Stand: 27.11.2012 14:21 Uhr  | Archiv

Assange vergleicht Facebook mit Stasi

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Julian Assange hielt in diesem Jahr die Keynote des ConventionCamp in Hannover.

Freiheit im Netz? Gibt es nicht. Wir werden ständig überwacht, unsere Privatsphäre ist bedroht, die Zukunft des Internets ist düster. Julian Assange, Mitbegründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, hat am Dienstag in Hannover via Video-Livestream seine Sicht auf die Welt mit den Teilnehmern der Internet-Konferenz ConventionCamp geteilt. Und die ist nicht gerade hoffnungsvoll. Vom großartigsten Werkzeug der Emanzipation habe das Internet sich zu einem dystopischen Werkzeug der Unterdrückung entwickelt.

"Komplette Überwachung der Telekommunikation"

Weil sich Staaten immer mehr mit dem Netz verflechten würden, sei Verschlüsselung die letzte Form des gewaltlosen Widerstands. Der Trend gehe zur kompletten Überwachung der Telekommunikation, dies sei billiger als einzelne Ziele herauszusuchen. Die Stasi wäre damals froh gewesen, ein Überwachungsinstrument wie Facebook zu haben - so lässt sich eine der provokanten Aussagen Assanges zusammenfassen. Über eine Milliarde Menschen sind seiner Meinung nach Helfer der staatlichen Geheimdienste. Denn alle Facebook-Nutzer würden Informationen frei zugänglich machen, die dann missbraucht werden könnten.

Gewagte These

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Richard Gutjahr vom Bayerischen Rundfunk interviewte Assange nach der Keynote.

Der Unterschied zum DDR-Geheimdienst Stasi sei unter anderem die Bezahlung dieser Informanten, so Assange. Seine These: "They're being paid by getting laid." Frei übersetzt etwa: Sie werden bezahlt, indem sie flachgelegt werden. Hintergrund ist laut Assange die angebliche Hoffnung von Facebook-Nutzern, dass aus ihren sozialen Kontakten sexuelle werden. Eine These, die für einige Verwirrung auf dem ConventionCamp sorgte. Assange hat seine Rede übrigens nicht eigens für die hannoversche Veranstaltung geschrieben, sondern las zum großen Teil aus seinem Buch vor, das in diesen Tagen veröffentlicht wird. Auf die Frage des Journalisten Richard Gutjahr, wann WikiLeaks wieder vollständig funktioniere, sagte Assange nichts, sondern verwies auf eine spätere Pressekonferenz. Zurzeit können potentielle Informanten Dokumente zum Beispiel nicht anonym einreichen.

Kommt die Botschaft an?

"Das war ja zum Start gleich mal eine richtige Bombe." Moderator Gutjahr war vom Auftritt Julian Assanges sichtlich beeindruckt. Ob seine Botschaften aber wirklich ankamen? Während Assange im weißem Hemd vor einer Fototapete die Gefahren sozialer Netzwerke predigte, tippten große Teile des Publikums auf ihren Laptops, Tablets und Smartphones - um die Botschaften aus London genau dort zu veröffentlichen, wo Assange den Feind sieht - im Internet.

Umstrittener Redner

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Die Teilnehmer des ConventionCamp "zwitscherten" fleißig während der Keynote.

Der Netzaktivist Assange hält sich zurzeit in der ecuadorianischen Botschaft in London auf. Er wird mit Haftbefehl gesucht und ist im Juni in die Botschaft von Ecuador geflüchtet, dessen Regierung ihm im August Asyl gewährte. Die Vorwürfe reichen von Geheimnisverrat bis zu Vergewaltigung: In Schweden soll er ungeschützten Sex mit zwei Frauen gehabt haben. Auch wenn bisher noch keine Anklage erhoben wurde, befürchtet Assange eine Auslieferung nach Schweden oder sogar möglicherweise in die USA. In den Vereinigten Staaten sind immer wieder Morddrohungen gegen Assange ausgesprochen worden. Assanges Unterstützer behaupten, die Vergewaltigungsvorwürfe seien gezielt gestreut worden, um ihn zu diskreditieren.

Automatisch twitternde Fahrräder

Nach Assanges düsterer Vision von der Gegenwart und Zukunft des Internets kam dann leichtere Kost auf die Agenda: zum Beispiel das Thema "Geeks On Bikes" des Kölners Hans Dorsch. Wichtiger Aspekt des ConventionCamp ist es, dass die Besucher den Tagungsablauf selbst mitbestimmen. Jeweils 45 Sekunden lang konnte theoretisch jeder sein Thema vorstellen, mit dem er eine der 18 "Free Sessions" füllen wollte. Das Publikum konnte dann per Handzeichen Interesse zeigen. Und so darf Dorsch nun am Nachmittag über die Verschmelzung von Fahrrad und Computer sprechen. "So ein demokratisches System sorgt für höhere Qualität der Vorträge", glaubt Hans Dorsch, "denn wer das Publikum überzeugen will, der muss sich richtig Gedanken machen."

Mischung aus Convention und Barcamp

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In den "Free Sessions" können Teilnehmer die Themen der Konferenz selbst bestimmen.

Auf dem Messegelände in Hannover treffen sich am Dienstag etwa 1.500 Teilnehmer. Beim ConventionCamp werden seit dem 22. November Themen wie "Future-TV" (Fernsehen der Zukunft), "Beta Culture" (moderne Unternehmens- und Kommunikationskonzepte), "SoLoMo Insights" (Sozial-Lokal-Mobil), "Smart Life" (Vernetzung von intelligenten Autos, Häusern) und "Meta Chance" (Technologien und Medien im globalen Kontext) diskutiert. Die Veranstaltung ist eine Mischung aus herkömmlichem Kongress mit festgelegten Programmpunkten und einem Barcamp, bei dem die Teilnehmer die Themen selbst bestimmen.

Zum fünften Mal in Hannover

Das ConventionCamp ist nach der re:publica die bundesweit größte Internetkonferenz, die Veranstalter selbst sprechen von einer (Un)Konferenz. Sie findet bereits zum fünften Mal in Hannover statt und will eine Plattform für Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft und der Netz-Szene bieten. "Wer das ConventionCamp verlässt, denkt (etwas) anders über das Internet", so das Ziel der Organisatoren.

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