Stand: 01.04.2016 18:09 Uhr

ICE-Strecke dicht, Verkehrsminister sauer

Bild vergrößern
Die kurzfristig angekündigte Streckensperrung ausgerechnet zur Hannover Messe verärgert das Verkehrsministerium. (Themenbild)

"Mehr als unglücklich" findet das niedersächsische Verkehrsministerium die angekündigte Sperrung der ICE-Strecke zwischen Hannover und Kassel. "Mehr als unglücklich" seien sowohl der Zeitpunkt als auch die Informationspolitik der Bahn, sagte Ministeriumssprecher Stefan Wittke am Freitag. Die Bahn hatte am Donnerstagabend angekündigt, die wichtige Nord-Süd-Verbindung vom 23. April bis 8. Mai für zwei Wochen komplett zu sperren. Die Sperrung fällt in den Zeitraum der Technikschau Hannover Messe, die mit einem Besuch von US-Präsident Barack Obama am 25. April eröffnet wird. Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) habe am Freitagmorgen mit dem Bahnvorstand Volker Kefer telefoniert und sein Missfallen deutlich gemacht, "auch in seiner Rolle als Messe-Aufsichtsrat", erklärte Wittke. In einem Telefonat mit Bahnchef Rüdiger Grube regte Lies an, dass die Arbeiten wie geplant am 23. April beginnen, während der Hannover-Messe aber morgens und abends für je zwei Stunden ruhen sollen. "Auf diese Weise könnte zumindest der Hauptmesseverkehr ohne Verzögerungen abgewickelt werden und man würde wohl auch nicht den Pfingstreiseverkehr tangieren", sagte Lies. Die Bahn will den Vorschlag prüfen.

Information der Bahn lässt auf sich warten

Der Verkehrsminister hätte gern früher von den anstehenden Sperrungen erfahren. Und auch die Kommunikation der Bahn mit der Öffentlichkeit ließ in diesem Fall aus Sicht des Ministeriums zu wünschen übrig. Erst mit Verzögerung hatte die Bahn mitgeteilt, dass sie die Sperrung der Strecke plant. Schon am Mittwochabend hatte die "Süddeutsche Zeitung" darüber berichtet. Am Donnerstag äußerte sich die Bahn nur über Twitter, sorgte damit aber eher für Verwirrung als für Aufklärung: Es gebe noch "verschiedene Varianten" für die Sanierung der Strecke, hieß es dort. Erst am späten Donnerstagabend bestätigte die Bahn dann die Streckensperrung.

Züge fahren länger, nicht alle Bahnhöfe werden bedient

Nach Angaben eines Bahnsprechers von Freitag müssen täglich 160 Züge umgeleitet werden, wenn die Strecke Hannover-Kassel dicht ist. In der Pressemitteilung der Bahn von Donnerstagabend heißt es, man wolle die Auswirkungen für die Kunden "so gering wie möglich" halten. Im Fernverkehr würden mehr als 90 Prozent der Züge fahren, es könnten allerdings nicht alle Bahnhöfe bedient werden. Der Messehalt in Hannover werde aber angefahren. Allerdings werde es wegen der notwendigen Umleitungen zu längeren Fahrzeiten von bis zu einer Stunde kommen. "Das ist gerade zur Messezeit mehr als lästig", so Ministeriumssprecher Wittke.

Diese Strecken sind betroffen

Laut der Deutschen Bahn werden folgende Linien des Fernverkehrs betroffen sein:

ICE-Linien
11 (Berlin-Kassel-Frankfurt-Stuttgart-München)

12 (Berlin-Kassel-Frankfurt-Karlsruhe-Schweiz)

20/22 (Hamburg-Hannover-Kassel-Frankfurt-Karlsruhe-Schweiz/Stuttgart)

25 (Hamburg/Bremen-Hannover-Würzburg-Nürnberg/Augsburg-München)

IC-Linien
26 Hamburg-Hannover-Kassel-Gießen-Frankfurt-Karlsruhe.

Hier soll es Verspätungen von bis zu 60 Minuten sowie teilweise Haltausfälle, Umleitungen und vereinzelt auch Zugausfälle geben.

