Stand: 13.08.2014 17:47 Uhr  | Archiv

Senioren erobern den Online-Handel

von Lena-Maria Reers, NDR Info Wirtschaftsredaktion
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Der 82-jährige Justus Marxen engagiert sich ehrenamtlich im Deutschen Senioren Computer Club in Hamburg.

Justus Marxen ist 82 Jahre alt. Seit ein paar Jahren engagiert er sich ehrenamtlich im Deutschen Senioren Computer Club in Hamburg. Auf Ebay verkauft er, was er selbst nicht mehr braucht: "Ich habe mein Hobby gewechselt. Von der Fischzucht zum Computer", erzählt er. Da seien viele Aquariensachen und Fische übriggeblieben. "Das habe ich dann im Internet verkauft und bin auch alles gut losgeworden", sagt Marxen.

Zahl älterer Internetnutzer steigt weiter

Mehr als jeder zweite Internetnutzer über 65 Jahre hat laut Branchenverband Bitkom schon einmal online etwas verkauft. Im Internet einkaufen sogar fast 90 Prozent von ihnen, elf Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Eine Tendenz, die Potenzial verspricht, denn Experten sind sich sicher, dass die Zahl älterer Internetnutzer in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Und wer einmal online ist, das zeigen die Zahlen, der kauft dort in der Regel auch Bücher, Kleidung und Bahnfahrkarten. Zudem sind höhere Absatzzahlen für Medikamente und medizinische Dienstleistungen zu erwarten, sagt Michel Clement, Professor für Marketing und Medien an der Uni Hamburg: "Ja, ich glaube, dass Dienstleistungen rund um den Bereich Gesundheit eine ganze Menge Potenzial haben werden."

Großes Wachstumspotenzial bei mobiler Vernetzung

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Der Marketingexperte Michel Clement sieht Wachstumspotenzial für den Vertrieb von Medikamenten im Internet.

Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung zeigen: Schon im vergangenen Jahr hat der durchschnittliche Deutsche im Einzelhandel etwa doppelt so viel Geld für Produkte aus dem Bereich Gesundheit und Pflege ausgegeben wie etwa für Bücher oder Unterhaltungselektronik. Mit dem demografischen Wandel und dem generell wachsenden Gesundheitsbewusstsein wird sich dieser Trend fortsetzen. In den USA hat Marktführer Amazon darauf bereits reagiert. Mit einem Portal speziell für die Zielgruppe 50plus. Dort bietet der Onlinehändler Nahrungsergänzungsmittel, Gesundheitsartikel und Wellness-Produkte an. Noch größeres Wachstumspotenzial werde aber von Projekten zur mobilen Vernetzung erwartet, sagt Clement. "Google, aber auch Apple investieren erhebliche Beträge in den Aufbau von Netzinfrastrukturen, die insbesondere Dienstleistungen im Haus vernetzen."

Blutdrucküberwachung mit der Armbanduhr

Demnach werden die Mitglieder einer Familie oder einer Interessensgruppe schon bald ständig und automatisch miteinander vernetzt sein, über mobile Endgeräte wie Smartphones oder entsprechende Uhren. "Die Großmutter trägt eine Uhr, und diese Uhr misst den Herzschlag, möglicherweise auch den Blutdruck. So lange dieses Gerät über das Internet verbunden ist, können diese Informationen weitergeleitet werden", sagt Clement.

Wenn zum Beispiel der Blutdruck einen speziellen Schwellenwert überschreite, werde eine automatisierte SMS an ein Familienmitglied oder an einen Arzt geschickt. Das könne dann die Großmutter natürlich selber steuern, erklärt der Marketing-Experte.

Noch nicht jede Idee ist marktreif

Apple hat schon eine entsprechende Anwendung herausgebracht - die Health-App. Im Oktober soll dann offenbar die Iwatch folgen. Also eine Uhr, die diese Vision komplettieren könnte. Nicht mehr ganz rüstige Großeltern, aber auch deren Kinder und Enkel werden bereit sein, für einen solchen Service zu bezahlen, glaubt Clement.

Doch nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte müssen dazu bereit sein, sagt Barbara Nakielski: "Ein alter, behinderter, kranker Mensch kann komplett überwacht werden." Das sei nicht nur gut. "Der Arzt wird sich bedanken, weil er dafür kein Geld bekommt", so die 74 Jahre alte ehemalige Hausärztin aus Hamburg weiter.

Entwickler solcher Dienstleistungsangebote haben also noch gut zu tun bis zur Marktreife. In Deutschland müssten sie beispielsweise mit den Krankenkassen zusammenarbeiten, um die Frage zu klären, wer das alles letztendlich bezahlen soll.

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NDR Info | 14.08.2014 | 06:00 Uhr