Sendedatum: 16.01.2013 23:20 Uhr  | Archiv

Wenig Geld für Hoffnungsträger

Die Verlage stecken in der Krise. Nichts Neues - wir haben schon oft darüber berichtet. Aber immer wieder dramatisch, wenn es die Mitarbeiter trifft. Mitte Januar waren es wieder 120, diesmal bei der "Westfälischen Rundschau" - gekündigt, wegen Verlusten in Millionenhöhe. Die Zukunft, da sind sich viele Verleger sicher, liegt im Netz. Also investieren sie online - denkt man. Doch die Realität sieht anders aus, zumindest für Online-Journalisten.

 

Ihre Artikel erreichen die Menschen überall und sind dauerhaft abrufbar. Online-Journalisten müssen immer auf Aktuelles reagieren. Sie sind die Zukunft der Branche. Eine Zukunft, in die Verlage nur zaghaft investieren. Online-Redakteure bekommen das zu spüren. Christoph Schäfer hat bei Regionalen Portalen "Süddeutsche.de" und "stern.de" gearbeitet. Jetzt ist er Printredakteur: "Bei sehr vielen sind die Onliner, na ja, die Kollegen zweiter Klasse. Man muss es sagen, insofern, sie sind zwingend eigentlich immer jünger. Man weiß sie verdienen weniger, sie haben weniger Berufserfahrung und sie sind der Abteilung des Hauses, was meist Defizite erwirtschaftet."

Unterschiedliche Honorare für die gleiche Arbeit

Sogar wenn Online-Redaktionen Gewinne einfahren, zahlen sie nicht unbedingt besser. Carola Dorner von Freischreiber e.V. kennt beides - Print und Online: "Wenn ich einen Artikel in einem vernünftigem Umfang, der in einem Magazin etwa 2-seitig wäre, schreibe, dann kann es wirklich sein, dass er im Print doppelt so viel einbringt wie online. Und dafür kann es ja keinen Grund geben."

Aber es ist so. Freie Online-Journalisten müssen ihre Honorare jedes Mal aushandeln. Es gibt kaum feste Sätze. "Spiegel Online" zahlt immerhin "mindestens 100 Euro pro Artikel", laut Honorar-Vereinbarung. Meist ist es mehr. Aber selbst 180 Euro bieten wenig Anreiz für eine sehr umfangreiche Recherche. Die Online-Redakteure arbeiten meist in Schichtdiensten. Überstunden gibt es offiziell fast nirgends. Selbst viele der erfolgreichen Nachrichtenportale stellen ihre festangestellten Onliner zu schlechteren Bedingungen ein als ihre Printkollegen. Das geht überhaupt nur, weil viele Verlage ihre Online-Redaktionen von Anfang an ausgegliedert haben.

Christoph Schäfer meint: "Online-Redakteure werden insofern anders bezahlt als Print-Redakteure, als das viele Online-Firmen eigenständige GmbHs sind, die oft nicht dem Tarifvertrag unterliegen. Das heißt, jeder darf selbst frei handeln und wenn Sie junger Redakteur sind bei der jetzigen Arbeitsmarktlage haben Sie eine sehr schwache Verhandlungsbasis."

Geschäftsleitung und Betriebsrat von "Spiegel Online" verhandeln im Moment. Holger Uhlig und Gerald Sagorski fordern eine Betriebsvereinbarung, in der sich Bedingungen für Online und Print angleichen.

Gerald Sagorski, Betriebsrat "Spiegel Online": "Bei uns sieht das so aus, dass wir vom Gehalt her schon auf Tarifniveau sind, aber das wir natürlich nicht die Vorteile eines Tarifvertrages haben, wie zum Beispiel eine 36-Stundenwoche oder wie zum Beispiel Fortzahlung im Krankheitsfall. Das ist natürlich im Manteltarifvertrag alles viel, viel besser, als in einem Unternehmen, das keinen Tarifvertrag besitzt. Man sollte das nicht nur an dem Geldwert messen sondern man sollte das auch an den sozialen Leistungen messen."

