Sendedatum: 04.07.2013 08:08 Uhr  | Archiv

Politiker müssen im Wahlkampf im Netz punkten

Nein, Neuland ist das Internet für die Politikerinnen und Politiker im Bundestagswahlkampf 2013 natürlich längst nicht mehr, auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das beim Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin im Zusammenhang mit dem Internet-Spähprogramm Prism als Bemerkung herausrutschte. Twitter, Facebook und eine ordentliche Internetseite sind viel mehr selbstverständlich für Politikerinnen und Politiker. Bundestagsabgeordnete und -kandidaten müssen aber kreativ sein, damit ihre Postings und Tweets geliked und retweetet werden.

Von Sascha Sommer, NDR Info Hauptstadtstudio Berlin

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Der SPD-Politiker Lars Klingbeil ist keine Ausnahme: Etwa 80 Prozent der Bundestagsabgeordneten haben einen Facebook-Auftritt.

Wenn Lars Klingbeil sein Smartphone aus der Tasche holt, schaltet er meistens auf Wahlkampf. Bei Twitter folgen ihm über 7.500 Menschen, bei Facebook fast 2.000 Fans. Für die SPD sitzt der 35-Jährige aus der Lüneburger Heide im Bundestag. Wann er welchen Dienst nutzt, überlegt er sich ganz genau: "Twitter, muss ich sagen, ist eher so ein Experten-Ding, wo ich weiß, ich erreiche viele Journalisten und schaffe es auch dadurch, Botschaften zu transportieren. Und Facebook ist schon sehr stark auf den Wahlkreis ausgerichtet."

"Internet ist ein Feld der Emotionen"

Die Zeiten, in denen das Internet nur ein Alibi für moderne Parteien war, sind längst vorbei, sagt der langjährige Wahlkampfstratege Peter Radunski. Für den früheren CDU-Bundesgeschäftsführer und Berliner Senator, der fast alle Landtagswahlen in den 1970er- und 80er-Jahren begleitet hat, ist klar: "Das ist jetzt eine wirkliche Möglichkeit, eigene Leute zu mobilisieren, neue Wähler anzusprechen. Im Internet besonders die jungen Wähler. Der Mut der Politiker auch eine Sache zugespitzt und pfiffig zu formulieren, ist verlangt. Da gibt es gar keinen Zweifel. Wer ins Internet geht, kann nicht 08/15-Darbietungen geben. Das Internet ist, das muss sich jeder merken, der dahin geht, ein Feld der Emotionen." Lustig, ernst, streitbewusst - auch mal "draufhauen". Ohne diese Zutaten laufe es im Internet nicht, da ist sich Radunski sicher.

Dass es auf die richtige Formulierung ankommt, weiß auch der SPD-Abgeordnete Klingbeil. Er hat schon einige gute Erfahrungen mit seinen Posts gemacht: "Ich hatte zum Beispiel nach einem Konvent der SPD so einen alten Spruch aus Schröders Zeiten, wo ich twitterte, ich wähle Gertrud dem Mann seine Partei. Das landete dann nachher in der "Welt", und verschiedene andere Online-Medien griffen das auch auf. Da sah man: Die Botschaft funktioniert."

Wer findet die zündende Idee?

Auf die zündende Idee kommt es an - und die fehlt sowohl Merkel als auch Steinbrück, bemerkt Buchautor Frank Stauss, der für die Sozialdemokraten 20 Jahre lang Wahlkämpfe organisiert hat: "Letztendlich haben wir eine Situation, dass die Kampagnen nicht in der Lage sind, eine sehr simple Botschaft zu verbreiten. Eine Botschaft des Wandels, der kollektiven Erneuerung, wie wir sie bei Obama 2008 hatten. Aber auch ein Thema bei der SPD wie 2005, als es noch einigermaßen gezündet hat, die soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund zu rücken. Das ist nach wie vor die Hauptaufgabe."

Inhalte der Parteien müssen bei den Wählern ankommen

Inhalte und Themen mit Emotion - schön und gut. Aber der unentschlossene Wähler muss sie im Netz auch finden können. Für den Bamberger Politikwissenschaftler Andreas Jungherr kommt es vor allem darauf an, dass die Parteien es Nutzern technisch möglichst leicht machen: "Natürlich finde ich eine Partei-Webseite, wenn ich den Namen einer Partei oder eines Kandidaten eingebe. Aber die Frage ist: Finde eine Partei-Webseite, wenn ich politisch relevante Begriffe eingebe, wie jetzt Drohnen zum Beispiel oder Energiewende. Tauchen hier tatsächlich Inhalte von politischen Parteien auf? Und das sind Punkte, wo man auch bei vielen Seiten nicht nur auf Landes- sondern auch auf Bundesebene Negativpunkte feststellen kann, und wo man sagen kann: Hier ist noch Luft nach oben."

Die jüngeren Wählergeneration will mobilisiert werden

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Nicht nur in den Umfragen liegt Kanzlerin Merkel vorne: Die CDU-Chefin hat rund zwölfmal so viele Facebook-Freunde wie Herausforderer Peer Steinbrück.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei Facebook gut zwölfmal so viele Freunde wie ihr Herausforderer Peer Steinbrück (SPD). Ob das auch im Wahlkampf am Ende eine Rolle spielt? Fest steht für den Bundestagsabgeordneten Klingbeil, dass die Auftritte in sozialen Netzwerken die Wähler beeinflussen können - besonders wenn es eine knappe Entscheidung wird: "Wir haben in Niedersachsen gerade eine Wahl erlebt, da ging es am Ende um 350 Stimmen, die entschieden haben zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün. Und da kann Social Media helfen, erstens eine jüngere Generation an die Wahlurne zu bringen, und zweitens auch den eigenen Laden noch mal zu mobilisieren."

Bis heute twittert jeder zweite Bundestagsabgeordnete, etwa 80 Prozent haben einen eigenen Facebook-Account. Tendenz - gerade vor dem 22. September - weiter steigend.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 04.07.2013 | 08:08 Uhr

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