Stand: 07.06.2012 19:02 Uhr  | Archiv

Schufa will Facebook-Daten sammeln

von Peter Hornung und Jürgen Webermann, NDR Info

Schufa will Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien sichern

Alles also ganz transparent und öffentlich, wie die beiden Projektpartner betonen, mit dem Ziel, auf "gesellschaftliche Risiken" hinzuweisen, wie es im Vertrag zwischen der Schufa und dem HPI heißt? Und ohne das Ziel, die Ergebnisse in bare Münze umzusetzen? Es sei ja ohnehin "fraglich, ob die Ergebnisse überhaupt wirtschaftlich verwendet werden könnten", betont HPI-Professor Naumann.

Klar ist: In Wiesbaden sorgt man sich durchaus um den geschäftlichen Erfolg des eigenen Unternehmens, wie Schufa-Vorstand Peter Villa in dieser Woche auch freimütig erklärte: "In der Zusammenarbeit mit dem HPI wollen wir durch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland sichern." Was auch sonst, schließlich ist die Schufa eine Aktiengesellschaft, deren Vorstand seinen Aktionären plausibel machen muss, warum man 200.000 Euro im Jahr in die Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Institut investiert.

66 Millionen Verbraucher gespeichert

Bild vergrößern
Hamburgs ehemaliger Finanzsenator Michael Freytag ist seit gut zwei Jahren Vorstandsvorsitzender der Schufa Holding AG.

Für die Schufa, die seit März 2010 vom ehemaligen Hamburger Finanzsenator Michael Freytag geführt wird, wäre es ein Paradigmenwechsel, würde sie in großem Umfang Daten aus dem Internet sammeln und mit eigenen Datenbanken verknüpfen. Bisher hat Deutschlands größte Auskunftei, die nach eigenen Angaben über 66 Millionen Verbraucher in ihren Computern gespeichert hat, vor allem eine zentrale Informationsquelle: die Daten, die ihr Vertragspartner wie Banken und Sparkassen, aber auch Händler, Telekomfirmen und Versicherungen über ihre Kunden und deren Zahlungsverpflichtungen liefern - im Austausch gegen Bonitätsauskünfte. Aus dem Internet dagegen bezieht die Schufa bislang nur sehr begrenzt Daten, solche nämlich aus gerichtlichen Schuldnerverzeichnissen oder dem Handelsregister.

Datenschützer äußern Unverständnis

Bild vergrößern
Datenschützer Thilo Weichert sieht eine "völlig neue Dimension", sollte die Schufa die im Netz gesammelten Daten tatsächlich einsetzen.

Dass in nicht allzu ferner Zukunft nun das Internet eine viel größere Rolle spielen könnte, ruft Daten- und Verbraucherschützer auf den Plan. Sie reagierten auf die Schufa-Pläne mit Entsetzen und Unverständnis. Der schleswig-holsteinische Landesdatenschutzbeauftragte Thilo Weichert sagte NDR Info: "Hinter einem solchen Forschungsprojekt steckt immer eine Absicht. Sollte die Schufa die gewonnenen Daten tatsächlich einsetzen, wäre das eine völlig neue Dimension."

Er zweifle daran, dass eine Umsetzung der Projektideen rechtlich überhaupt haltbar sei. Besonders problematisch sei, "dass Informationen, die beiläufig ins Netz gestellt worden sind, systematisiert werden sollen. Dass diese Informationen dann ganz offensichtlich - das ist die Aufgabe der Schufa - für Bonitätsbewertungszwecke genutzt werden sollen. Entsprechende Praktiken kennen wir aus den USA."

"... dann wird es hochgefährlich"

Hamburgs Landesdatenschutzbeauftragter Johannes Caspar nannte die Pläne sehr problematisch und forderte den Gesetzgeber auf, klare Regeln für die Verwendung von Daten aus sozialen Netzwerken aufzustellen. Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg nannte das Schufa-Projekt eine "Grenzüberschreitung". "Wenn diese sehr privaten und persönlichen Datensammlungen wie Facebook von der Schufa zusammengeführt und ausgenutzt werden, dann wird es hochgefährlich." Dass es nicht primär darum gehe, der Allgemeinheit Gutes zu tun, sei offensichtlich: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Das heißt, es gibt jemanden, der die Forschung bezahlt, und natürlich werden sich dessen Interessen auch im Ergebnis widerspiegeln. Selbst wenn das Gesamtergebnis vielleicht nicht so ist, wie die Schufa sich das gedacht hat, kann sie daraus eine Menge lernen."

Politiker kritisieren Schufa-Pläne scharf

Bild vergrößern
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kritisierte die Schufa-Pläne.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte, eine Auswertung der Daten etwa des sozialen Netzwerkes Facebook, um darüber die Kreditwürdigkeit von Verbrauchern zu beurteilen, sei nicht hinnehmbar. Die Schufa müsse völlige Transparenz herstellen. Auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) forderte im "Münchner Merkur" rasche Aufklärung. Die Schufa dürfe nicht zum Big Brother des Wirtschaftslebens werden.

Bayerns Justizministerin Beate Merk nannte die Pläne einen klaren Missbrauch. Hier dringe ein Unternehmen um des Wettbewerbs Willen in Bereiche ein, in denen es nichts zu suchen habe, so die CSU-Politikerin. Konstantin von Notz, Internetexperte der Bundestagsfraktion der Grünen, sprach von "offensichtlich verfassungsfeindlichen Zielen", die die Schufa verfolge. Es gehe um "unternehmerische Kaffeesatzleserei". Der Vorsitzende der Piratenpartei, Bernd Schlömer, sieht darin einen Angriff auf das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. "Wenn selbst die Polizei nicht auf Facebook ermitteln darf, warum sollte es eine Finanzauskunftei dürfen?", fragte Schlömer.

"Bundesregierung muss aus Dornröschen-Schlaf aufwachen"

Gerd Billen, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband, sagteim NDR Info Interview: "Es ist auf der einen Seite ein Skandal, weil mit dem Forschungsvorhaben der Schufa ja nun doch sehr deutlich wird, dass der angebliche private Raum, den wir in sozialen Netzwerken vermuten, nicht so ist. Deswegen wirft er viele Fragen auf hinsichtlich der Legitimität der Schufa, überhaupt solche Sammlungen von Daten durchzuführen, aber auch der Frage nach der Verantwortung sozialer Netzwerke, ob die so etwas zulassen." Die Bundesregierung müsse aus ihrem Dornröschen-Schlaf beim Thema Datenschutz aufwachen und das vorlegen, was sie vor drei Jahren versprochen habe. "Nämlich ein rote-Linie-Gesetz, das klarer als bisher regelt, was ist auch im Internetzeitalter erlaubt und was nicht", forderte Billen.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/schufa115.html