Ohne Tarifvertrag fehlt Redakteuren vor allem der Überblick darüber, wie viel oder wie wenig sie im Vergleich zu anderen verdienen.

Holger Uhlig ist im Betriebsrat von "Spiegel Online": "Konkret ist das Problem, dass wir Kollegen haben, die die gleiche Arbeit haben, die die gleiche Zeit bei uns beschäftigt sind, beziehungsweise die gleichen Berufsjahre haben und die aber durchaus Spreizungen von 10 bis 15 Prozent haben. Die also durchaus weniger verdienen als ihre vergleichbaren Kollegen."

Durch die nähere Zusammenarbeit fallen die Unterschiede noch stärker auf

Keine verlockenden Aussichten für sie, die künftigen Online-Journalisten, Bachelor-Studenten an der Hochschule Darmstadt. Sie werden für den innovativsten Bereich der Branche ausgebildet und ihr Professor Peter Schumacher verbreitet Zuversicht: "Es gab immer Frotzeleien zwischen den Print-Kollegen und den Online-Kollegen. Das hat eine gewisse Tradition. Es gab da immer gewisse Rivalitäten. Aber ich glaube inzwischen ist in der Verlagsbranche durchgängig erkannt, dass es keinen Sinn hat diese beiden Kanäle und auch die unterschiedlichen Redakteure getrennt zu halten."

Die räumliche Trennung ist in vielen Redaktionen längst aufgehoben. Das verschärft aber nur das Problem: Denn jetzt sitzen in Newsrooms Online- und Printjournalisten einander gegenüber, die häufig unterschiedlich bezahlt werden und unterschiedlich lange arbeiten.

ZAPP hat die acht erfolgreichsten Online-Nachrichtenportale von Print-Verlagen dazu angefragt. Neben der "Welt" war es nur die "FAZ", die ihre Online-Redaktion nicht in eine GmbH ausgegliedert hat. Auf unsere Fragen zur tariflichen Gleichstellung  wollten einige nicht eingehen, andere blieben ungenau. Immerhin, "stern.de" antwortet: "Wir orientieren und nicht an Print-Magazin-Gehältern, sondern an Onlinegehältern". (Statement stern.de).

Für "Spiegel online" antwortet Mathias Müller: "Wir zahlen  nicht gleiche Gehälter für alle Redaktionen, sondern müssen den Geschäftserfolg berücksichtigen". (Statement Spiegel Online).

Aber gerade beim Geschäftserfolg haben es Online-Medien im Vergleich zu Print schwer: Es gibt zwar vereinzelte Versuche eine Paywall einzuführen, die meisten Online-Portale verdienen ihr Geld jedoch ausschließlich über Werbeanzeigen. Diese bringen in der Regel deutlich weniger ein als Anzeigen in Printprodukten. Vor dem Hintergrund des Zeitungssterbens ist es aber verwunderlich, warum viele Verlage nicht mehr in Online-Journalismus investieren. Nur FAZ und Süddeutsche zahlen nach Tarif. Andere zögern.

Peter Schumacher: "Wenn die Verlage begreifen, dass die Mediennutzung in Zukunft sehr viel stärker online passiert, dass alles was an Innovation geschieht, um junge Lesergruppen zu erreichen, um breitere Lesergruppen zu erreichen, online passiert, dann ist die logische Konsequenz, dass man auch in diesem Bereich die beschäftigten Journalisten anständig bezahlt."

Die Zukunft passiert Online. Wer nicht in Online-Journalismus  investiert, verliert.

Nachtrag der Redaktion:
Auch SPIEGEL ONLINE zahlt den festangestellten Redakteuren im Durchschnitt ein Gehalt über Tarif und zusätzlich dazu eine Gewinnbeteiligung, die aber nicht Gehaltsbestandteil ist. Der Betriebsrat und die Chefredaktion bestätigen aber beide, dass einzelne Mitarbeiter noch unter Tarif bezahlt werden.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 16.01.2013 | 23:20 Uhr

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