Stand: 24.01.2014 18:00 Uhr  | Archiv

"Snowden ist gigantisch zielstrebig"

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Hubert Seipel ist es als erstem Fernsehjournalisten weltweit gelungen, ein TV-Interview mit Edward Snowden zu bekommen.

Hubert Seipel hat Edward Snowden für ein ausführliches Interview vor die Kamera bekommen. Dem NDR Journalisten ist damit ein weltweiter Scoop gelungen. Wie er den amerikanischen Whistleblower erlebt hat und welche Informationen die Öffentlichkeit womöglich noch zu erwarten hat, erzählt Seipel im Interview mit NDR.de.

NDR.de: Wie haben Sie in den vergangenen Tagen geschlafen?

Hubert Seipel: Gut, wenn man das so nennen will. Aber auch kurz selbstverständlich, weil wir immer noch im Schnitt sind und eine enge Deadline haben. Aber wir wissen ja, wann es gesendet wird und so ist das Leben.

Wie ist der Kontakt für dieses exklusive Interview zustande gekommen?

Seipel: Erst mal relativ simpel durch Neugier. Ich bin ja nun nicht unbedingt jemand, der der digitalen Generation angehört. Aber mich hat die politische Dimension von dem interessiert, was Edward Snowden enthüllt hat. Er war der erste, der einfach dargestellt hat, welche Krake das Internet im Grunde genommen ist und welche Krake und welche Interessen sich dahinter verbergen. Nämlich schlicht und ergreifend das perfekteste Überwachungs- und Kontrollsystem für einen riesigen Geheimdienst. Wir wussten zwar alle irgendwie, dass er wohl existiert, aber nicht, dass er etwa 35.000 Mitarbeiter hat und - ich glaube - über insgesamt elf Milliarden Dollar als Etat verfügt und seine Überwachungstätigkeit in Zusammenarbeit mit privaten Firmen durchzieht.

Nach dem Hongkong-Interview mit Glenn Greenwald und Laura Poitras gab es bisher kein Fernsehinterview mit Snowden. Warum jetzt?

Seipel: Von meiner Seite aus, weil wir uns momentan in der Bundesrepublik in einer Phase befinden, in der viel zu klären ist. Im Parlament bildet sich zurzeit ein Untersuchungsausschuss. Zudem haben wir ja erfahren, dass Angela Merkel auf ihrem Privathandy abgehört wurde. Dass Millionen Leute automatisch überwacht werden, hatte viele ja zunächst nicht interessiert. Es kommt aber auch noch dieser BND-Ausschuss. Da haben wir das letzte auch noch nicht gehört. Etwa, ob wirklich ausschließlich Frau Merkel abgehört wurde. Ähnliches gilt für die Frage, ob zum Ansatz der NSA womöglich auch Industriespionage gehört. Und dann hatten wir ja noch eine heftige innenpolitische Diskussion, ob Snowden Asyl bekommen soll oder nicht. Applaudiert hat zwar jeder, aber Asyl hat ihm nur Russland gewährt.

Unter welchen Umständen haben Sie Snowden getroffen?

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Hubert Seipel und Edward Snowden haben sich zu einem längeren Interview in Moskau getroffen.

Seipel: Mit drei Kameras, Mikrofonen und uns.

Dürfen Sie über anderes nicht sprechen?

Seipel: Das klingt immer so ein bisschen abenteuerlich und krimimäßig. Aber eigentlich ist es relativ simpel. Man hat vorher kommuniziert. Entweder über eine verschlüsselte E-Mail oder man hat einfach mal ein anderes Handy genommen und abgesprochen, dass man sich in Russland trifft. Dann hat man auch noch mal zwei, drei Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Schließlich gab es das Interview.

Welchen Eindruck hat Edward Snowden auf Sie gemacht?

Seipel: Auf den ersten Blick fällt auf, was für ein schmales Hemd Edward Snowden ist, um es salopp zu formulieren. Er ist ziemlich energetisch und bestimmt. Ich habe ihn so erlebt, dass er in einem Spannungsfeld zwischen hoch angespannt und leichter Schlaffheit lebt. Er ist sehr präzise in dem, was er erzählt, aber natürlich auch auf der anderen Seite wieder durchaus vorsichtig. Manchmal erschrickt er darüber, was er erzählt, denn er darf sich ja nur auf einem schmalen Grat äußern. Die Geschäftsgrundlage seines Asyls ist ja, dass er von da aus nicht agitieren darf.

