Stand: 28.08.2015 12:00 Uhr  | Archiv

Kommentieren nur nach Handy-Registrierung

Hass-Aufrufe und Beleidigungen durch Nutzer statt kluger Kommentare und nützlicher Ergänzungen: Beim Schweizer Rundfunk und Fernsehen (SRF) macht die Online-Redaktion derzeit ähnliche Erfahrungen wie deutsche Medien. Jetzt reagiert der gebührenfinanzierte Sender mit einer deutlichen Verschärfung: Von allen Nutzern werden E-Mail-Adresse und Telefonnummer überprüft. Die Gründe dafür erläutert der verantwortliche Redakteur Konrad Weber im ZAPP-Interview.

Was müssen Nutzer tun, wenn sie künftig auf Ihrer Seite kommentieren wollen?

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Das Anmeldeformular des SRF zur Freischaltung der Kommentierungsfunktion. Die Telefonnummer muss angegeben werden.

Konrad Weber: Bei der erstmaligen Registrierung müssen die Nutzer eine gültige Mailadresse angeben. Diese wird überprüft und muss vom Absender via Bestätigungsmail aktiviert werden. Zudem muss die Person eine gültige Mobilnummer angeben, auf welche ihm/ihr via SMS einmalig einen Code zugesandt wird. Erst wenn beide Kommunikationswege verifiziert sind, kann die Person einen Kommentar verfassen. Dieser Prozess ist nur bei der erstmaligen Registrierung notwendig, später kann sich die Person nur noch via Mail und Passwort einloggen.

Was bewegt Ihren Sender dazu, den Zugang zur Kommentarfunktion zu ändern?

Konrad Weber: Vorerst ist die Änderung nur bei SRF News aktiv. Dort fallen aber mehr als 90 Prozent sämtlicher Kommentare auf srf.ch an. Wir ändern die Kommentarfunktion aus drei Gründen. Erstens: Kommentatoren haben vermehrt im Namen anderer Personen Meinungsäußerungen geschrieben. Zweitens: Wir sind nicht nur an den laut brüllenden Stimmen interessiert, sondern wollen auch die ruhigeren bei uns auf der Plattform zu Wort kommen lassen. Drittens: Die Änderung ermöglicht uns, direkt mit den Kommentatoren in Kontakt zu treten, um Sie auf allfällige Netiquette-Verstöße hinzuweisen.

Welchen Sinn soll das haben, wenn Nutzer erfahrungsgemäß auch unter ihrem Klarnamen nicht vor Pöbeleien, Hasskommentaren und Hetze zurückschrecken?

Wir haben mit dieser technischen Änderung endlich die Möglichkeit, direkt mit den Betroffenen in Austausch zu treten. Oft hatten wir bisher ungültige Mailadressen bei Kommentatoren, die uns die Arbeit erschwerten. Außerdem können wir im Extremfall gewisse Personen für einen bestimmten Zeitraum sperren.

Beobachten Sie Unterschiede zwischen Kommentaren auf Ihrer Website und in den sozialen Netzwerken?

Weber: Im Gegensatz zu Kommentaren in sozialen Netzwerken werden die Meinungsäußerungen auf unserer Seite moderiert und erst nach einer manuellen Prüfung freigegeben. Es ist uns ein Anliegen, dass die Regeln, die wir als Gastgeber aufstellen, auch eingehalten werden.

Wie werden Kommentare von Nutzern auf Ihrer Seite gesichtet, bevor sie erscheinen?

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Redakteur Konrad Weber ist für das Community Management und die Interaktion mit dem Publikum in der Informationsabteilung des SRF verantwortlich, dem Schweizer Pendant zur Tagesschau.

Weber: Wir haben eine zweistufige Moderation. Zum einen hilft ein Algorithmus, um Kommentare nach einfachen Mustern zu kategorisieren. Danach wird jeder Kommentar (auch die als schlecht kategorisierten) händisch von einem Redaktor oder einer Redakteurin gelesen und freigeschaltet oder zurückgewiesen.

Muss ein gebührenfinanzierter Sender anders mit Nutzerkommentaren umgehen als beispielsweise die Website einer privatwirtschaftlichen Zeitung? Gibt es besondere Herausforderungen?

Weber: Natürlich stehen wir bei SRF unter genauer Beobachtung. Zudem wird uns immer wieder Zensur vorgeworfen, falls wir Kommentare aus klar ersichtlichen Gründen nicht freischalten. Wird eine Person aus nicht ersichtlichen Gründen gesperrt, kann diese Person den Fall bis vor ein Schlichtungsgremium ziehen (Ombudsstelle), vor welcher wir uns im Gegensatz zu den privatrechtlich organisierten Medienhäusern als öffentlich-rechtlicher Sender verantworten müssen. Deshalb müssen wir mit umso mehr Sorgfalt vorgehen.

Wie reagieren Nutzer jetzt auf die Änderungen?

Weber: Bisher sind die Reaktionen extrem positiv. Viele Leute - direkt auf unserer Plattform, aber auch via Social Media - begrüßen die Änderung und forderten, dass auch andere News-Seiten nachziehen.

Das Interview führte Fiete Stegers per E-Mail.

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