Stand: 17.07.2013 08:41 Uhr  | Archiv

Cryptopartys: Keine Macht den Schnüfflern

von Peter Jagla
Bild vergrößern
Wichtige Informationen sollen auf Cryptopartys in einer lockeren Atmosphäre ausgetauscht werden.

Es ist heiß in dem kleinen Raum in Hildesheim. Die Tür steht weit offen und von draußen dröhnt Straßenlärm in das Büro der Piratenpartei. Dicht an dicht sitzen rund ein Dutzend Menschen vor ihren Laptops, Tablets und Handys. Viele sprechen durcheinander, stehen auf, setzen sich wieder hin. Einige gehen eine rauchen, trinken einen Softdrink. Fast wie auf einer normalen Party - wenn da nicht der Beamer, ein Vortrag und ein ernstes Thema wären, um das es eigentlich geht. Die Stühle haben erst gar nicht gereicht. Vielleicht hat man nicht mit so vielen Menschen gerechnet, die sich dafür interessieren, wie sie ihre Mails verschlüsseln, damit nur ein gewählter Empfänger den Inhalt liest - und nicht Firmen oder Staaten.

Crypto-Partygänger sind oft Piraten

Was auffällt: Die Interessierten sind keine homogene Gruppe. Junge Männer und Frauen sitzen am Tisch mit älteren, erwachsenen Menschen. Sie helfen sich gegenseitig. Sei es mit den Passwörtern oder einer Datenverbindung. Nur in einer Sache haben sie etwas gemeinsam: Sie sind Piraten oder stehen der Partei sehr nahe. Vielleicht hätten sie auch sonst nicht von der sogenannten Cryptoparty erfahren, die gerade in Hildesheim stattfindet. Sie ist eine von vielen Veranstaltungen, die von der recht jungen Partei gerade abgehalten werden. Eine extra Plattform gibt es bereits im Internet und wöchentlich Veranstaltungen im Bundesgebiet.

Weitere Partys in Planung

Das Ziel: Aufklärung und Tipps für Hilfe zur Selbsthilfe. Denn - so der Tenor - Verschlüsseln von E-Mails und surfen, ohne im Netz beobachtet zu werden, sei ganz einfach. Ob das stimmt, lernen in Hildesheim an diesem Nachmittag nur die Piraten. Aber schon lange sind auch andere - unparteiliche - Gruppen mit dabei, wenn es heißt, Cryptopartys zu organisieren. In Braunschweig plant "Stratum0", eine Vereinigung Netzaffiner, gerade eine Party, die wohl in den kommenden Wochen stattfinden wird. Auch in Hannover und anderen Städten in Niedersachsen gab es schon Cryptopartys. Weitere Veranstaltungen dieser Art sind unter anderem vom Chaos Computer Club (CCC) geplant.

"Bürger vor Datenklau schützen"

Stichwort: Cryptoparty

Cryptopartys sollen vor allem denen, die sich nicht so gut mit Computern auskennen, zeigen, wie sie E-Mails verschlüsseln und anonym im Netz surfen können. Und zwar mit unkomplizierten Mitteln. Die Veranstaltungen, die meist Workshop-Charakter haben, heißen wohl auch deswegen Party, um die gewollt lockere Atmosphäre zu unterstreichen. Cryptopartys (oder auch Krypto-Partys) sind mittlerweile eine weltweite Bewegung. Wann und wo die nächste Veranstaltung stattfindet, erfahren Sie unter www.cryptoparty.org und www.kryptoparty.de.

"Die Idee ist es ja, normale Menschen dahin zu bringen, diese Technologien einzusetzen", sagt Falk Garbsch vom CCC in Hannover. Zwar käme es einem erst einmal lästig vor, in Wirklichkeit mache es aber sogar Spaß, sich mit anderen Menschen zu dem Thema auszutauschen und Nachrichten zu verschlüsseln: "Am Ende ist es eine Software, wo man nur auf einen Knopf klickt und dann ist die E-Mail sicher unterwegs." Dass die Piratenpartei gerade jetzt so kurz vor den anstehenden Wahlen mit dem Thema punkten wolle, sei die eine Sache. "Ich würde mich freuen", so Garbsch, "wenn die großen Parteien sich auch darum kümmern würden und die eigenen Bürger vor Datenklau schützen. Das ist einfach die Aufgabe der Politik." Zurzeit werde hingegen eher in Richtung Vorratsdatenspeicherung zur Strafermittlung argumentiert und der Datenschutz für den einzelnen Bürger vernachlässigt.

Edward Snowden sichert Aufmerksamkeit

In Hildesheim auf der Cryptoparty der Piraten ist man generell ähnlicher Meinung: Die großen Parteien hätten versagt, die Piraten seien die einzigen, die nach Datenschutz rufen - und das seit Jahren. Und wenn die Rufe vor wenigen Monaten noch belächelt wurden, so fände die Idee mittlerweile mehr und mehr Interessierte. Und - das hofft man zumindest hier - dies werde sich auch am Wahlergebnis bei den Bundestagswahlen deutlich zeigen. Eines ist sicher: Die Aufmerksamkeit haben sie. Dank Edward Snowden und der NSA.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/cryptoparty103.html