Stand: 23.09.2017 13:20 Uhr

"Heimwerken ist Zen-Buddhismus für Männer"

Die Deutschen verstehen sich gerne als Nation von Heimwerkern. Tatsächlich investieren die Bundesbürger deutlich mehr in Hämmer, Nägel und Tapeten als in ihre Garderobe. Doch woher kommt dieser ungebrochene Wille zum selber werkeln? Der Historiker Jonathan Voges von der Leibniz-Universität Hannover hat sich in seiner Doktorarbeit mit der Geschichte des Heimwerkens beschäftigt und auch ein Buch darüber geschrieben. Dabei hat er herausgefunden: Die Faszination des Heimwerkens kommt vor allem von seiner meditativen Kraft. Dabei war das ursprünglich rein amerikanische Phänomen hierzulande anfänglich sogar verpönt. NDR.de hat mit Jonathan Voges über das Heimwerken gesprochen.

Historische Schnipsel aus "Selbst ist der Mann"

Heimwerken als Dissertationsthema - Sie sind doch bestimmt im Baumarkt zu Hause?

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Jonathan Voges machte das Heimwerken zu seinem Studienobjekt.

Jonathan Voges: Nicht wirklich. Vor meiner Dissertation war ich - was Heimwerken angeht - sogar ziemlich desinteressiert. Ich konnte nicht verstehen, wie man daran Spaß empfinden kann. Diese samstäglichen Ausflüge in den Baumarkt und das anschließende Glücksgefühl, wenn man etwas zusammengezimmert hat - das war mir immer ein Rätsel. Irgendwann wollte ich diesem Phänomen aber auf den Grund gehen und bin als Historiker von der geschichtlichen Seite herangegangen.

Was fasziniert Menschen am Heimwerken?

Voges: Zum Teil sind das ganz banale wirtschaftliche Gründe. In vielen Umfragen geben die Menschen als Grund an, mit dem Heimwerken gegenüber einem beauftragten Handwerker Geld sparen zu können. Oder sie glauben, für kleinere Arbeiten würde ein Handwerker gar nicht mehr kommen und machen es dann eben selbst. Wesentlich wichtiger ist aber die psychische Komponente: Handwerken wird als nicht entfremdete Arbeit wahrgenommen.

Das müssen Sie erklären.

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Heute gehen viele Menschen regelmäßig in den Baumarkt. Noch vor Jahrzehnten war das undenkbar und Heimwerken sogar verpönt.

Voges: Viele Menschen empfinden es zwar als Arbeit, aber eine andere Form davon. Anders als im Job erledigen sie als Heimwerker Aufgaben eben nur für sich oder die Familie. Dazu kommt, dass man das Werkstück oder Bauteil von Anfang bis Ende in den eigenen Händen hat und etwas formt und erschafft. Das gibt Zufriedenheit und ein Glücksgefühl.

Ist Heimwerken also so etwas wie Meditation?

Voges: Der Vergleich ist gar nicht so weit hergeholt. In einigen Studien wird darüber berichtet, wie Heimwerker die normale Zeitordnung um sich herum vergessen, gar nicht mehr merken wie lange sie schon basteln und sich völlig in der Arbeit verlieren. Man könnte durchaus vom Heimwerken als Zen-Buddhismus für den Familienvater mit Eigenheim sprechen.

War das schon immer so? Sind die Deutschen seit jeher eine Heimwerker-Nation?

Voges: Überhaupt nicht. Das Phänomen des Heimwerkens kommt eigentlich aus den USA - bekannt als "do it yourself" oder kurz "DIY". Anfang der 50er Jahre gibt es auch erste deutsche Zeitungsberichte darüber. Damals wurde das, was die Amerikaner da machen, aber eher mit einem Kopfschütteln kommentiert. Erst ab Mitte der 50er ändert sich das langsam und es erscheint sogar die erste deutsche Heimwerker-Zeitschrift: "Selbst ist der Mann". Den wirklichen Durchbruch erlebt das Heimwerken kurze Zeit später.

Woher kam der Sinneswandel?

Voges: Es ist das alte Phänomen: Immer mehr Menschen tun etwas und der Rest kann sich dem schwer entziehen. In den 60ern gibt es dazu auch Berichte über prominente "do-it-yourself-ler", wie den Entertainer Peter Frankenfeld oder den Schauspieler Willy Millowitsch. Die haben sich damit besonders volksnah gegeben. All das führt dazu, dass in Umfragen aus den späten 60ern zwei Drittel der Befragten angeben, Heimwerker zu sein. In den 70ern finden sich dann erstmals Berichte, die nicht von der Nation der Dichter und Denker sprechen sondern von Deutschland als Land der Bohrer und Bastler.

Die gewerblichen Handwerker müssen doch irgendwann auf die Barrikaden gegangen sein.

Voges: Anfänglich im Gegenteil. Der DIY-Trend wurde in einschlägigen Handwerker-Magazinen sogar begrüßt, denn die Kunden machten vor allem Arbeiten selbst, die für die Profis nicht rentabel waren. Das änderte sich erst mit der wirtschaftlich etwas schlechteren Situation in den 70er und 80er Jahren, als die Aufträge für Handwerker zurückgingen. Plötzlich findet man böse Anschuldigungen: zum Beispiel, dass Baumärkte vor allem an Schwarzarbeiter liefern.

Stimmt das Klischee, wonach Heimwerken ein "Männerding" ist?

Voges: Zumindest wurde es von Anfang an so vermarktet. In den 50ern und 60ern hatten die Männer immer mehr Freizeit und suchten sich Beschäftigungen, die keine typische Frauen-Hausarbeit waren. Daher auch der bewusst sich davon abgrenzende Begriff Heimwerken: Der klingt kreativer, künstlerischer. In der Zeit war das Idealbild der alles reparierende Familienvater, der sich von Frau und Kindern bewundern ließ. Erst in den 70ern und 80ern kam das typische Heimwerker-Klischee auf, das wir noch heute kennen.

Wie sieht den der typische Heimwerker aus?

Voges: Männlich, Mitte Dreißig, Familienvater und Besitzer eines Eigenheims. Er hantiert gerne mit schweren Maschinen und ist einfach ein Machertyp. Über dieses Image funktioniert ja auch immer noch die heutige Baumarkt-Werbung. Zwar gab es in den 70ern auch schon Versuche, mit Heimwerker-Kursen die Damenwelt in die Märkte zu locken. Vornehmlich sind sie bis heute aber eine männliche Domäne. Sympathisch ist, dass die Deutschen wenigstens immer selbstironisch mit diesem Klischee umgegangen sind.

Und die Faszination des Heimwerkens - können Sie die nach aller Beschäftigung mit dem Thema nun besser verstehen?

Voges: Auf jeden Fall. Ich habe deutlich Respekt vor dem Schaffen von Menschen bekommen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil ich selbst junger Familienvater und deswegen quasi gezwungenermaßen auch Heimwerker bin. Mein erstes richtiges Projekt ist ein selbst gebautes Baby-Gym - also ein Gestell mit Säuglings-Spielzeug daran. Seitdem kann ich das Glücksgefühl nachvollziehen, wenn man selbst etwas erbaut hat.

Und funktioniert alles?

Voges: Naja, fast. Ich fürchte, ich muss da nochmal ran.

Das Interview führte Tino Nowitzki, NDR.de

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