Stand: 23.08.2012 08:08 Uhr  | Archiv

Machen digitale Medien wirklich dumm?

Digitale Demenz - Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen
von Manfred Spitzer
Vorgestellt von Martina Bittermann

Zu viele Computerspiele und Internet-Surfen machen nicht nur dick, sondern vor allem doof. Was wir schon immer ahnten, will der renommierte Neurobiologe und Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer nun belegt haben. Die steile These seines neuen Buches "Digitale Demenz" könnte man so zusammenfassen: digital macht dumm.

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Was passiert im Gehirn, wenn wir uns "digital berieseln" lassen?

Ein Navigationssystem im Auto ist doch wirklich was Tolles: kein nerviger Stadtplan, kein besserwissender Beifahrer - nur sie, die sanfte Stimme. Die Dame mit dieser sanften Stimme hat es in sich. Ist sie im Einsatz, ist das Gehirn des Autofahrers abgeschaltet - der Orientierungssinn verkümmert. Buchautor Manfred Spitzer weiß, warum: "Weil unser Gehirn so ähnlich funktioniert wie ein Muskel. Wenn der Muskel nicht gebraucht wird, dann wird er auch kleiner und schrumpft. Das ist beim Hirn genauso. Es gibt kein dynamischeres Organ als unser Gehirn. Da wird dauernd abgebaut, umgebaut, neugebaut, weggeräumt. Was da los ist im Einzelnen, das hängt davon ab, was wir im Gehirn machen. Und wenn wir aufhören, uns zu orientieren, dann schrumpft das Ding, mit dem wir wissen, wo‘s lang geht."

Wie viel Zeit bleibt noch außerhalb der digitalen Welt?

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Der Gehirnforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer.

Spitzer holt aus zum Rundumschlag. Digitale Medien, wettert er in seinem Buch, machen dick, dumm, einsam - und seien wahre Lernverhinderungsmaschinen. Das betreffe Erwachsene, aber besonders Jugendliche, deren Leben bestimmt ist von digitalen Medien. So beschäftigen sich Neuntklässler laut einer Umfrage knapp 7,5 Stunden täglich mit Computer, Spielkonsolen & Co. - das Telefonieren mit dem Handy und das Musikhören auf dem mp3-Player noch nicht eingerechnet.

Wenn Schüler Referate und Hausarbeiten per "copy and paste" gestalten, aus dem Internat abschreiben anstatt selbst zu denken, wenn Prozesse vom Kopf auf den Rechner ausgelagert werden, dann, so Spitzer, entstehen im Gehirn keine Gedächtnisspuren. Da bleiben Inhalte an der Oberfläche und werden schnell wieder vergessen: "Wenn wir zum Beispiel irgendwas googeln, dann müssen wir uns das ja nicht selber merken. In einem Artikel im Fachblatt 'Science Magazine' wurde vor einem halben Jahr sehr schön nachgewiesen, dass sie, wenn sie googeln, sich nachher an den Inhalt weniger erinnern, als wenn sie sich den Inhalt anders beibringen. Ihr Hirn weiß, man kann es ja googeln - und genau deshalb muss es sich die Sache nicht merken. Das stimmt einen wirklich nachdenklich."

Das Buch reizt zum Widerspruch

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Das Buch "Digitale Demenz" ist bei Droemer Knaur erschienen.

Nachdenklich ist das Buch "Digitale Demenz" von Manfred Spitzer nicht wirklich. Es ist laut und provokativ. Es reizt zum Widerspruch. Es fährt eine volle Breitseite gegen alle die Medienpädagogen und Bildungspolitiker, die sich dafür stark machen, Kinder möglichst früh an den Umgang mit den neuen Medien zu gewöhnen und die die Folgen nicht wahrhaben wollen.

"Ich meine tatsächlich, dass unsere geistige Leistungsfähigkeit abnimmt, dass wir deoptimiert werden auch in unserer Fähigkeit, uns selber zu kontrollieren und uns selber zu bestimmen, sodass man davon ausgehen kann, dass die heftige Mediennutzung zum früheren Eintreten demenzieller Veränderungen führen kann", sagt Spitzer. Trotzdem will der Neurobiologe die digitalen Medien nicht abschaffen. Sein Buch ist natürlich auch als E-Book erhältlich. Aber für ihn sind sie eine Droge. Und deshalb ist jeder Tag ohne sie ein guter Tag!

Digitale Demenz - Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Droemer Knaur, 368 Seiten
Bestellnummer:
978-3-426- 27603-7
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 23.08.2012 | 08:08 Uhr