Stand: 12.01.2012 06:00 Uhr  | Archiv

Die Wulff-Affäre: Gerüchteküche Internet

von Christoph Heinzle, NDR Info
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Entspannt und aufgeräumt: Das Ehepaar Wulff bei einem Besuch in Rom im Sommer 2011.

400 Fragen, und nur wenige Antworten - das ist nicht alles, was die Republik in der Affäre um Bundespräsident Christian Wulff bewegt. Und die etablierten Medien sind nicht die einzige Plattform für Vorwürfe und Verdächtigungen. Im Internet verbreiten Blogger, Foren-Teilnehmer und skurrile bis dubiose Webseiten auch viele unbelegte Gerüchte. Müssen sich Bundespräsident Wulff und seine Frau Bettina das alles gefallen lassen?

Das Internet ist kein rechtfreier Raum

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Der Alltag des Medienanwalts Udo Vetter in seinem Webblog. extern

Wehrlos, tatenlos, machtlos - so sehen manche etablierte Journalisten derzeit die Position der Wulffs in der Gerüchteküche Internet. Da wird über den Bundespräsidenten hergezogen, da werden mehr als nur Andeutungen gemacht über die Vergangenheit der Präsidentengattin vor ihrer Ehe mit dem Politiker. Grundsätzlich könnte das Ehepaar dagegen juristisch vorgehen. "Das Internet ist entgegen der weitläufigen Meinung kein rechtsfreier Raum. Im Internet gelten die Gesetze wie im wirklichen Leben genauso", sagt Udo Vetter, bekannter Rechtsblogger und Medienanwalt. Der Bundespräsident sei auch im Internet besonders geschützt durch § 90 im Strafgesetzbuch, der die Verunglimpfung des Bundespräsidenten unter Strafe stellt.

Klagen helfen Gerüchte zu verbreiten

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Dieses Foto aus dem Juli 2010, das Bundespräsident Wulff und seine Frau vor dem Schloss Bellevue zeigt, sorgte für Wirbel im Netz.

Am Mittwoch dieser Woche sollte der Paragraf erstmals angewendet werden - gegen einen Mann aus Sachsen, der auf seiner Facebook-Seite den Schnappschuss einer winkenden Bettina Wulff kommentierte. Die Winkbewegung, die mit einiger Phantasie aussah wie ein Hitlergruß, rückte der 45-Jährige in die Nähe des Nationalsozialismus. Doch kurz vor der Verhandlung zog Wulff nach genauerer Analyse und einer Entschuldigung des Beklagten zurück. Was die Öffentlichkeitswirkung angeht, wohl ein kluger Schritt. "Ich als vermeintlich Beleidigter kann durch überhitzte juristische Reaktionen diese Debatte ja erst richtig ans Licht der Öffentlichkeit bringen", gibt Udo Vetter zu Bedenken. "Mancher Foreneintrag, der nach zwei Tagen Schnee von gestern ist, der wäre weg, wenn nicht andere Leute dagegen vorgehen würden."

Spekulationen über Bettina Wulff

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Christian und Bettina Wulff äußern sich zu den Gerüchten, die im Internet kursieren, nicht.

Doch im Eifer des Gefechts nährt gelegentlich Wulff selbst auch Spekulationen, etwa mit einer Bemerkung im ARD/ZDF-Interview in der vergangenen Woche. "Im Internet, wenn Sie da sehen, was da über meine Frau alles verbreitet wird an Phantasien", sagte der Präsident. Im Internet sind diese Phantasien über Bettina Wulff leicht zu finden. Etwa auf den Seiten von Uwe Elsen aus Neubrandenburg. "Wir sind Blogger. Wir sind alles Rentner, die sich so ein bisschen die Zeit vertreiben", beschreibt Elsen sein Webangebot. "Wir fühlen uns noch zu jung, um den ganzen Tag nur zu Hause rumzusitzen, sondern wir treffen uns und machen das zu mehreren."

Diese nach eigenen Angaben nicht-journalistischen Angebote greifen hungrig jedes Gerücht auf. Und Elsen veröffentlichte auch Nacktfotos mit dicken Fragezeichen, obwohl rasch klar war, dass sie nicht Bettina Wulff darstellen. "Wir haben ja mehr oder weniger nur die Gerüchte gemeldet, dass die im Umlauf sind", meint Elsen. "Die kommen ja nicht allein aus dem Internet, die kommen ja von der etablierten Presse. Dann muss man auch sowas melden, wenn man das interessant findet. Die Leser finden das ja interessant."

Privates hat im Netz nichts zu suchen

Doch nicht alles, was interessant ist, ist auch rechtmäßig. Das Privatleben von Bettina Wulff etwa habe im Internet nichts zu suchen, sagt Medienanwalt Vetter. "Das ist das ganz normale allgemeine Persönlichkeitsrecht, das jeder für sich in Anspruch nehmen kann, dass er durch Bloßstellung seiner Vergangenheit nicht unnötig in der Öffentlichkeit diffamiert wird." Doch bislang geht das Präsidentenpaar dagegen nicht vor - es ist wohl an noch mehr Aufmerksamkeit nicht interessiert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.01.2012 | 08:08 Uhr

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