Stand: 18.08.2015 12:00 Uhr

Ulrich Greiner: "Eine Frage der Erziehung"

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Die Eltern sind mit dafür verantwortlich, ihren Kindern einen angemessenen Umgangston beizubringen, findet Ulrich Greiner.

Das Internet ist kein Ponyhof. In den sozialen Netzwerken und in den Nutzer-Kommentaren der großen Nachrichtenseiten wird gelästert, gewütet und gehetzt wie noch nie. Die Leiterin des Ressorts Innenpolitik beim NDR Fernsehen, Anja Reschke, hat in ihrem viel diskutierten "Tagesthemen"-Kommentar zu einem "Aufstand der Anständigen" aufgerufen. Ulrich Greiner, "Zeit"-Autor und Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg, ist skeptisch. Im Interview mit NDR 90,3 erläutert er, dass nur ein Mentalitätswechsel helfen könne.

Ist das Internet nur Transporter oder nicht auch Verstärker der Wut und des Hasses?

Ulrich Greiner: Solche Gefühle und Stimmungen hat es ja schon immer gegeben, und jede Zeit hat ihre Medien, die so etwas auszudrücken erlauben. Wenn Sie sich an die Epoche erinnern, in der es eigentlich nur Papier und Schreibmaschine gab, dann war da im Diskurs immer eine ungeheure Verzögerung gemessen an heute. Für einen Leserbrief musste erst einmal ein Bogen Papier herausgeholt werden, der Brief musste geschrieben oder getippt, kuvertiert, frankiert und zum Briefkasten gebracht werden. Das sind alles Verzögerungsschritte, die einem eigentlich noch erlauben nachzudenken, um dann zum Schluss zu kommen: "Es war eigentlich gar nicht so wichtig."  Und heute sitzen die Leute ohnehin dauernd vor dem Computer, hacken ihre Texte völlig geistesabwesend rein. Es ist im Grunde der Stammtisch. Da redet man Sachen, die man am nächsten Tag nicht nachlesen möchte. So sind sie aber in der Welt.

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Was kann man denn gegen diese Radikalisierung im Internet tun? Sollten die Medien ihre Kommentarfunktionen einschränken?

Greiner: Diese Kommentarfunktion ist sehr ambivalent. Als ich bei "Zeit Online" Kolumnen geschrieben habe, war es mir immer eine Qual, diese Kommentare zu lesen. Ich habe mir immer vorgenommen, sie nicht zu lesen, habe es dann aber doch immer getan. Ich kam mir vor wie ein Voyeur in eigener Sache. Mich hat am meisten gestört, dass die Leute nicht mit Klarnamen auftreten, sondern anonym. Bei mir weiß jeder den Namen und die Anschrift und von den Leuten weiß ich das nicht. Das war ein Ungleichgewicht, das mich sehr gestört hat. Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Einmal, sich nicht aufzuregen. Ich habe mich damals aufgeregt. Aber Kollegen im Online-Bereich sind schon abgebrüht. Und zum zweiten muss man immer wieder öffentlich darauf hinweisen, dass sich das einfach nicht gehört. Es ist eine Frage der Erziehung. So wie man mit Messer und Gabel isst, so muss man auch lernen, sich öffentlich im Diskurs zu verhalten.

Schon die Eltern müssten damit beginnen, den Kindern den Umgang mit neuen Medien beizubringen?

Greiner: Auch in der Schule muss das passieren. Es gibt ja die Fälle, in denen Schüler im Internet über ihre Mitschüler oder Lehrer mit zum Teil üblen Folgen hergefallen sind. Das ist auch bestraft worden und es wird auch in der Schule gesagt, dass das nicht geht. Das müssen auch die Eltern sagen. Erziehung ist eben mühsam.

Es wird jetzt – auch nach dem viel diskutierten Kommentar von Anja Reschke – der Ruf nach dem "Aufstand der Anständigen" laut. Meinen Sie, dass der helfen könnte?

Greiner: Mir gefällt das nicht. Mir gefällt erstens das Wort "Aufstand" nicht, weil das bedeutet, dass die Anständigen in der Minderheit sind und sich gegen eine Übermacht der Unanständigen behaupten müssten, was nicht der Fall ist. Und zweitens stört mich auch das "der Anständigen". Man muss in der ganzen Debatte genauer hinschauen. Nicht jeder, der die Flüchtlingspolitik kritisiert, ist unanständig. Ich finde, es ist keine illegitime Überlegung zu fragen: "Wen wollen hier haben?" Wir können nicht alle aufnehmen. Das ist absurd und das wird auch niemand behaupten. So muss man fragen: "Was können wir?" Und: "Was können wir nicht?" Und diese Überlegungen in einer ruhigen, zuträglichen Sprache anzustellen, finde ich  nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Und wer da seine Zweifel hat, den würde ich nicht unanständig nennen. Das führt in die Irre. Der "Aufstand der Anständigen" ist ein Vokabular, das dazu geeignet ist, die Fieberkurve noch mal ein Stück höher zu treiben.

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Man sollte also eher die Fähigkeit zum Diskurs einfordern?

Greiner: Es liegt ja auch daran, wie man mit den Leuten redet. Wir Medienleute haben schon einen großen Vorteil, denn wir haben Äußerungsmacht. Und ich erlebe es immer wieder, dass, wenn ich einen bösen Leserbrief bekomme, es das beste Mittel ist, solche erregten Leute einfach anzurufen.  Die fallen aus allen Wolken, wenn der Autor der inkriminierten Bemerkung plötzlich am Telefon ist.  Und dann entstehen ganz nette Gespräche. Es gilt diese alte Redewendung: "Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus." Wenn man einen bösartigen Brief bekommt, ist man geneigt, auch bösartig zu reagieren. Das hilft aber gar nichts. Aber wenn Sie nett reagieren, dann sind Sie im Vorteil und es kann sein, dass ein normales Gespräch zustande kommt.

Das Interview führte Jens Büchsenmann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 17.08.2015 | 19:00 Uhr