Sendedatum: 23.05.2013 08:08 Uhr  | Archiv

Wie wahlentscheidend ist das Netz?

2009 waren noch weniger als zwei Drittel der Deutschen online; was Twitter oder Facebook ist, musste man damals vielen erst noch erklären. Kein Wunder also, dass das Internet bei der damaligen Bundestagswahl noch keine so große Rolle spielte. Vier Jahre später sieht das anders aus. Und so ist es kein Wunder, dass sich in den Parteizentralen viele Menschen die Frage stellen, wie wahlentscheidend das Netz im Herbst sein wird.

Von Lu Yen Roloff, NDR Info

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Parteien und Politiker haben über die sozialen Netzwerke beste Möglichkeiten, mit potenziellen Wählern zu kommunizieren.

Noch ist das Fernsehen in jeder Altersgruppe auf Platz eins der politischen Informationsquellen. Doch nach einer aktuellen Studie des IT-Branchenverbands BITKOM informieren sich bereits 60 Prozent der Bundesbürger über politische Themen im Internet. Bei den jungen Deutschen unter 30 sind es sogar 80 Prozent.

Die Mehrheit der jungen Menschen nutzt bereits soziale Medien wie Facebook und Twitter als Hauptinformationsquelle, sagt BITKOM-Präsident Dieter Kempf: "Der Wahlkampf hat gerade erst begonnen. Da ist es schon sehr interessant, dass zwei Drittel der jungen Gruppe sich online am Wahlkampf beteiligen. Es zeigt doch ein Interesse an Politikeraussagen rund um den Wahlkampf, wenn ich das mit 'I like it' oder mit einer Weitergabe an Bekannte in meinen eigenen politischen Dialog einfließen lasse."

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Politikberater Martin Fuchs betreibt das Blog "Hamburger Wahlbeobachter".

Der Wahlkampf wird interaktiver: Rund ein Viertel der Deutschen hat sich schon mal an E-Petitionen beteiligt. Schon jetzt leitet fast ein Fünftel der Nutzer E-Mails mit politischen Inhalten weiter, 15 Prozent bewerten und teilen diese mit Freunden auf Facebook und Twitter.

Über diese Kanäle könnten die jungen Wahlberechtigten besser erreicht werden als über die herkömmlichen Medien, sagt Politik- und Social-Mediaberater Martin Fuchs: "Das ist eine Zielgruppe von vier bis fünf Millionen Wählern, die man damit erreicht, aber das ist die Zielgruppe, die am wenigsten abstimmt, wo man viele Nichtwähler erreicht. Gerade wenn man sich Parteien wie die Piraten oder AfD anschaut, die in den Bundestag einziehen könnten, wo es auch um jedes Prozent bei den großen Parteien geht, kann genau diese Zielgruppe die wahlentscheidende Zielgruppe sein."

Nutzung der Social-Media-Kanäle noch ausbaufähig

Tatsächlich besitzen mehr als 80 Prozent der Bundestagsabgeordneten bereits einen Social-Media-Account, aber nur wenige nutzten ihn bislang richtig, erklärt Fuchs: "Personalisierung und Dialog finden zum Großteil nicht statt. Die meisten denken sich, dass sie eine Pressemitteilung nur online stellen. Aber es liest sich niemand über Facebook eine Pressemitteilung durch. Das ist genauso unsexy, als wenn sich jemand in den Park stellt und sein Wahlprogramm dort vorliest. Das funktioniert nicht."

Stimmungen und Strömungen schnell erfassen

Richtig genutzt könnten soziale Medien aber die Möglichkeiten zum Bürgerdialog massiv erweitern - zum Beispiel über Kampagnenarbeit, mit Einladungen zu Veranstaltungen oder die direkte Kommunikation mit wichtigen Interessensgruppen über Twitter und Facebook.

Fuchs betont, dass soziale Medien den Kandidaten im Wahlkampf helfen könnten, die Stimmung im Land schneller zu erfassen: "Wo brennt denn was im Wahlkreis? Wo drückt der Schuh? Dass man ein Gefühl dafür bekommt, was vielleicht Themen sind, die aufpoppen. Dass man auch selbst Themen, die man hat, antesten kann."

Die Parteien sind am Zug

Außerdem, so Fuchs, würden die Kandidaten in sozialen Netzwerken auf relativ einfache Art und Weise schnell erfahren können, wie potenzielle Wähler und Sympathisanten über sie denken: "So kann man seine eigene Meinung als Feedback auf die Wähler ausbilden."

Wie wahlentscheidend ist also im Jahr 2013 das Netz? Hier kam die BITKOM-Studie zu einem überraschenden Ergebnis: Die Hälfte der jungen Deutschen glaubt, dass der Ausgang der Wahl davon abhängen wird, wie die Parteien das Netz im Wahlkampf nutzen.

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NDR Info | Netzwelt | 23.05.2013 | 08:08 Uhr

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