Sendedatum: 22.08.2013 08:08 Uhr  | Archiv

Private Rasterfahndung mit Facebook-Suche

von Benedikt Strunz und Peter Hornung, NDR Info
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Über die neue Facebook-Suche kann man Nutzer nach bestimmten Parametern filtern.

Stellen Sie sich vor, ein Bundeswehrsoldat trägt an seiner Uniform einen Button von Al Kaida oder eine Mitgliedsnadel der NPD. Eine absurde Vorstellung, denn selbst wenn ein Soldat insgeheim solche Sympathien hegen sollte, würde er es nie zeigen. Nicht so bei Facebook. Dort zeigen Nutzer Sympathien, ohne viel darüber nachzudenken. Mit einer neuen Facebook-Suchmaschine, der so genannten "Graph Search", können seit Kurzem auch Nutzer in Deutschland in Sekundenschnelle finden, was bisher in den Tiefen des sozialen Netzwerks verborgen schien.

Längst vergessene Informationen tauchen wieder auf

Jakob Klein fiel aus allen Wolken. Ob er derjenige sei, wird er am Telefon gefragt, der bei Facebook Sympathie für Al Kaida gezeigt habe? Klein, der seinen richtigen Namen nicht genannt haben will, war bis vor Kurzem noch Bundeswehrsoldat. Als solcher hatte er die Terrororganisation tatsächlich "geliked", also auf "Gefällt mir" geklickt. Eine Dummheit, wie er jetzt weiß: "Das war wahrscheinlich aus einer Laune raus. Vielleicht war ich da gerade mit Freunden zusammen und habe dann irgendwie drauf geklickt. Aber nicht gezielt, weil ich mich damit identifizieren würde."

Lascher Umgang mit Daten sehr verbreitet

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Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar sieht die neue Suchfunktion von Facebook kritisch.

Zeigen, was man gut findet, ist bei Facebook ganz einfach. Viele Nutzer klicken täglich das "Gefällt mir"-Logo, oft ohne viel zu überlegen. Bisher aber waren solche Informationen nur mühsam zu finden. Die neue Suche soll es Menschen mit gleichen Interessen einfacher machen, sich gegenseitig in dem sozialen Netzwerk zu finden. Doch diese Suchfunktion habe auch eine Kehrseite, sagt der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar, der Facebook-Experte unter Deutschlands Landesdatenschützern: "Es besteht nicht nur die Möglichkeit, nach dem Namen zu suchen, sondern nach ganz unterschiedlichen Parametern der Person. Und das eröffnet natürlich den Weg zu einer privaten Rasterfahndung. Es ist dann in der Tat möglich, auch nach besonders sensiblen Daten zu suchen: nach politischer oder religiöser Weltanschauung oder nach sexueller Orientierung."

In der deutschen Facebook-Variante ist die Suche noch nicht verfügbar

Was ist Graph Search?

Die Suchfunktion "Graph Search" - oft auch "Social Graph" genannt - soll es Nutzern einfacher machen, gemeinsame Interessen zu entdecken. Graph Search ermöglicht eine detaillierte Suche nach Menschen mit gleichen Eigenschaften oder Interessen und verknüpft diese mit bestimmten Orten. So kann man zum Beispiel Leute finden, die in der eigenen Stadt wohnen und dieselbe Sportart mögen oder sich Fotos von Singles aus einer bestimmten Stadt anzeigen lassen. Es lassen sich mehrere Suchparameter miteinander verbinden. Mit der Suchfunktion findet man auch Beiträge und Informationen, die in der Vergangenheit veröffentlich wurden und für den Nutzer selbst schon längst ausgeblendet sind.

Wenn man sein Profil auf US-amerikanisches Englisch umstellt, kann man die Suche seit wenigen Wochen auch in Deutschland nutzen. Fast 50 Merkmale lassen sich dabei kombinieren. Bei Recherchen von NDR Info fanden sich so zahlreiche brisante Profile: aktive Bundeswehrsoldaten, die offenbar Al Kaida gut finden, Soldaten und Polizisten, die Sympathien für die NPD zeigen, für einen rechtsextremen Liedermacher oder rechte Zeitschriften. Aber auch deutsche Muslime, die den Heiligen Krieg unterstützen.

Experten empfehlen sorgsam mit persönlichen Daten umzugehen

Viele Nutzer erinnern sich oft kaum mehr daran, wofür sie mal Sympathie gezeigt haben, meint Jo Barger von der Computerzeitschrift c’t: „Es kann dann natürlich auch sein, dass Sachen ans Tageslicht kommen, die ich irgendwo in meinem Profil tief vergraben habe und an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Dinge, die missverständlich sein können, können mit so einer Suchanfrage schnell wieder auftauchen.“ Datenschützer Caspar empfiehlt bei den Einstellungen die möglichst restriktivste Privatsphäre zu wählen. Außerdem sollte man seine gesamten Veröffentlichungen daraufhin überprüfen, ob man das heute noch so unterschreiben würde.

Die Recherche von NDR Info

Die Graph Search durchsucht die Angaben in den öffentlich sichtbaren Profilen von Facebook-Nutzern. Wegen unterschiedlicher Schreibweisen von Suchbegriffen kann das Ergebnis aber nicht umfassend sein. NDR Info fand bei seiner Stichprobe:

Aktive Bundeswehr-Soldaten, die die NPD liken: 15

Aktive Bundeswehr-Soldaten, die Al Kaida liken: 4

Aktive Bundeswehr-Soldaten, die rechtsextreme Bands liken: mehrere Dutzend

Ex-Soldat Jakob Klein tritt bald eine Lehrstelle an. Zunächst hatte der 20-Jährige Sorge, dass sein künftiger Arbeitgeber von seiner vermeintlichen Sympathie für Al Kaida erfahren könnte: „Man kriegt ja mit, dass größere Firmen auch mal die Facebook-Accounts ihrer Azubis anschauen. Da hätte mir das zum Verhängnis werden können.“

Al Kaida fand Jakob Klein nie wirklich gut, das "Gefällt mir" für die Terrororganisation hat er schnell entfernt und geprüft, ob noch mehr Anstößiges von ihm zu finden ist. Künftig wird er deutlich vorsichtiger sein und zweimal darüber nachdenken, was ihm bei Facebook "gefällt".

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 22.08.2013 | 08:08 Uhr

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