Stand: 23.07.2012 15:00 Uhr

"Ohne Twitter? Wem zeig ich dann mein Essen?"

von Birgit Reichardt, NDR.de

Zum allerersten Mal zwitscherte es im weltweiten Netz am 21. März 2006. Twitter-Mitgründer Jack Dorsey schrieb: "Just setting up my Twitter", zu deutsch: "Richte gerade mein Twitter ein". Heute nutzen den Dienst in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen. Viele können sich für das Gezwitscher aber gar nicht erwärmen und kritisieren den Austausch von Banalitäten. NDR.de hat drei User gefragt, was sie an Twitter reizt. Eines haben sie nämlich gemeinsam: mehrere Tausend sogenannte Follower. Aber Promi Oliver Pocher, Technologie-Blogger Carsten Knobloch und Lisa twittern aus völlig unterschiedlichen Motiven. Studentin Lisa macht genau das, was Kritiker nervt. Sie twittert nur Privates - aus ihrer Stammkneipe, über ihren Freund und sie veröffentlicht Fotos ihres Essens.

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"Ich möchte das nicht mehr missen"

Manche denken, "ich bin ein kleines versoffenes Mädchen", sagt Lisa im Interview mit NDR.de. Mehr als 4.000 Menschen lesen ihre Tweets - viele lieben ihre Unverblümtheit. Video (02:17 min)

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"Ich bin dicht wie eine Haubitze"

Von überall schreibt Lisa, was sie gerade tut. Auch wenn sie "dicht ist wie eine Haubitze" oder Körperteile "aus dem Kleid hängen". Ihre Eltern lesen mit. Bildergalerie

Promi Pocher twittert aus beruflichen Gründen

Seit gut drei Wochen ist auch Comedian Oliver Pocher dabei. "Twittern ist mittlerweile so normal wie fließendes Wasser", sagt der 34-Jährige. Dafür sprechen auch die Zahlen: Weltweit hatte Twitter im März dieses Jahres 140 Millionen aktive Nutzer, geschätzte 600 Millionen sind Mitglied, ein Großteil liest einfach mit. Pocher twittert seit gut drei Wochen - eher nachrichtlich und zurückhaltend. Ganz anders als Studentin Lisa werde er niemals etwas Privates veröffentlichen, sagt er im Gespräch mit NDR.de. Er twittere vielmehr aus journalistischen Gründen - zum Beispiel von Sportereignissen, die er als Moderator eines Sportsenders besucht.

Twitter-"Alarm" bei der Fußball-EM

Carsten Knobloch aus Langen im Landkreis Cuxhaven twittert manchmal etwas Privates, dann vor allem über Fußball. Bei Großereignissen wie der Europameisterschaft ist der 35-Jährige nur einer von vielen - denn dann gibt es einen regelrechten Twitter-"Alarm". Mit dem Zeichen # - einem Hashtag - gekennzeichnete Worte können direkt angeklickt werden und alle Tweets zu diesem Thema werden sichtbar - wie #EM2012. Ein weltweit gemeinsames Fußballschauen ist möglich - eine Art Wir-Gefühl entsteht. Aber auch wenn mal ein privater Tweet von @caschy erscheint, seine eigentlichen Themen sind Technologie und Software.

Blogger @caschy twittert Technologie-Artikel

Der selbständige Blogger schreibt seit sieben Jahren. Über Twitter veröffentlicht er Links zu seinen Artikeln - und die Chancen stehen gut, dass einige seiner mehr als 9.000 Follower seinen Link weiterverbreiten - schnell erreicht er so zahlreiche potenzielle Leser. Twitter ist für ihn eines der wichtigsten Kommunikationsmedien. "Man könnte mir die Telefonfunktion wegnehmen, Hauptsache, ich habe Twitter, Facebook und ähnliches", sagt er.

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"Es ist Luxus, mal nicht erreichbar zu sein"

Mehr als 9.000 Menschen folgen Carsten Knobloch aus dem Landkreis Cuxhaven bei Twitter. Auch Journalisten und Unternehmen interessiert, was der 35-Jährige zu sagen hat. Video (03:11 min)

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"Ich wollte einfach mein Hirn auslagern"

Mithilfe von Twitter verbreitet der Technologie-Blogger Carsten Knobloch aus dem Landkreis Cuxhaven seine Artikel. Er begann zu schreiben, weil er sein "Hirn auslagern wollte". Bildergalerie

"Twittagessen" mit virtuellen Freunden im realen Leben

Eines könne er "übrigens nicht mehr hören", so Knobloch. Dass Menschen, die in sozialen Netzwerken unterwegs sind, keine Freunde hätten. Er habe über Twitter viele Menschen kennengelernt, die jetzt zu seinem echten Leben gehörten. In zahlreichen Städten verabreden sich Twitter-User auch zu sogenannten "Twittagessen", in der Mittagspause oder am Abend, um herauszufinden, wer sich hinter den Twitter-Accounts befindet.

"Twitter liefert ein anderes Bild, als die Weltpresse"

Twitter sei aber nicht nur für ihn persönlich bedeutsam, so Knobloch. In der weltweiten Medienlandschaft sei der Dienst eine Bereicherung. Denn jeder könne mit seinem Smartphone von überall Nachrichten und Fotos veröffentlichen. Bei politisch brisanten Ereignissen, wie die des "Arabischen Frühlings", lieferten diese Berichte ein vielleicht völlig anderes Bild, als die Weltpresse, meint der Blogger.

Vom Nischendienst zum breiten Kommunikationskanal

Lisa Hantke, Carsten Knobloch und Oliver Pocher sind nur drei von Millionen Twitter-Usern in Deutschland und haben höchst unterschiedliche Gründe zu twittern. Und fragt man wiederum andere, werden sich ihre Motive möglicherweise ebenso unterscheiden. Aber egal ob man Twitter überhaupt nutzt oder nicht. Ob man sich als Twitter-User über Alltäglichkeiten austauscht, politische Inhalte verbreitet oder sich selbst vermarktet. Was die wachsenden Nutzerzahlen in jedem Fall deutlich machen, ist, dass sich Twitter in den vergangenen sechs Jahren vom Nischendienst zu einem breiten Kommunikationskanal entwickelt hat.

Der Kaiser zwitschert - Sie auch?