"Unverständnis" bei Messe-Ausstellern

Man solle die Lage allerdings auch nicht dramatisieren, sagte Wittke weiter. Die Folgen für die Messe seien kontrollierbar. Diese Ansicht hat auch die Deutsche Messe AG geäußert. Allerdings melden sich dort Sprecher Onuora Ogbukagu zufolge zahlreiche Kunden - und die seien alles andere als glücklich. "Die Streckensperrung stößt auf großes Unverständnis bei Ausstellern und Besuchern, dazu erreichen uns viele Mails und Anrufe. Selbst eine Verspätung um eine Stunde ist schon ein wichtiges Thema", so Ogbukagu. Nun wolle man erst mal die konkreten Informationen und Ersatzfahrpläne abwarten. "Da es sich aber um eine grundsätzlich wichtige Trasse handelt, gehen wir davon aus, dass Alternativen angeboten werden." Ogbukagu glaubt nicht, dass deswegen weniger Menschen zur Messe kommen. Aber Verspätungen bei der Anreise seien natürlich ärgerlich.

Göttinger Händel-Festspiele "vor halbleerem Saal"?

Sorgen macht man sich auch in Göttingen: Vom 5. bis 16. Mai finden dort die Händel-Festspiele statt. Rund 20 Prozent der Karten würden noch kurz vor oder während der Festspiele verkauft, sagte der Geschäftsführende Intendant Tobias Wolff am Freitag: "Ich rechne damit, dass wir bei einer Streckensperrung am Eröffnungswochenende zahlreiche Kunden verlieren werden." Auch diejenigen, die schon Karten hätten, würden vielleicht zum Teil nicht anreisen. "Mein Horrorszenario ist, dass wir selbst bei ordentlichem Verkauf die Festspieleröffnung mit dem Oratorium 'Susanna' am 5. Mai vor halbleerem Saal spielen", so Wolff. Er appellierte an die Bahn, einen anderen Zeitraum für die Streckensperrung zu erwägen.

Regionalzüge könnten gestrichen werden

Bild vergrößern
Bis zu eine Stunde länger soll die Fahrt dauern, wenn die "Altstrecke" (in orange) wieder genutzt wird.

Auf der Strecke sollen rund 130.000 Tonnen Schotter erneuert werden. Dies ist laut Bahn erforderlich, "um möglichen Geschwindigkeitseinschränkungen vorzubeugen". Auf der Strecke sind Fern- und Güterzüge unterwegs, die tagsüber bis zu 280 Kilometer in der Stunde fahren. Wenn sie auf die sogenannte Altstrecke ausweichen müssen, sind sie länger unterwegs. Eine Umleitung der ICE auf die Ausweichroute könnte dort außerdem zu einer Überlastung führen. Wenn deshalb einige der dort bisher verkehrenden Nahverkehrszüge gestrichen würden, wären vor allem Pendler die Leidtragenden. Die Bahn schreibt dazu, im Nahverkehr werden "einzelne Linien mit Ausfällen auf Teilabschnitten betroffen sein".

Pro Bahn: Zu viele Züge verträgt eine Strecke nicht

Genaueres zu den Auswirkungen im Nahverkehr will die Bahn noch auf ihrer Internetseite veröffentlichen. Der Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, Gerd Aschoff, geht von erheblichen Behinderungen aus. So werde es zum Beispiel auch bei Metronom-Zügen, die "ganz normal" verkehren, zu Verzögerungen kommen - weil deren Strecke zwischen Hannover und Kassel zusätzlich mit Güterzügen und langsam fahrenden ICE belastet wird. "Zu viele Züge auf einmal, das verträgt eine Strecke nicht, die ohnehin schon hoch belastet ist", so Aschoff im Gespräch mit dem NDR.

Weitere Informationen
mit Video

380 Millionen Euro für Gleise, Weichen, Brücken

Die Deutsche Bahn investiert in diesem Jahr knapp 380 Millionen Euro in ihr Netz in Niedersachsen und Bremen. Größte Projekte sind Gleiserneuerungen und ein neues Stellwerk. (10.02.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 01.04.2016 | 14:00 Uhr