Sendedatum: 16.05.2012 19:00 Uhr  | Archiv

Urheberrecht vs. freies Internet

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Ein Klick und über Tauschplattformen lassen sich im Internet Fotos, Bücher und Musikstücke kostenlos herunterladen. Das ist illegal, wird aber tausendfach gemacht. Eine Reform des Urheberrechts fordern deshalb Internet-Aktivisten, unter Ihnen Teile der Piraten-Partei.

Dagegen sehen viele Künstler ihre Arbeit entwertet und haben Angst, dass sie ihren Lebensunterhalt bald nicht mehr verdienen können. Mehr als 6000 Unterstützer haben schon einen Aufruf unterzeichnet, der sich für den Erhalt des Urheberrechts stark macht. Es steht also "Urheberrecht vs. freies Internet". In der Reihe "Kontrovers" haben Experten und Betroffene am Mittwoch auf NDR Kultur darüber diskutiert.

Differenzierung nötig

Ist das Konzept des geistigen Eigentums veraltet? Enno Lenze, Geschäftsführer des Berlin Story Verlages und Mitglied der Piratenpartei störte sich an dem Begriff: "Bei dem Verglich zwischen materillen und immateriellen Gütern finde ich schwierig, dass man immaterielle Güter kopieren kann, ohne dass sie abhanden kommen, während man materielle Güter nur stehlen könnte. Und da braucht es eine feinere Auseinandersetzung, damit jedem klar ist: Das ist eine andere Sache."

Interessenausgleich schaffen

Der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht Reinher Karl, der auch Justiziar des Verbandes unabhängiger Tonträgerunternehmer ist, widersprach. Welchen Namen man immateriellen Gütern gibt, macht juristisch seiner Meinung nach keinen Unterschied. Der Begriff "Geistiges Eigentum" trifft aber die Sache: "Nun ist es so, dass natürlich erst in dem Moment, in dem ich Eigentum geschaffen habe, ein Wirtschaftsgut entsteht, mit dem ich handeln kann. Und wenn dieses Gefüge durcheinander gerät, sodass kein Interessenausgleich geschaffen werden kann, dann wird es problematisch und in dieser Situation befinden wir uns momentan."

Karl forderte deshalb, das Recht zu präzisieren, um Anbieter im Internet zurückzudrängen, die das kostenlose Herunterladen von Filmen und Musiktiteln ermöglichen. Für Enno Lenze besteht bei einer Verschärfung der Gesetze aber die Gefahr, dass die Überwachung im Internet Überhand nimmt. Auch Warnhinweise lehnte er deshalb ab.

Mit Snoopy-Shoopie-Irgendwie-Namen losrotzen

Dass das freie Internet auch zu Beleidigungsexzessen führen kann, kritisierte der Berliner Verleger Christoph Links. Nachdem Künstler sich für das Urheberrecht stark gemacht hatten, wurden sie im Internet übel beschimpft und ihre private Daten veröffentlicht. Für Links eine Folge der Anonymität im Netz: "Wenn ich nur mit einem Nickname, einem Snoopy-Shoopie-Irgendwie-Namen da agiere, dann kann ich losrotzen, muss auf nichts Rücksicht nehmen. Keiner kann herausfinden, wer ich bin. Keiner kann mich zur Verantwortung ziehen. Und da ist es an der Zeit, dass wir zu geordneten Umgangsformen finden. Und dafür brauchen wir irgendwann rechtliche Regelungen."

Wo bleibt die Moral?

Der Pianist Nils Frahm wünscht sich mehr Moral im Netz. Er berichtete von Fans, die ihm freiwillig Geld überwiesen haben, nachdem sie seine Musik heruntergeladen hatten. Als Künstler sieht er sich auch in der Verantwortung Kaufanreize zu schaffen: "Ich verkaufe sehr viele Schallplatten. Das ist verrückt. Weil die Menschen gerne ein großes schönes Cover haben möchten. Die Qualität der Aufnahmen ist entscheidend. Ich glaube auch nicht, dass sehr viele auf ihrem iPad Bücher lesen möchten. Also ich denke, dass es eine Renaissance der physikalischen Medien geben wird. Und dafür setze ich mich ein. Ich setze mich für Qualität ein und für die Leute, die bereit sind, dafür zu zahlen, also Connaisseure."

Dass eine Kulturflatrate, also eine Grundabgabe für unbegrenzten Kulturkonsum sich durchsetzen könnte, hielt Frahm ebenso wie die anderen Diskussionsteilnmehmer für illusorisch.

  • Kurzporträts der Gäste

    Enno Lenze versteht vom Internet wie vom Buchhandel gleich viel. Als Geschäftsführer des Berlin Story Verlags vermarktet er historische Bücher über Berlin, zuletzt beispielsweise "Der Alte Fritz in fünfzig Bildern für Jung und Alt". Bei der international tätigen Beratungsfirma B2Performance hat er das Online-Marketing von Unternehmen verbessert. Dabei hat er auch die in sozialen Netzwerken veröffentlichten Interessen von Usern genutzt - manch Datenschützer spricht da von Ausspionieren. Das Parteimitglied der Piraten (Jahrgang 1982), hat bereits als Schüler beim Chaos Computer Club mitgearbeitet. Lenze findet den Begriff "geistiges Eigentum" veraltet - aber einen besseren hat er auch noch nicht gefunden.

  • Nils Frahm ist im selben Jahr geboren wie Enno Lenze, 1982. Der Musiker begann seine Karriere mit einer klassischen Ausbildung am Klavier. Bei seinen Konzerten fordert er die Zuhörer gern zum Mitspielen auf, und auch sonst hat Nils Frahm gegen rege Beteiligung nichts einzuwenden. Er nutzt das Internet als Verbreitungsweg und stellt seine Musik auf MySpace oder Last.fm zum kostenlosen Streaming zur Verfügung.

  • Reinher Karl ist einer von 154 Fachanwälten für Urheber- und Medienrecht in Deutschland - allerdings nicht irgendeiner, sondern der Justiziar des Verbandes  unabhängiger Tonträgerunternehmen, zu dem das Jazzlabel ACT in München ebenso gehört wie Jan Delays Plattenfirma BUBACK in Hamburg. Der 1969 geborene Karl stammt aus dem bayerischen Rosenheim, ist aber mittlerweile Fan des FC St.Pauli und hat seine eigene Kanzlei in Hamburg. Er fordert, große Internet-Unternehmen wie Google für die auf ihren Seiten veröffentlichten Inhalte haftbar zu machen - so würden jene zahlen, die an kreativen Leistungen verdienen.

  • Christoph Links (Jahrgang 1954), war Journalist bei der "Berliner Zeitung" und ab 1986 im Aufbau-Verlag tätig. Nach der Wende gründete er einen der ersten Privatverlage der neuen Bundesländer und veröffentlichte zahlreiche Standardwerke zur Geschichte der DDR. Dafür erhielt er im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz. Links möchte, dass die Arbeit von Verlegern als Mittler zwischen Autor und Publikum stärker gewürdigt wird. Zugleich plädiert er für eine Kulturflatrate aller Internetnutzer - wobei bisher ungelöst ist, nach welchem Schlüssel das Geld aufgeteilt werden soll zwischen den Kreativen, die ihre Werke ins Netz stellen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.05.2012 | 19:00 Uhr

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