Stand: 20.03.2013 22:08 Uhr  | Archiv

Gefahr Scientology: Gut getarnt im Netz

von Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de

Am Mittwoch hat der Hamburger Senat Ursula Caberta verabschiedet. Drei Jahre früher als geplant zieht sich die seit Jahren engagierte Scientology-Kritikerin zurück und betont: "Ich gehe nicht in Ruhestand, ich bin sozusagen arbeitslos. Ich habe meinen Arbeitsvertrag aufgelöst."

Frau Caberta

Scientology-Kritikerin Caberta geht

Hamburg Journal -

Fast 20 Jahre ihres Lebens hat Ursula Caberta dem Kampf gegen die Scientology-Organisation gewidmet. Nach Mittelkürzungen hört sie jetzt bei der Hamburger Innenbehörde auf.

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Grund sei die mangelnde finanzielle Unterstützung ihrer Aufklärungsarbeit, seit ihre "Arbeitsgruppe Scientology" 2010 im Zuge von Sparmaßnahmen geschlossen, beziehungsweise mit Cabertas Worten "zusammengekloppt" wurde. Gleichzeitig mit der Ankündigung der Sekten-Expertin, den Dienst zu quittieren, verbreitet der Hamburger Verfassungsschutz im Februar die Nachricht, dass Scientology an Kraft verliere. Ist die Gefahr vorbei?

"Ganz klar: Nein", sagt Andrew Schäfer von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) im Rheinland. Trotz eines generellen Rückgangs der Mitgliedszahlen in den vergangenen Jahren beobachte er seit einiger Zeit in seiner Region Nordrhein-Westfalen eine irritierende gegenläufige Tendenz: "Hier hatten wir in den letzten drei Jahren eine Zunahme um 50 Prozent", berichtet Schäfer. Zwar sei der Anstieg von 400 auf 600 Mitglieder gemessen an der Zahl der Personen vergleichsweise gering, doch ein wichtiger Hinweis darauf, dass Scientology weiterhin aktiv sei.

Schäfer führt das Wiedererstarken der Sekte in NRW auf das persönliche Engagement einiger hochrangiger und finanziell gut ausgestatteter Scientologen zurück und betont: "Die Scientologen denken in langfristigen Perioden."

Im Netz wirbt die Sekte für Menschenrechte

In diesem Zusammenhang werde eines immer bedeutsamer für die Sekte: das Internet. Zum einen betreibe Scientology seit einigen Jahren mehrere Seiten, die sich vordergründig gesellschaftlich höchst anerkannten Themen widmen, zum Beispiel "Sag nein zu Drogen" oder "Jugend für Menschenrechte".

Den Namen Scientology sucht der Nutzer dort vergebens. Vielmehr erscheinen als Betreiber ein Verein namens "SAG NEIN ZU DROGEN" oder die "gemeinnützige Organisation Youth for Human Rights International". Sie soll im Jahr 2001 von einer Pädagogin gegründet worden sein und nun angeblich junge Menschen über Menschenrechte aufklären. Gründerin und Präsidentin Mary Shuttleworth ist laut Homepage "Mutter zweier wundervoller Kinder und mittlerweile stolze Großmutter." Was dort nicht steht: Sie ist auch eine hochrangige Scientologin.

Scientology und das Internet

"Selbst Bürgermeister sind schon darauf hereingefallen"

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"Totgesagte leben länger": Sektenexperte Andrew Schäfer warnt eindringlich davor, Scientology als harmlos einzustufen.

Die Seiten sind "sehr gut gemacht", sagt Sektenexperte Schäfer, "und wer da draufklickt, weiß gar nicht, dass Scientology dahinter steckt." Wie ein Trittbrettfahrer versuche die Organisation, über ein gesellschaftlich angesehenes Thema Menschen zu erreichen. Die Betreiber versenden kostenloses Informationsmaterial und fordern dazu auf, ihre Seite zu verlinken und Geld zu spenden.

Der Tarn-Auftritt gelinge teilweise so gut, dass es sogar Bürgermeister gegeben habe, die in ihren Städten umsetzen wollten, was "Jugend für Menschenrechte" anbiete, sagt Schäfer. Das Perfide: Mit Menschenrechten wie Gedankenfreiheit hat die Hubbard-Organisation, die für den psychischen Druck auf ihre Mitglieder bekannt ist, "nun wirklich nicht viel zu tun", so Schäfer.

"Humanitäre Programme" für Scientology - "PR-Strategien" für Caberta

Mit den Internet-Seiten konfrontiert, geht die Sekte durchaus offen damit um, dass sie mit ihnen in Verbindung steht. "Die Scientology Kirche sponsert verschiedene humanitäre Programme", heißt es hierzu auf Anfrage von NDR.de. Beide genannten Vereine seien jedoch rechtlich und organisatorisch von der Scientology Kirche getrennt. Die inhaltliche Gestaltung der Seiten indes werde "in erster Linie von Scientologen gemacht."

