Stand: 20.03.2014 16:30 Uhr

Antibiotika aus der Tiermast im Grundwasser?

Landwirt Hubertus Berges mästet auf seinem Betrieb nahe Cloppenburg rund 3.600 Schweine. Damit er sie später gut verkaufen kann, müssen die Tiere gesund sein. Wenn seine Tiere an Husten oder Durchfall erkrankten, setze er in Absprache mit dem Tierarzt auch Antibiotika ein, erklärt Berges.

Große Mengen an Antibiotika in der Tierhaltung

Insgesamt werden in der intensiven Tierhaltung große Mengen Antibiotika verabreicht. Rund1.600 Tonnen wurden nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im Jahr 2012 an Tierärzte abgegeben. Ob Antibiotika immer nur zur Krankheitsbekämpfung gegeben werden, oder doch häufig, um das Wachstum von Tieren zu beschleunigen, darüber wird seit Jahren intensiv diskutiert.

Über die Ausscheidungen der Tiere können Antibiotika auch in die Umwelt gelangen zum Beispiel über die Gülle auf die Felder. Das Umweltbundesamt in Dessau wollte deshalb wissen, ob die Tierarzneimittel auch im Grundwasser landen. Und so hat die Behörde in Regionen, wo viele Nutztiere gehalten werden, nachmessen lassen.

Antibiotika an sechs Stellen in Niedersachsen im Grundwasser

Dafür wurden bundesweit 48 Messstellen ausgewählt - 20 davon in Niedersachsen. Das Ergebnis der Studie liegt dem NDR exklusiv vor: Nur an wenigen Orten sind Antibiotika ins Grundwasser gelangt. An 39 Messstellen wurden keine Wirkstoffe entdeckt, an sieben Orten konnten sie in niedrigen Konzentrationen gemessen werden - davon fünf in Niedersachsen.

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Rund 1.600 Tonnen Antibiotika wurden im Jahr 2012 an Tierärzte abgegeben.

Allerdings wurden auch an zwei Messstellen Antibiotika in hohen Konzentrationen entdeckt, davon liegt eine nahe dem niedersächsischen Ort Bösel. Bislang ist nicht geklärt, warum der Wert kurzzeitig so erhöht war. Klar ist nur, dass rundherum Schweine und Hähnchen gemästet werden. Außerdem lag laut der Studie zeitweilig ein Geflügelmisthaufen in der Nähe der Messstelle. Schweinemäster Hubertus Berges fordert, man solle der Sache nachgehen und gucken, was zu dem hohen Wert geführt habe.

Karte: Antibiotika im Grundwasser

Umweltbundesamt fordert Grenzwert

In jedem Fall zeigt die Studie, dass Antibiotika ins Grundwasser gelangen können. Deshalb fordert das Umweltbundesamt eine stärkere Überwachung von Gewässern und einen Grenzwert für Tierarzneimittel. Der sollte sich an dem Grenzwert für Pflanzenschutzmittel orientieren und bei 100 Nanogramm pro Liter liegen, erklärt die Wissenschaftlerin Frederike Balzer vom Umweltbundesamt.

Würde es übrigens einen solchen Grenzwert geben, wäre der in Bösel fast um das Zehnfache überschritten worden. Dort waren kurzzeitig 950 Nanogramm des Wirkstoffes Sulfamethoxazol gemessen worden. Problematisch an diesem Stoff ist, dass bislang nicht bekannt ist, wie er auf die Umwelt wirkt. Denn dieses Antibiotikum ist schon sehr lange auf dem Markt und wurde deshalb nicht auf Umweltrisiken geprüft. Solch eine Umweltrisikoprüfung ist für Tierarzneimittel erst seit 2005 Pflicht.

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Das Umweltbundesamt fordert einen Grenzwert für Tierarzneimittel im Grundwasser.

Grundsätzlich sollten im Grundwasser keine Antibiotika zu finden sein, weil Grundwasser in Deutschland die wichtigste Ressource für das Trinkwasser sei und das sollte natürlich sauber sein, so Frederike Balzer. Darüber hinaus könnten Antibiotika auch wichtige Organismen im Boden beeinträchtigen.

Landwirt Hubertus Berges steht der Einführung eines Grenzwertes skeptisch gegenüber. Das sei für die Landwirtschaft eine "sensible Geschichte", so Berges. Der Schweinemäster ist der Ansicht, dass Grenzwerte oft aus politischen Beweggründen und nicht aus wissenschaftlichen eingeführt würden.

Tierarzt fordert geringeren Antibiotika-Einsatz

Der Tierarzt Matthias Link aus Varrel in Niedersachsen dagegen hält einen Grenzwert für sinnvoll, daran könnten sich dann alle orientieren und Schwachstellen aufspüren. Vor allem aber findet er, dass insgesamt zu viele Antibiotika in der Tierhaltung eingesetzt werden. Die Zahlen seien erschreckend, da müsse man ran, das sei eine klare Sache, so Link.

Um den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren, fordert der Veterinär eine bessere Betreuung und Fütterung der Tiere. Außerdem sollten veraltete Stalllüftungen ersetzt und die Viehdichte reduziert werden, sagt Matthias Link. Er ist allerdings auch der Überzeugung, dass viele Landwirte inzwischen durch die gesellschaftliche Diskussion aufgeschreckt seien und versuchten, die Haltung ihrer Tiere nach und nach zu verbessern.

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Hallo Niedersachsen | 20.03.2014 | 19:30 Uhr