Stand: 08.06.2012 16:49 Uhr  | Archiv

Umstrittenes Schufa-Projekt gestoppt

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Nach heftiger Kritik haben die Verantwortlichen für das Forschungsprojekt der Schufa die Reißleine gezogen.

Das umstrittene Forschungsprojekt der Schufa zur Auswertung von Daten aus sozialen Netzwerken ist geplatzt. Nach massiver Kritik kündigte das Hasso-Plattner-Institut (HPI), das erforschen sollte, inwieweit Informationen aus dem Internet bei der Bewertung der Bonität helfen können, den Vertrag. Wenig später gab auch die Schufa bekannt, die Idee nicht weiterzuverfolgen.

"Das Forschungsprojekt hat eine Debatte über den Umgang mit frei verfügbaren Daten angestoßen, die die Schufa erst mit Vorlage der Forschungsergebnisse erwartet hätte", erklärte die Auskunftei am Freitag. Obwohl Schufa und HPI betont hatten, es handele sich ausschließlich um ein ergebnisoffenes Forschungsprojekt, waren die Pläne am Donnerstag unter massiven Beschuss von Politikern und Datenschützern geraten.

Institut klinkt sich aus

Angesichts mancher Missverständnisse in der Öffentlichkeit über den vereinbarten Forschungsansatz und darauf aufbauender Reaktionen könne ein solches wissenschaftliches Projekt nicht unbelastet und mit der nötigen Ruhe durchgeführt werden, erklärte HPI-Direktor Christoph Meinel am Freitag. Intern hatte dies zuvor in einer Rundmail an die Studenten und Mitarbeiter noch anders geklungen, wie NDR Info berichtete. Von Foulspiel war darin die Rede und einseitiger Berichterstattung, die dann auch noch unreflektiert von anderen Medien übernommen worden sei.

Datenschützer warnt vor Konsequenzen

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Das sieht der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert ganz anders. Das, was in den Projektideen stehe, habe es in sich: Auslesen von Adressen, Analysen von Kontakten, Auswertung von einzelnen Texten und Facebook-Kommentaren - die Liste sei lang. In der ARD warnte Weichert eindringlich vor den Konsequenzen eines solchen Projekts. Es müsse davon ausgegangen werden, dass die Nutzung der Informationen für Betroffenenicht kalkulierbar sei. "Wenn man Freunde hat, die eine schlechte Bonität haben, dann hat das unter Umständen zur Folge, dass man selbst schlechter eingestuft wird und eventuell keinen Kredit bekommt", sagte Weichert. Eine schlechte Einstufung könne sich auch etwa beim Abschluss von Versicherungsverträgen auswirken. "Es gibt eine Vielzahl von Konsequenzen."

"Ausbeutung von Daten steht erst am Anfang"

Er habe die große Befürchtung, dass die Ausbeutung von personenbezogenen Daten erst am Anfang stehe, betonte Weichert. "Es geht nicht mehr um uns Menschen, sondern es geht im Prinzip nur noch um unsere Daten, um mit denen möglichst viel Geld zu verdienen."

"Freunde und Status geben keine Auskunft über die Bonität eines Verbrauchers. Deshalb finden solche Daten auch keine Verwendung in unserem Datenbestand", betonte Schufa-Vorstand Peter Villa am Freitag. Man dürfe jedoch nicht die Augen vor der Realität des Internets verschließen: "Die grundsätzliche Frage des Umgangs mit öffentlichen Daten im Netz bleibt eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung."

Schufa und HPI wollten Ball flach halten

Die Schufa und das HPI hatten am Donnerstag versucht, die Berichte über ihr Forschungsprojekt herunterzuspielen, wie NDR Info berichtete. Das alles sei nur Grundlagenforschung, man wolle auf gesellschaftliche Risiken aufmerksam machen und gehe transparent mit allem um. Allerdings hatten die Auskunftei und das Insitut das Projekt erst auf Nachforschungen von NDR Info öffentlich gemacht. In internen Unterlagen steht, dass die Schufa die gewonnenen Daten für ihr derzeitiges Geschäft und künftige Geschäftsmodelle nutzen wollte. Dem HPI entgehen durch die Kündigung des Projekts rund 200.000 Euro pro Jahr.

Aigner: "Massiver Eingriff"

Für Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) ist das gesamte Projekt nichts anderes als eine Schnapsidee. "Die Schufa darf nicht zum Big Brother des Wirtschaftslebens werden. Wenn sogar in dem geschlossenen Bereich versucht wird, Daten zu ermitteln, ist das schon ein massiver Eingriff", sagte Aigner. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) machte ebenfalls deutlich, dass sie keinen Spielraum für solche Ideen sieht.

Das Schufa-Projekt wurde auch vom eigenen Verbraucherbeirat kritisiert. Beiratsmitglied Uli Röhm sagte am Freitag, er könne nicht verstehen, wie man "bei der derzeitigen Diskussion über soziale Netzwerke anfängt, so blauäugig zu forschen".

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/schufa131.html