Wenn Kontakte zu Nutzern entstünden, "wenn Vertrauen aufgebaut ist", werde schnell deutlich, wer dahinter stecke, führt Sektenexperte Schäfer aus. Überdies stelle das vorgeblich humanitäre Engagement auch einen Versuch Scientologys dar, an der beschädigten Reputation zu arbeiten, indem gesellschaftliche Themen besetzt würden. Die Sekte hingegen wehrt sich gegen "Gerüchte, dass unsere Kampagnen verwendet werden, neue Mitglieder zu werben."

Als "PR-Strategien, Nebelkerzen für die Außenwelt", bezeichnet Caberta diese Taktik. Wichtig sei es, zwischen Sekten-Innenwelt und Außendarstellung zu unterscheiden. "Nur dann kann man es durchschauen. Leider ist es immer wieder so, dass sich Menschen täuschen lassen."

"Verdeckt in sozialen Netzwerken unterwegs"

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Laut Sekten-Experte Andrew Schäfer steckt Scientology zwar in der Krise. Doch "die Kriegskasse ist prall gefüllt."

Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, StudiVZ oder SchülerVZ sind den Scientology-Experten zufolge Mitglieder der Sekte verstärkt unterwegs, um neue Interessenten zu werben. Zunächst suchten sie, ebenfalls verdeckt und über akzeptierte Gesprächsthemen, nach Kontakten. "Und erst, wenn eine erste Bindung da ist, werden die Karten offener auf den Tisch gelegt", beschreibt Schäfer das Vorgehen. Dann sei bei den neu hinzugewonnenen Netzwerk-Freunden die Hemmschwelle häufig schon abgesunken, sich mit Scientology zu beschäftigen.

Die Organisation selbst sagt, dass keines der sozialen Netzwerke von ihr genutzt werde und bestreitet, unter verdeckten Profilen zu agieren. Doch: "Selbstverständlich sind Scientologen, wie eine Vielzahl von Menschen auch, in den sozialen Netzwerken vertreten." Was und in welcher Form der Einzelne kommuniziere, sei seine Sache.

Auf einen "deutlichen Nachteil" des Internets für die Scientology Organisation verweist Ursula Caberta. So sei das Netz zu einem wichtigen Medium für Kritiker und Aussteiger geworden. "Und dafür haben die Scientologen endlich einmal kein Gegenmittel."

"Die Kriegskasse der Scientologen ist prall gefüllt"

Insgesamt sieht EZW-Mann Schäfer jedoch die seines Erachtens immer bedeutsamer werdende Taktik der Sekte, das Netz für sich zu nutzen, mit Besorgnis. Zwar sei die von ihm als "extremistisch" und "faschistoid" bezeichnete Organisation zurzeit insgesamt rückläufig und "in der Krise", doch deshalb lange nicht harmlos und durchaus in der Lage, auch schwierige Zeiten zu überstehen.

Die Zahl ihrer Anhänger in Deutschland beziffert Scientology zurzeit selbst mit 12.000, übertreibt den Verfassungsschützern zufolge aber stark. Sie schätzen, dass es derzeit bundesweit zwischen 4.000 und 5.000 Scientologen gebe, 600 davon in Hamburg. "Wobei mir seit jeher schleierhaft ist, wie die auf solche Zahlen kommen", sagt Caberta.

Eines ist laut Schäfer sicher: "Die Scientologen haben eine enorme Ausdauer. Nach allem, was wir wissen und einschätzen können, ist ihre Kriegskasse prall gefüllt", sagt der Sekten-Experte und setzt hinzu: "Totgesagte leben länger."

Auf einen Blick: Scientology

Lafayette Ronald (kurz: L. Ron) Hubbard, Autor von Science Fiction und Selbsthilfe-Literatur, gründete 1954 in Kalifornien die erste "Church of Scientology". Der Begriff Scientology fußt auf dem lateinischen "scientia" (= Wissen) und dem griechischen "logos" (= Rede oder Logik). Die Anhänger der Organisation übersetzen ihn als "Wissen über das Wissen".
Über Psychotechniken vermittelt Scientology laut Hamburger Innenbehörde ihren Mitgliedern das Gefühl, auserwählt zu sein. Gleichzeitig geraten sie in psychische Abhängigkeit.
Laut Verfassungsschutz strebt die Organisation in der Gesellschaft "eine uneingeschränkte Machtposition an." Ihre Strategie sei es, mittels ihrer "überlegenen" Geistestechnologie Schlüsselpersonen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu beeinflussen. Ziel sei die "Befreiung des Planeten" und die Errichtung einer "neuen Zivilisation" nach Maßstäben der eigenen Ideologie.
Da dies laut Verfassungsschutz "politisch bestimmten Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung" entspricht, beobachtet er die Aktivitäten der Sekte seit 1997. Andernorts, wie etwa in den USA, genießt die "Church of Scientology" den Status einer steuerbefreiten Religionsgemeinschaft.

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