Sendedatum: 20.01.2014 17:40 Uhr  | Archiv

Lokale Nachrichtenblogs in Norddeutschland

von Claudio Campagna

Der Trend kommt aus den USA: Lokale oder sogar Hyperlokale Nachrichtenblogs, die von einem eng begrenzten Raum berichten, wie zum Beispiel einem Stadtteil. Oft betreiben ausgebildete Journalisten solche Seiten, als Hobby oder als Geschäftsmodell. Auch in Norddeutschland gibt es immer mehr solcher Blogs. Wir haben der Chefredakteurin einer relativ jungen Internet-Zeitung bei der Arbeit über die Schulter geschaut.

Hobby oder Geschäftsmodell?

Wenn die Bürger-Initiative Zunderbüchse ihre selbst gebaute, mobile Sauna in einem alten Wohnwagen auf der Hamburger Elbinsel in Betrieb nimmt, dann ist das ein Pflichttermin für die Journalistin Annabel Trautwein.

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Annabel Trautwein sitzt mit Sanne Neumuth von der Zunderbüchse am Wohnwagen-Tisch und macht sich Notizen in ihren Block.

Auf Ihrer Seite Wilhelmsburg-Online hat sie schon früher über das Projekt berichtet. Beim letzten Mal waren es noch Gießkannen statt einer Dusche, dieses Mal kann die Badewanne der "Universität der Nachbarschaften" benutzt werden. Annabel Trautwein erklärt: "Mir geht es darum, den Leuten erzählen zu können, was hier vorgeht und was sie persönlich davon haben. Es geht um ganz praktische Fragen. Aber ich finde es auch sehr schön, diese Geschichte zu erzählen. Das ist eine Geschichte, wie sie meiner Meinung nach für Wilhelmsburg ganz typisch ist."

Als freie Journalistin arbeitet Annabel Trautwein für verschiedene Medien; nebenher betreibt sie ihren Nachrichten-Blog. "Ich habe es erstmal gestartet, weil ich so eine große Lust dazu hatte. Dann habe ich festgestellt: Wenn ich das weitermachen will, muss ich damit über kurz oder lang auch Geld verdienen. Denn so viel Einsatz, ganz unentgeltlich - das kriege ich finanziell einfach nicht geregelt auf Dauer." Die Journalistin hofft, demnächst auch Anzeigen verkaufen zu können. Bislang ist ihre Internet-Zeitung vor allem eine Leidenschaft. "Dieses Informieren und Aufklären über politische Zusammenhänge; die Leute dazu ermächtigen, sich einzumischen - ich denke, das ist eine Motivation, die alle Journalisten haben."

Immer mehr Leser

Blogs wie Altona.info, die Eimsbütteler Nachrichten oder Harburg-Aktuell verfolgen ähnliche Projekte in anderen Stadtteilen. Jede Seite hat ein etwas anderes Konzept: Hamburg-Mittendrin ist eher politisch ausgerichtet und auf elbmelancholie.de werden auch Gefühle thematisiert. In Mecklenburg-Vorpommern hat Renate Gundlach vor drei Jahren die Online-Zeitung Das-ist-Rostock gegründet. 30.000 Leser pro Monat, sagt sie, informierten sich inzwischen dort: "Der Sturm Xaver hat unsere Leserzahlen sowas von nach oben schnellen lassen. Wir haben einen Live-Ticker gemacht und einfach alles, was sich im Zuge dieses Sturms in der Stadt ereignet hat, ganz schnell ins Netz gestellt. Da hatten wir 6.000 bis 7.000 Zugriffe und hinterher ganz viel Dankesbriefe dafür, dass wir den Leuten gesagt haben, was in der Stadt passiert."

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"Durch die Möglichkeit, sich selber zu beteiligen, werden die hyperlokalen Blogs als demokratische Medien wahrgenommen", so Volker Lilienthal

Die schnelle Interaktion, der direkte Austausch zwischen Reportern und Lesern sei ein Vorteil, den Lokale Blogs gegenüber traditionellen Tageszeitungen hätten, sagt Volker Lilienthal, Professor für Qualitätsjournalismus in Hamburg: "Diese Blogs laden die Bürger ein, sich zu artikulieren und selbst aus ihrem Lebensumfeld zu berichten. Das ist eine Riesenchance, die sie haben, weil die Bürger diese Blogs als demokratische Medien erleben. Da wird ihnen nicht etwas von arroganten Profi-Journalisten verkündet - sie können selbst sagen, wie sie die Sache sehen."

Kritisch und unabhängig

Die Blogs seien meistens kritisch und neigten weniger als klassische Medien dazu, gelegentlich mit lokalen Eliten zu kuscheln, meint Lilienthal. Dass Nachrichtenblogs den traditionellen Lokaljournalismus ersetzen können, glaubt er trotzdem nicht. Die Redaktionen sind meistens zu klein, um die ganze Bandbreite der Berichterstattung abzudecken: "Aber sie sind sozusagen der Stachel im Fleisch. Das ist ein Wettbewerbs-Impuls. Lokalzeitungen sehen zum Teil: Aha, da wächst etwas Neues heran - was können wir davon lernen?"

Hyperlokale Nachrichtenblogs greifen Themen auf, die aus der Perspektive anderer Medien als zu unbedeutend erscheinen, im nachbarschaftlichen Umfeld aber wichtig sind. Bei Wilhelmsburg-Online füllt gerade eine Debatte über den Zaun um das ehemalige Gartenschau-Gelände die Kommentarspalten. Und Annabel Trautwein ist schon auf der Suche nach der nächsten Geschichte: "Die Themen liegen hier wirklich auf der Straße. Ich gehe raus, ich mache eine Runde durch den Stadtteil und komme mit drei Ideen wieder."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.01.2014 | 17:40 Uhr