Stand: 01.09.2012 11:10 Uhr  | Archiv

Nachbar, wer bist du?

von Carolin Fromm, NDR.de
Bild vergrößern
Mareke (rechts) war bisher auf jedem Eimsbush-Treffen. Miriam ist das erste Mal dabei.

Mareke beugt sich zwischen Gläsern mit Bier und Rhabarberschorle über den Tisch. Die 29-Jährige mit den rot gefärbten, schulterlangen Haaren redet gerne - und schnell. "Deinen Hund habe ich nicht in Erinnerung." "Echt? Sonst kennen alle Luna", antwortet Christine. Die 46-Jährige sitzt Mareke gegenüber und sucht nach ihrem Mops, der unter dem Tisch hockt. Die beiden Frauen meinen sich zu kennen, wissen aber nicht woher.

Weinprobe, Ausstellung, Putzzeug verleihen

Sie könnten sich schon einmal bei einer Aktion von "niriu" getroffen haben. Niriu ist ein regionales soziales Netzwerk. Über eine Internetseite verabreden sich die Mitglieder zu gemeinsamen Weinproben oder gehen in eine Fotoausstellung der Deichtorhallen. An diesem Sommerabend sitzen Mareke und Christine im Chilling, einer Eckkneipe im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Hier findet das monatliche Eimsbush-Treffen von niriu statt.

Weitere Informationen

Sehnsucht nach Gemeinschaft

Im Internet entstehen immer mehr lokale und Nischen-Netzwerke. Im Gespräch mit NDR.de erklärt der Hamburger Netzwerkökonom Florian Häupl vom Trendbüro warum. mehr

"Dein Viertel. Dein Vorteil." heißt das Motto des Hamburger Nachbarschafts-Netzwerks. "Die Treffen sind eine Art Einführung für Leute. Sie haben interessante Gespräche, sehen, was man im Stadtteil machen kann und organisieren anschließend vielleicht selber Aktionen", erklärt Babak Ghanadian, einer der beiden Gründer von niriu. Einmal angemeldet, können die Mitglieder sich treffen, Dinge suchen, tauschen, leihen oder sich helfen: "landkrabbe" will ihr Pferdeputzzeug loswerden, "vanalinn" sucht Begleitung fürs italienische Filmfest und "katrin" hat das Eimsbush-Treffen organisiert.

Menschen treffen, die man sonst nie kennen lernt

Bild vergrößern
Katrin hat durch niriu viele neue Freunde gefunden. Zwei Mal am Tag geht sie auf die Seite.

Katrin hatte vor ein paar Monaten keine Lust mehr in Eimsbüttel zu wohnen. Sie hatte keine Freunde im Viertel, sah nur Fremde im Supermarkt. Jetzt sitzt die ruhig wirkende Frau bei Kerzenlicht an einem Kneipentisch mit 23 Menschen, von denen sie die Hälfte dank niriu kennt. Thomas, der IT-Berater, klettert ihr gegenüber zwischen Bierbank und Tisch. "Na, sitzen hier die bekannten Gesichter zusammen?" Er war bei einem Abendessen, das sie vor Wochen organisiert hatte. "Es ist spannend, Menschen zu treffen, denen man sonst nie begegnen würde", sagt Katrin.

Sozialkapital erhöhen

Das mache den Reiz der Netzwerke aus, meint Jan-Hinrik Schmidt. Er erforscht am Hans-Bredow-Institut Hamburg soziale Netzwerke und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Über Plattformen wie niriu könne man sein "eigenes Sozialkapital" erhöhen, sagt der Mediensoziologe. "Die Beziehungen, die man so knüpft, haben einen besonderen Wert. Denn man kommt an Informationen, die man im engen Freundeskreis nicht findet." Ist mein Computer kaputt, habe ich also bei der letzten niriu-Fahrradtour vielleicht einen IT-Spezialisten kennen gelernt, den ich jetzt um Hilfe bitten kann.

"Man kann mit jedem einen Abend lang reden"

Bild vergrößern
Auf niriu werden Aktionen aus der Umgebung auf einer Karte angezeigt.

Katrin hat schon ihre aufblasbare Matratze verliehen, eine Gitarre gegen eine Pfanne getauscht und organisiert seit Januar das Eimsbush-Treffen. "Je spezieller das ist, was man anbietet oder sucht, desto unwahrscheinlicher, dass es über niriu klappt. Einen Klecks Sekundenkleber zum Beispiel hatte niemand für mich übrig", sagt sie. Angst, über niriu Menschen zu treffen, mit denen sie gar nicht klarkommt, hat sie nicht. "Man kann sich mit jedem einen Abend lang unterhalten."