Sozusagen die einzige Lebensversicherung die er hat, ist, dass die Journalisten der "New York Times", der "Washington Post" und des "Guardian", denen er das Material anvertraut hat, in regelmäßigen Abständen, die eine oder andere kleine thematische Bombe zünden. Die NSA rätselt immer noch, um wie viel Material es sich eigentlich handelt. Am Anfang war von 200.000 Dokumenten, dann von 600.000 die Rede, jetzt sind sie bei 1,7 Millionen Dokumenten.

Welche Perspektiven hat der 30-Jährige?

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Seipel: Seine Aussichten sind ein bisschen düster. US-Präsident Obama hat gesagt, wenn Snowden zu dem steht, was er sagt, könne er schlicht und ergreifend nach Hause kommen und sich einem Gericht stellen. Das Problem ist nur, dass das, was ihm vorgeworfen wird, nie in einem öffentlichen Gericht verhandelt werden wird. Die Amerikaner werden niemals zulassen, dass bestimmte Dokumente aufgeblättert werden. Insofern ist das ein bisschen heuchlerisch. Die nächste Alternative ist, dass Snowden in Russland bleibt. Es sieht so, dass er das wohl möglicherweise kann. Er schätzt die Russen. Sie waren die einzigen, die ihm geholfen haben. Aber das heißt noch lange nicht, dass man unbedingt im Exil bleiben will. Aber möglicherweise hat er keine andere Chance.

Lernt er tatsächlich Russisch?

Seipel: Das tut er. Er ist übrigens ein cleveres Kerlchen. Er ist wohl auch ziemlich sprachbegabt. Bei seinen Jobs hat er etwa Japanisch gelernt und spricht auch ein bisschen Mandarin.

Und hat Snowden nun einen Job bei einem russischen Internetunternehmen?

Seipel: Das weiß ich nicht. Das sind so Punkte, wo ich auch gar nicht dränge, weil ich glaube, dass da wahnsinnig viel gelogen wird. Und weil es so ein Hype ist um Snowden, schreibt jeder von jedem irgendwas ab und fantasiert auch, so mein Eindruck, relativ viel dazu.

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"Edward Snowden hat ein sehr starkes patriotisches Gerechtigkeitsempfinden", sagt NDR Autor Hubert Seipel über den Whistleblower.

Hat er über seine Lebensumstände gesprochen - wie und wovon er lebt, wie sein Alltag aussieht?

Seipel: Hat er schon. Aber er hat nicht gesagt, dass ich darüber sprechen soll.

Wagen Sie eine Einschätzung darüber, was für ein Mensch Edward Snowden ist?

Seipel: Das kann ich nur ansatzweise beschreiben. Er ist meines Erachtens nach gigantisch zielstrebig, in Bezug auf das, was er analytisch erkannt hat und dann mit einem unglaublichen Stursinn durchzieht. Es ist sicher auch ein bisschen selbstzerstörerisch. Denn die Chancen, persönlich "davonzukommen", und wenn ja, unter welchen Umständen, sind nicht unbedingt erfreulich. Zudem hat er ein sehr starkes patriotisches Gerechtigkeitsempfinden. Dabei muss man bedenken, dass Snowden ja nicht aus einer linksliberalen Ecke kommt, sondern eher aus einer konservativeren. Dass Obama gesagt hat, er sei kein Patriot, ist für ihn, glaube ich, schon schwierig.

Er hat nicht die "Wikileaks-Methode" gewählt und das gesamte Material eins zu eins freigegeben. Zeigt sich daran, dass er ein besonderes Verantwortungsbewusstsein hat?

Seipel: Was ihn auszeichnet ist, dass er sehr sorgfältig die Papiere, die Verstöße, ausgesucht hat. Es geht darin eben nicht unbedingt um einzelne Personen, sondern um die Strukturen dieses Geheimdienstes. So hat Snowden, nach meiner Einschätzung, niemanden persönlich gefährdet oder bloßgestellt. Er hat gezeigt, was da in diesem Apparat, auch in Zusammenhang mit anderen Diensten, passiert. Der Vorwurf, dass er nun das Leben Tausender Soldaten damit oder von Geheimdienstmitarbeitern gefährdet hat, ist aus meiner Sicht schwachsinnig. Belege dafür konnten bis heute nicht vorgelegt werden.

Erfahren wir aus dem Interview mit Edward Snowden denn, was noch in den Dokumenten steckt?

Seipel: Wenn man seine Sprache versteht, ist es ziemlich klar, dass wir noch eine Reihe von kleineren Überraschungen erleben werden.

Das Interview führte Ulla Brauer, NDR.de.

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