Stand: 03.03.2016 11:37 Uhr

Woher stammt das Bild aus dem Steinbach-Tweet?

Ein blondes Kind, bestaunt von dunkelhäutigen Menschen - eine Schreckensvision für Erika Steinbach und viele andere, die es im Internet verbreiten. Doch woher stammt das Foto? Protokoll einer Internet-Recherche.

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Dieses Bild kursiert mindestens seit 2012 im Internet. Rechte Internetseiten machen damit Stimmung gegen "Überfremdung".

"Deutschland 2030": Dunkelhäutige Kinder bestaunen ein hellhäutiges mit blonden Locken und - so suggeriert es zumindest die Bildunterschrift - fragen: "Woher kommst du denn?" Die CDU-Politikerin Erika Steinbach verbreitete dieses Bild per Twitter - und polarisierte damit wieder einmal kräftig. Mehr als 10.000 Mal wurde ihre Twitter-Mitteilung weitergeleitet, mehr als 2.000 Mal mit "gefällt mir" markiert - und wurde andererseits von vielen anderen Nutzern und Politikern als rassistisch gebrandmarkt.

So sieht es zum Beispiel der Blogger Sascha Lobo: "Denn das Bild von Steinbach, das diese Inder 2030 in Deutschland in der Mehrheit sehen mag, transportiert auf diese Weise gleichzeitig die Aussage: Bei Nicht-Weißen ist es völlig egal, wo sie herkommen, Syrer, Nordafrikaner, Pakistanis, Inder, sind doch eh alle gleich."

Bei Erika Steinbach fehlt der Hinweis auf den Urheber des Fotos

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CDU-Politikerin Erika Steinbach verbreitete das Foto weiter - ohne Hinweis auf den Urheber.

Dabei zeigt das Bild eigentlich ein freundliches Aufeinanderzugehen. Woher stammt das Bild nun wirklich, was zeigt es - und was sagt der Urheber zur Verwendung seines Motivs für Steinbachs politische Agenda, frage ich mich.

Eines kann man als sicher annehmen: Steinbach hat ihn (oder sie) nicht gefragt. Das Bild trägt keinen Copyrighthinweis. Sie habe das Foto von einem "besorgten Vater" bekommen, der es "in der Mail mit angehängt" habe, erläuterte Steinbach der "Bild"-Zeitung. In rechten Blogs kursiere das Bild schon mindestens seit Sommer 2015, berichten andere Medien wie tagesschau.de.

Die gleiche Parole in Schweden, Italien - und Rumänien

Tatsächlich fördert meine Google-Suche nach dem Motiv zahllose Treffer aus den unterschiedlichsten Ländern zutage. Statt Deutschland ist es dann "Schweden 2030", "Niederlande 2030" oder "Italien 2030". Der tatsächliche Fotograf ist aber auf diese Weise nicht so einfach festzustellen.

Stimmungsmache gegen Migranten in der Image-Raider-Bildersuche: verschiedene Sprachen, die gleiche Parole.

Medienjournalist Stefan Niggemeier verweist auf ein Tumblr-Blog, in dem das Bild - ohne die politischen Schriftzüge - im Juni 2012 eingestellt wurde. Laut Bildunterschrift zeigt es einen "Kulturschock in einem indischen Dorf" - ebenfalls ohne Quellenangabe. Der niederländische Rechercheexperte Henk van Ess verkündet hingegen: "Steinbach hat ihren Tweet von einer rumänischen Internetseite gestohlen." Dort tauchte das Bild tatsächlich bereits am 8. Februar 2012 mit der Unterschrift "Rumänien 2030" auf.

Ohne diesen Zusatz kursierte es allerdings schon eher: Mit Google und anderen Bildsuchmaschinen lässt sich feststellen, dass es ab Ende Januar 2012 auf Websites auftaucht, die witzige oder spektakuläre Bilder weiterverbreiten - en masse und ohne Rücksicht auf Urheberrechte (sogenannte Picture Dumps). Auch dort finde ich weder einen Hinweis auf den eigentlichen Urheber noch eine Datei in besserer Qualität, die darauf hindeutet, dass es sich um das Original handelt.

