Sendedatum: 12.09.2013 08:08 Uhr  | Archiv

Viele Politiker mühen sich mit sozialen Medien

Mit dem Boom von Smartphones und Tablet-PCs boomen auch die sozialen Netzwerke. Das hat Folgen für den Bundestagswahlkampf. Die Nutzerzahlen vor allem von Facebook und Twitter haben sich seit der Wahl 2009 vervielfacht. Nun will fast jeder Abgeordnete und Kandidat gerade jüngere Wähler auch über die diversen Internet-Plattformen erreichen. Gelingt ihnen das?

Von Christoph Heinzle, NDR Info

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Mario Hennig will für die SPD in den Bundestag.

Musikalisch ist der Song beileibe kein Meisterstück, doch im Internet ist der "Harzer Septemberwind" des SPD-Kandidaten Mario Hennig ein Hit. 50.000 Abrufe verzeichnet der Wahlkampfschlager. Der wenig bekannte Sozialdemokrat aus Sachsen-Anhalt schaffte es damit sogar in bundesweite Medien.

Das ist ein wichtiges Motiv für Politiker, die Social Media für ihre Zwecke nutzen, meint der Bamberger Politikwissenschaftler Andreas Jungherr. Denn Wahlkämpfer wollten über Facebook oder Twitter nicht nur informieren, sondern sich auch als netzaffin darstellen: "Als Politiker antworte ich jemandem auf Twitter nicht notwendigerweise deshalb, um diese Person zu überzeugen. Sondern ich antworte unter Umständen einer Person, damit die Medien mich dabei beobachten, wie ich ein Tool in einer bestimmten Art und Weise nutze und damit symbolisiere, dass ich das Internet verstanden habe als Kandidat."

Social-Media-Aktivitäten nicht wahlentscheidend

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Andreas Jungherr ist Politikwissenschaftler an der Uni Bamberg.

Der Erfolg von Politikern wird heutzutage nicht mehr nur in Umfragen gemessen, sondern auch an der Zahl ihrer Freunde und Follower in sozialen Netzwerken. "Wir haben es aber immer noch nicht mit Tools zu tun, die tatsächlich wahlkampfentscheidend sind, sondern über die der etablierte Wahlkampf, der Wahlkampf offline noch mal an eine andere Nutzergruppe weitergeleitet werden kann", sagt Jungherr.           

Dass die Postings und Tweets bei Facebook und Twitter nicht wahlentscheidend sind, meint auch Martin Fuchs, der als "Hamburger Wahlbeobachter" bloggt. Er sieht soziale Netzwerke auch als Instrumente, um früh zu erkennen, was die Menschen im Wahlkreis bewege: "Ohne eine große Forsa-Umfrage machen zu müssen, erfährt man so relativ schnell und relativ nah am Bürger, wenn man das Ohr an Social Media hält, was denkt der Bürger denn eigentlich über bestimmte Themen."

Ohne Dialog mit den Nutzern klappt's nicht

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Politikberater Martin Fuchs bloggt seine Ansichten als "Hamburger Wahlbeobachter".

Nicht unterschätzen sollten die Kandidaten den Aufwand, den die Präsenz in den sozialen Netzwerken bedeutet. Social-Media-Nutzern genüge einfache Polit-PR oft nicht, warnt Fuchs. Politiker dürften sich dem Dialog auf den Plattformen nicht verweigern. Andernfalls werde es relativ wenig Interesse daran geben, was man absendet: "Man verschenkt dann gerade das Potenzial für eine große Reichweite. Leute wenden sich dann eher ab und durchschauen diese Alibiveranstaltung - 'Ich muss es haben, weil Obama das ja auch hatte' - schnell. Dann sollte man es lieber einstellen und gar nicht nutzen."

Politiker unterschätzen Online-Lexikon Wikipedia

Während die meisten Bundestagsabgeordneten mit Facebook und Twitter bereits vertraut sind, tun sie sich mit dem Online-Lexikon Wikipedia noch schwer. Das "meist unterschätzte Instrument" für Wahlkämpfer nennt Blogger Fuchs die inzwischen neuntgrößte Webseite in Deutschland.

Das müssten Politiker nutzen, meint auch der Wissenschaftler und Politikberater Jungherr, der aber einschränkt: "Das Falscheste, das Sie in dem Moment als Politiker im Umgang mit Wikipedia machen können, ist, unter Pseudonym selber Änderungen oder Schönungen an Artikeln vorzunehmen. Das entspricht der Nutzungsart nicht und führt mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu, dass man dann in dem Moment auch negative Aufmerksamkeit oder negative Presse über sich erzeugt."

Community schiebt übertriebener PR Riegel vor

Links

Bundestagswahl: Wikipedia benachteiligt die Piraten

Link zu einer Seite im Blog "Hamburger Wahlbeobachter" von Martin Fuchs. mehr

Manipulationen und übertriebene PR werden schnell von der Community korrigiert. Die "Schwarmintelligenz" der ehrenamtlichen Wikipedia-Autoren funktioniere gut, so Martin Fuchs: "Die Möglichkeit einer Partei oder eines Politikers, etwas diametral zu ändern, was drinsteht, wenn es nicht belegbar ist, ist relativ gering."

Doch die Wiki-Community behält sich vor, selbst festzulegen, wer auf Wikipedia einen Artikel bekommt. Viele Bundestagskandidaten haben es noch nicht dorthin geschafft. Auch Mario Hennig nicht, dessen neue Hardrockversion des Wahlkampfsongs "Harzer Septemberwind" im Netz fast unbeachtet bleibt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 12.09.2013 | 08:08 Uhr

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