Offen sein und neue Angebote ausprobieren wollen - das sind die Voraussetzungen, damit eine Plattform wie niriu funktionieren kann, sagt Schmidt. Sie vernetzt Menschen direkt aufgrund ihrer Interessen. Junge Leute ziehen oft um, wechseln die Jobs, aber haben nicht die Zeit, jeden Abend in der Bar nach neuen Freunden zu suchen. "Und dort findet man auch nicht unbedingt die Leute, die die eigenen Interessen teilen", sagt Schmidt.

Die kritische Masse ist noch nicht erreicht

Bild vergrößern
Unangenehme Pausen entstehen nur am Anfang. Danach reden alle über Yoga, Mieten und die nächsten Aktionen.

Aus demselben Grund entwickelten auch Gründer Ghanadian und sein Partner Cédric Trigoso niriu. Die beiden Franzosen kamen vor vier Jahren nach Hamburg, mussten sich einen neuen Freundeskreis aufbauen. "Besonders in großen Städten, wo die Brücke zwischen Menschen nicht immer leicht zu bauen ist, kann man von der Nachbarschaft profitieren", sagt Ghanadian. Die Leute, die sich über seine Plattform kennenlernen, würden sich nah fühlen und das schätzen.

Bald auch Geschäfte auf niriu

Bild vergrößern
Ende 2011 gründeten der Programmierer Cédric Trigoso und Projektmanager Babak Ghanadian das Netzwerk niriu.

Die jungen Gründer wollen nach Berlin expandieren und im Oktober eine neue Version online schalten, in der lokale Geschäfte sich präsentieren können. Es muss schließlich Geld reinkommen, da sind sie realistisch. Rund 1.300 Mitglieder haben sich seit Ende 2011 angemeldet. 5.000 bräuchten sie, um die kritische Masse zu erreichen - den Punkt ab dem die Gemeinde von allein wächst. "Im Moment haben wir eine Kerngruppe, die sich mittlerweile gut kennt. Die brauchen wir auch, damit genug Veranstaltungen organisiert werden."

Katrin ist Teil dieser Kerngruppe. Sie und Mareke haben auf jedem der acht Eimsbush-Treffen gemeinsam angestoßen. Mareke und Christine wissen auch, als der Hamburger Sommerhimmel längst schwarz ist, noch nicht, wo sie sich schon einmal gesehen haben. Egal, dank niriu kennen sie sich ja jetzt.

 

Abseits von Facebook, Couchsurfing und Airbnb

  • gidsy.com

    Gemeinsam Kirschen im Alten Land sammeln oder Hamburgs beste Graffiti entdecken? Auf Gidsy bieten Einheimische Kurse oder Touren durch ihre Stadt an. Die Plattform ist auf Englisch und international, stammt aber aus Berlin. Die privaten Touren kosten mal 4 Euro und mal 100 - dafür fühlt man sich nicht wie ein Tourist.

  • stuffle.it

    Stuffle.it ist ein Flohmarkt im App-Format. Hier kann jeder, nachdem er über Facebook eingeloggt ist, Gegenstände anbieten, die er nicht mehr braucht. Titel, Beschreibung, Preis, Foto - und schon taucht das Angebot bei Nutzern aus der Umgebung in ihrer App auf. Die können dann kaufen oder den Preis verhandeln.

  • kleiderkreisel.de

    "Grüner Strickpulli, Rostock". Auf Kleiderkreisel kann man Klamotten verschenken, tauschen oder verkaufen. Die Plattform hat mittlerweile über 60.000 Freunde, das Angebot ist daher sehr breit. Außerdem kann man dort auch seine Platten verkaufen oder im Forum über verschiedene Themen fachsimpeln.

  • etsy.com

    Handgemachtes und Gesammeltes findet man auf dem Marktplatz etsy. Gibt man die eigene Stadt ein, erscheinen alle Angebote von lokalen Kleinhändlern: Mode, Schmuck und Deko.

  • whyown.it

    Lust auf Waffeln, aber kein Waffeleisen im Haus? Dann hilft whyown.it, denn irgendein Freund oder Bekannter hat das begehrte Gerät sicherlich unbenutzt im Küchenschrank liegen. Die App ermöglicht es, Geräte, die man nur selten nutzt, einzustellen. Freunde können sie sich ausleihen. Das schont Platz und Ressourcen - und vielleicht findet man jemanden der ein Waffelherz mitisst.

  • lieber-leihen.de

    Wer eine Dachbox für den Skiurlaub oder ein Bierzelt für die Gartenparty sucht und bei whyown.it nicht fündig wird, ist bei lieber-leihen richtig. Das Team des Hamburger Portals bringt die gemieteten Gegenstände bei Bedarf nach Hause und baut sie auf. Man kann sie sich aber auch in den beiden Filialen abholen.

zurück
1/4
vor

 

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Nachbar-wer-bist-du,niriu101.html