Stand: 26.12.2012 16:56 Uhr  | Archiv

"Das war schon berauschend"

So sahen Computer im Jahr 1984 aus: Steffen Wernery (rechts) und Wau Holland vom Chaos Computer Club träumen von einem Datenaustausch für jedermann.

"Ich habe zehn Jahre meiner Jugend beim Chaos Computer Club verbracht", sagt der Hamburger Steffen Wernery im Gespräch mit NDR.de. Im Herbst 1983 sei er zu dem Kreis der Hacker hinzugestoßen. Heute ist Wernery Ehrenmitglied und Cyber-Veteran des Clubs. Aus dem tagespolitischen Geschäft hält sich der inzwischen 51-Jährige nach eigenen Angaben heraus. Aber von der bewegten Anfangszeit in Hamburg hat er viel zu erzählen.

Der Chaos Computer Club

Der Chaos Computer Club (CCC) wurde 1981 in Berlin gegründet. Sitz des Vereins ist Hamburg, wo in der Frühzeit führende Mitglieder wie Wau Holland, Klaus Schleisiek und Steffen Wernery lebten. 1984 fand der erste Chaos Communication Congress im Eidelstedter Bürgerhaus statt. In der Einladung von damals ist vom "Treffen der Datenreisenden" die Rede.Von 1999 bis 2011 wurde das Jahrestreffen in Berlin abgehalten. Der CCC hat nach eigenen Angaben mehr als 3000 Mitglieder in ganz Deutschland.

Was war die Mission des Chaos Computer Clubs?

Steffen Wernery: Wir haben uns von Anfang an als ein gesellschaftspolitischer Compter-Club verstanden. Wir haben für die Freiheit der Kommunikation gekämpft. Das heißt: Wir wollten nicht, dass nur der Staat Computer einsetzt, sondern dass auch die Bürger untereinander Daten austauschen können. Darum ging es uns.

Gab es ein Feindbild?

Wernery: Für uns war Anfang der 1980er-Jahre die Deutsche Bundespost eine Art Feindbild. Es ist nicht so, dass wir die Post ärgern wollten. Aber sie hat uns eben das Leben schwer gemacht. Sie hatte damals das Monopol auf elektronische Nachrichten. Für uns hieß das: Entweder man mietete für 120 DM im Monat ein Modem oder man besorgte sich ein Modem illegal in Amerika. Ich habe eins gemietet. Und dennoch hatte ich 1984 meine erste Hausdurchsuchung. Einfach weil ich an meinem Telefonanschluss herumgebastelt hatte. Das mochte die Post nicht. Dabei wollte ich einfach nur mehrere Telefone gleichzeitig anschließen können. Ein paar Jahre später fiel dann das Monopol der Post.

Was machte für Sie das Faszinierende an der Computerwelt aus?

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Der erste Chaos Communication Congress fand im Eidelstedter Bürgerhaus in Hamburg statt. Später zog das Treffen nach Berlin.

Wernery: Es war einfach ein berauschendes Gefühl, mit einem Computer auf der anderen Seite der Welt verbunden zu sein. Man darf nicht vergessen: Es waren ja ganz andere Zeiten. Internet gab es noch nicht, wer Daten verschicken wollte, nutzte ein Faxgerät. Wir mussten immer erst eine Telefonverbindung aufbauen, um Computer miteinander zu verbinden. Das lief meist über Ferngespräche. Entsprechend hoch waren die Telefonrechnungen. Bei mir lagen die damals zwischen 600 DM und 2.000 DM im Monat. Und die Datenmengen, die man schicken konnte, waren noch winzig: 30 Zeichen in der Sekunde. Man konnte auch nur Texte verschicken, keine Bilder.

 

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Einladung Chaos Communication Congress 1984

1984 ging es beim ersten CCC-Treffen in Hamburg unter anderem "Datex und ähnliche Netzwerke". Ein Scan der historischen Einladung hier als PDF. Download (9 MB)

Wann wurde Ihnen klar, dass E-Mails die Zukunft sein werden?

Wernery: Ein Wendepunkt war sicherlich die Tschernobyl-Katstrophe im Jahr 1986. Wir haben damals zum ersten Mal gemerkt, dass wir mit unserem Informationsaustausch viel schneller sind als die herkömmlichen Medien. Wer immer Informationen über das Reaktor-Unglück hatte, schickte sie an die anderen weiter. Das waren beispielsweise Journalisten oder Mitarbeiter an den Universitäten. Ich denke, dass auch Außenstehende damals erkannt haben, welche Macht die Kommunikation mit Computern hat.

Das Gespräch führte Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de.

 

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