Stand: 14.01.2015 15:10 Uhr  | Archiv

Staatschefs im TV - Ja, wo laufen sie denn?

von Teja Adams

Über was diskutiert Medien-Deutschland aktuell so? Zum Beispiel darüber, ob Staatspolitiker auf der Charlie Hebdo-Trauerfeier in einer Seitenstraße laufen, oder nicht, und ob damit endlich belegt ist, dass "Tagesschau" - und andere Medien - wegen entsprechender (Nicht-)Berichte oder gar bewusster Manipulation, Teil der "Lügenpresse" sind, oder nicht? Und überhaupt, warum sich Kai Gniffke, Erster Chefredakteur "ARD-Aktuell", in seinem Blog an einem Dienstagabend um 21 Uhr so aufregt?

Aber noch mal zurück auf Sonntag. Bei dem Trauermarsch nach dem schrecklichen Terroranschlag in Paris waren viele namhafte Staatspolitiker anwesend. Angela Merkel, François Hollande - alle liefen sie dicht an dicht bei dem Trauermarsch mit. Und das "mit" ist das entscheidende Wort in dieser Diskussion. Denn so beeindruckend die Bilder waren, kurze Zeit später berichteten Medien weltweit, dass die Politiker gar nicht den Trauermarsch angeführt hätten, dass sie stattdessen in einer Seitenstraße unter hohen Sicherheitsvorkehrungen von der Masse abgetrennt posiert hätten. Und passenderweise ist das Wort "Lügenpresse" ja ebenfalls am Dienstag zum "Unwort des Jahres" gewählt worden.

"Lügenpresse"

Auftritt Ines Pohl. Die "taz"-Chefin sagte der dpa: "Leider belegt der Umgang mit den Bildern des Pariser Marsches der Mächtigen, dass das Wort ‘Lügenpresse’ nicht nur ein Hirngespinst der Pegida-Anhänger ist, sondern dass die Wirkung der Bilder - übrigens auch für deutsche Medienmacher - manchmal wichtiger ist als die Dokumentation der Realität." Spätestens dieses Zitat brachte "Tagesschau"-Chefredakteur Gniffke dazu, am Dienstagabend einen Blogeintrag zu verfassen - mit einem danach oft zitierten Einstieg: "Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wieder richtig auf die Fresse bekomme: Mir langt’s." Er widerspricht dem Vorwurf "Inszenierung" und hält fest: "Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung, jede Pressekonferenz ist eine Inszenierung." Das Statement von Ines Pohl mache ihn "ratlos, nein, es macht mich richtig sauer", für ihn ist es "ein schlimmer Satz".

Der Blogeintrag des "Tagesschau"-Chefs hat die Diskussion vor allem in den deutschen (Sozialen)-Medien weiter befeuert. Viele beschweren sich, dass die "Tagesschau" und andere Medien nicht wahrheitsgemäß berichtet hätten, dass die Politiker in einem abgetrennten Bereich marschiert seien, dass die Bilder dadurch "manipuliert" seien. Stefan Niggemeier schreibt, Journalisten hätten durchaus eine Menge an der "großen Geste“ auszusetzen. "Das kann man mögen oder lästig finden, aber das gehört durchaus zur Aufgabe eines Journalisten, ein schönes, gefühliges, scheinbar stimmiges Bild zu stören".

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Doch wie war es wirklich? Christian Röwekamp, Sprecher der dpa, sagte gegenüber dem tagesspiegel, dass die Politiker auf der gleichen Route marschiert seien, wie die Menschenmasse. "Aus Sicherheitsgründen" habe es eine Lücke zwischen den Politikern und den 1,5 Millionen Menschen gegeben. Trotz dieser Richtigstellung berichten viele Medien auch heute noch davon, dass die Politiker in einer Seitenstraße marschiert seien.

Heute dann bloggt Kai Gniffke: "Ich hatte gestern eine ziemliche Wut im Bauch, aber dieser Zustand ist kein sonderlich guter Ratgeber, schon gar nicht wenn man Verantwortung für die Tagesschau trägt." In der kritisierten 20 Uhr-"Tagesschau" sei der Abstand nicht zu sehen gewesen, "weil es diesen Sicherheitsabstand bei jedem Auftritt von so vielen Staatschefs gibt" und weiter "Die Kundgebung selbst war für die Berichterstattung meines Erachtens erheblich wichtiger als die üblichen Sicherheitsvorkehrungen. Daraus einen Manipulationsvorwurf zu konstruieren, halte ich für unangemessen. Es marschierten tatsächlich die Politiker vorneweg und danach die ganz große Menschenmenge."

Die mediale Diskussion wird wohl abflauen und die Gemüter sich etwas beruhigen. Was bleibt ist die erneute Erinnerung: Die Wirkung von Bildern ist nicht zu unterschätzen - erst Recht nicht von denen, die uns noch lange in Erinnerung bleiben werden.

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