Stand: 30.08.2017 20:12 Uhr

Hätten Stationsapotheker Niels H. früher entlarvt?

Nach den neuen Ermittlungsergebnissen im Fall Niels H. streiten Krankenhausgesellschaft und Apothekerkammer in Niedersachsen über den möglichen flächendeckenden Einsatz von Stationsapothekern in Kliniken. Magdalene Linz, die Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, forderte am Mittwoch eine Gesetzesänderung. Ihr Argument: Einem Stationsapotheker wäre vielleicht aufgefallen, dass ein bestimmtes Medikament häufiger bestellt wurde - obwohl es sonst nicht oft genutzt wird. Und vielleicht wäre diesem Verdacht dann auch nachgegangen worden. Auch darüber hinaus sollten Stationsapotheker in den Kliniken darüber wachen, dass Medikamente richtig dosiert und in Absprache mit den Ärzten richtig angewandt werden.

Krankenhausgesellschaft ist skeptisch

Der Verbandsdirektor der Krankenhausgesellschaft, Helge Engelke, verwies dagegen auf ungeklärte Mehrausgaben. Außerdem könnten auch Stationsapotheker nicht den kriminellen Missbrauch von Arzneimitteln abwehren. Linz betonte, dass die Versorgung der Patienten im Krankenhaus mit Medikamenten ein "Hochrisikoprozess" sei. Für eine optimale und sichere Medikamentengabe müssten Ärzte, Pflegekräfte und Apotheker im Team zusammenarbeiten.

Gesetzentwurf in der politischen Sackgasse

Die rot-grüne Landesregierung hatte bereits im März einen Entwurf für ein neues Krankenhausgesetz vorgelegt. Als Reaktion auf die Mordserie des Ex-Krankenpflegers Niels H. in Oldenburg und Delmenhorst mit inzwischen mindestens 90 Todesopfern sollten demnach in Krankenhäusern mit mehr als 300 Betten Stationsapotheker eingesetzt werden, um die Patientensicherheit zu erhöhen. Doch da in Niedersachsen Neuwahlen anstehen, ist es zweifelhaft, dass über dieses Gesetz noch abgestimmt wird. Die Krankenhausgesellschaft appellierte schon einmal an die künftige Landesregierung, den Entwurf nicht weiter zu verfolgen.

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Berufsgruppe in amerikanischen Kliniken deutlich häufiger

Der Landesvorsitzende des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker, Matthias Bohn, kritisierte unterdessen die bundesweit geringe Zahl von Stationsapothekern. Während in Großbritannien pro 100 Betten 4,4 Stationsapotheker angestellt seien, seien es in den USA sogar 17,5 Experten. In Deutschland gebe es dagegen weniger als 0,4 Stationsapotheker. In den anderen Ländern seien die Apotheker bereits bei der Visite dabei - in Deutschland kämen sie meistens nur zwei Mal im Jahr zur gesetzlichen Begehung auf die Station.

Finanzierung nicht gesichert

Engelke erklärte, eine verbindliche flächendeckende Einführung von Stationsapothekern sei selbst in einer Übergangszeit nicht umsetzbar. Die Personalpolitik liege zudem in der Verantwortung des Krankenhausträgers. Im bundeseinheitlichen Fallpauschalen-System, nach dem die Behandlungskosten abgerechnet werden, sei eine Sonderfinanzierung für eine Berufsgruppe in einem Bundesland zudem nicht vorgesehen. Die Krankenkassen in Niedersachsen hätten es bereits abgelehnt, die Stationsapotheker zu finanzieren.

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 Uhr | 30.08.2017 | 18:00 Uhr

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