von den Ärzten nicht auch noch diese Zusatzbelastung verlangen. Auch für Patienten sei das nur wenig hilfreich, meint der Mediziner. Denn sie müssten unter Umständen weite Strecken fahren, zwischen 30 bis 60 Minuten Entfernung von ihrem Wohnort. Und vor allem: "Sie haben keine Garantie, dass sie einen Termin bei dem Arzt ihres Vertrauens bekommen."

"Prinzip der freien Arztwahl infrage gestellt"

Genau das ist das Haar in der Suppe, finden auch die Patienten im Wartezimmer: Sie wollen, dass ein Arzt ihre Krankengeschichte kennt, haben sich vielleicht durch Empfehlungen auf einen bestimmten Mediziner festgelegt. Viele warten deshalb lieber länger als durch das neue System an jemanden verwiesen zu werden, den sie nicht kennen. Selbst Patientenvertreter halten die Terminservicestelle nicht unbedingt für den großen Wurf. Natürlich müsse man abwarten, ob Patienten weitere Wege in Kauf nehmen und dann eben nicht bei dem Arzt sind, den sie eigentlich wollten, dafür aber schneller einen Termin bekämen, so Kai Kirchner von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Außerdem sei durch die neue Regelung das Prinzip der freien Arztwahl infrage gestellt.

Auch KVN ist skeptisch

Die Kassenärztliche Vereinigung in Niedersachsen (KVN) hat wegen des neuen Bundesgesetzes eine Million Euro für 2016 geblockt. Mit dem Geld wird eine Telefonberatung aufgebaut. Sie soll am 25. Januar in Betrieb gehen. Später kommt ein Onlinesystem hinzu. Selbst hier hält man diese Terminservicesstelle für widersinnig. Sie sei nur deshalb in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung geraten, weil die SPD mit dem Plan für eine Bürgerversicherung nicht durchdringen konnte, meint Mark Barjenbruch, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen: "Und irgendein Zugeständnis hat man den Sozialdemokraten ja machen müssen." Dabei sei eben das herausgekommen, was Fachärzte und KVN nun ausbaden müssten.