Was im Vergleich auffällt: Das unter anderem von Steinbach verbreitete Bild ist teilweise manipuliert. Zwei Köpfe in der Menschengruppe wurden nachträglich eingefügt - statt hübscher Mädchen sind zwei Jungen eingesetzt.

Das Kinder-Bild stand Anfang 2012 auf Witze-Seiten

Die mutmaßlich älteste dieser Bildsammlungen entdecke ich bei Piximus.net: Upload am 27. Januar 2012. Auf einer weiteren Website könnte das Bild laut seines Dateinamens zwar bereits 2011 hochgeladen worden sein, der dazugehörige Artikel trägt jedoch das Datum vom 30. Januar 2012.

In einem anthropologischen Blog findet sich das Bild in einem Artikel von Februar 2011 - doch dort wurde es höchstwahrscheinlich erst zu einem späteren Zeitpunkt eingebaut, wie ein Abgleich mit einer Kopie der Seite im Internet-Archiv ergibt.

Gibt es im Bild Hinweise auf den Aufnahmeort?

Bei der Überprüfung des Eintrags auf Piximus.net stelle ich fest, dass sich ein weiterer niederländischer Recherche-Spezialist schon lange vor der Aufregung um den Steinbach-Tweet auf die Suche nach dem Fotografen begeben hatte. Eric Hennekam konnte allerdings ebenfalls keine ältere Quelle identifizieren. Er hat unter anderem in Indien tätige Fotojournalisten angeschrieben, auf Twitter um Hilfe gebeten und versucht, über Kleidung und Aussehen der abgebildeten Personen den möglichen Ursprungsort zu finden - ohne Erfolg. Auch meine Nachfrage beim ARD Studio Neu-Delhi bestätigt, dass das nicht so einfach ist.

"Sogar die Schuh-Firma habe ich angeschrieben", erzählt Hennekam. Das Kind im Mittelpunkt trägt Sandalen der Marke Crocs, die erst 2003 gegründet wurde.

Oder ist am Ende das gesamte Bild eine Montage? "Ich habe auch Spezialisten gefragt", sagt Hennekam. "Auszuschließen ist es nicht." Einen Hinweis darauf gibt es im Bild aber auch nicht - auf den ersten Blick sehen die Situation und die Aufnahme plausibel aus. Der Schnellcheck mit der Website FotoForensic zeigt keine auffälligen Hinweise auf Bildmanipulation.

Original-Foto könnte unzugänglich oder längst offline sein

Meine Vermutung: Das Foto stammt von einem westlichen Fotografen, der das Kind begleitet hat. Die Originalquelle (bei der sich dann die erste oder mehrere Bildersammlungen bedient haben) liegt an einer für Suchwerkzeuge schwer zugänglichen Ecke des Internets, etwa in einem geschlossenen Bereich bei Facebook - oder das Foto ist dort schon längst gelöscht. Es könnte sich auch um ein aus einer Zeitschrift oder einem Buch abfotografiertes Motiv handeln, das der Urheber nie ins Netz gestellt hat.

Erstaunlich ist es aber, dass trotz der Dynamik des Netzes, anders als in vergleichbaren Fällen von Internet-Memes, auch nach vier Jahren Fotograf und Geschichte hinter dem Bild unbekannt geblieben sind. Sind der Fotograf und alle abgebildeten Menschen Internet-Abstinenzler?

Hennekam hat die Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgegeben: "Aus Erfahrung weiß ich, dass das ein paar Jahre dauern kann", sagt er.

Hinweise zur möglichen Herkunft des Bildes können Sie gerne in den Kommentaren ergänzen.

Recherche erfolgreich
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