Stand: 22.03.2017 16:09 Uhr

CeBIT 2017: Der Siegeszug der Cyber-Kriminalität

von Alexander Nortrup
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Seine Behörde entwickelt Lösungen, die Polizei dann vor Ort einsetzen kann: Holger Münch, Chef des Bundeskriminalamtes (BKA).

Der Begriff "Cyber-Crime" klingt vielleicht abstrakt und technisch. Tatsächlich aber richtet diese Form des Verbrechens große reale Schäden an. Allein im Jahr 2016 hat das Ausspähen und illegale Nutzen von Firmendaten die Wirtschaft weltweit einer aktuellen Samsung-Studie zufolge 416 Milliarden Euro gekostet. Und dem gleichen Bericht nach werden Sicherheitslücken bis 2019 mit weiteren 2,4 Billionen Euro zu Buche schlagen. Die Kosten steigen also dramatisch - aber kann die Sicherheit auch deutlich erhöht werden? Immerhin sind auch in Niedersachsen international renommierte Ermittlungseinheiten entstanden, die sich explizit Verbrechen im Netz widmen. Was Behörden und Polizei konkret tun, dazu hat sich der Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, auf den CeBIT "Global Conferences" geäußert.

Alles ist vernetzt - und damit angreifbar

Ein Thema war dabei auch das schier unendliche Wachstum der vernetzten Geräte im "Internet der Dinge". Es spielt bei fast jedem CeBIT-Trend eine Rolle: Ob bei der Produktion in der Industrie 4.0, wo Sensoren, Fertigungsanlagen und ganze Fabriken miteinander kommunizieren. Ob bei vernetzt und autonom fahrenden Autos, die den Szenarien der beteiligten Unternehmen zufolge schon in wenigen Jahren den Verkehr auf Deutschlands Straßen dominieren werden. Und natürlich auch bei den gigantischen Datenmengen, die in Cloud-Anwendungen lagern und deren Umfang täglich dramatisch zunimmt. 50 Millionen Geräte werden weltweit jeden Monat neu miteinander vernetzt, rechnete Vodafone am Montag auf der Messe vor. Die Folge: Sie werden auch angreifbarer, denn viele Unternehmen sind mit den Risiken des technischen Fortschritts schlicht überfordert.

Niedersachsens LKA warnt und berät Unternehmen

Die Zentrale Ansprechstelle Cybercrime des niedersächsischen Landeskriminalamtes hat Unternehmen vor einigen Tagen erneut dazu aufgefordert, sich vor Cyberangriffen zu schützen. "Sie werden definitiv angegriffen, ob gezielt oder in der Masse", warnte der Kriminalbeamte Christian Pursche. Angreifer würden etwa USB-Sticks mit Schadsoftware zu Schichtbeginn an Mitarbeiter verteilen, die diese dann mit in das Unternehmen bringen. Ein anderes Einfallstor seien Bewerbungsmails mit Schadsoftware im Anhang. Die Beratungsstelle berät Firmen, wie sie Angriffe auf ihr IT-System verhindern können.

Schadsoftware als größte Bedrohung

Europa gibt nach Angaben eines Experten für Cybersicherheit weniger aus als die USA oder andere Weltregionen. Auf einer internationalen Konferenz am Rande der CeBIT betonte der Brite Steve Purser, der Markt für Online-Sicherheit wachse weltweit um acht, in der Europäischen Union aber nur um sechs Prozent. Nach Erkenntnissen von Purser, der für die Europäische Netzwerk- und Informationssicherheit-Agentur (ENISA) arbeitet, stellt Schadsoftware zurzeit die größte Bedrohung dar.

Datenlecks, wohin man blickt

Der Branchenverband der IT-Unternehmen, Bitkom, bringt jährlich eine Studie mit teils erschreckenden Zahlen heraus. Demnach befürchten aktuell 60 Prozent der Internetnutzer, Opfer eines Identitätsdiebstahls zu werden, 88 Prozent wollen ihre persönlichen Daten besser schützen. Eine Angst, die durchaus begründet ist. Denn allein 2015 wurden 9,4 Prozent aller Online-Nutzer Opfer von Kauf-, beziehungsweise Buchungsbetrug, 12,5 Prozent hatten ein von Viren befallenes Endgerät zu beklagen. Das lässt auf eine große Zahl bereits kompromittierter persönlicher Daten schließen, die im Netz in Umlauf sind. Dem aktuellen "Gemalto Breach Level Index" zu Datenlecks in Unternehmen hat weltweit 707,5 Millionen entwendete Datensätze bei gemeldeten Lecks ermittelt. Davon waren lediglich vier Prozent verschlüsselt gespeichert.

Unternehmen blicken selbstkritisch auf mangelnde IT-Sicherheit

Zwei von drei Unternehmen in Deutschland halten IT-Sicherheit für den wichtigsten Faktor für die Technologiesparte in diesem Jahr. Das ergibt eine andere Bitkom-Studie, die jährliche Trendumfrage. "Mit den normalen Sicherheits-Tools wie Virenscannern oder Firewalls kommen die Unternehmen oft nicht mehr aus", sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Fast drei Viertel der deutschen IT-Verantwortlichen sagen demnach, dass ihre Sicherheitsarchitektur dringend erneuert werden muss. Fast zwei Drittel kritisieren an ihrem eigenen Unternehmen veraltete Sicherheitslösungen, mit denen weder Angreifer abgewehrt noch Compliance-Vorgaben eingehalten werden können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.03.2017 | 18:00 Uhr

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