Stand: 16.04.2014 17:22 Uhr  | Archiv

Forscher arbeiten an digitaler Privatsphäre

Eine echte Privatsphäre scheint es für Internetnutzer nicht zu geben. Speicher- und Analyse-Möglichkeiten sind längst so billig geworden, dass theoretisch alles, was wir im Netz tun, dokumentiert und ausgewertet werden kann. Big Data nennen das IT-Experten. Umso aussichtsloser scheint ein Projekt von Forschern aus Saarbrücken: Sie wollen dem Recht auf Privatsphäre auch im Internet wieder Geltung verschaffen.

Von Benedikt Strunz, NDR Info

Jeder Deutsche ist laut der aktuellen ARD/ZDF-Onlinestudie durchschnittlich fast drei Stunden pro Tag im Internet unterwegs. Egal ob er dabei per Suchmaschine bestimmte Informationen sucht, sich in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter mit anderen Usern austauscht oder in Foren chattet: überall hinterlassen wir dabei Datenspuren, sagt Gerhard Weikum, Direktor am Max-Planck-Institut für Informatik (MPII) in Saarbrücken: "Man sagt sich: 'Naja, was ist schon dabei, dieses Bild zu posten, oder diese Frage zu stellen?' Das Einzelstück Information, was man von sich preis gibt, ist meistens nicht so kritisch. Tatsächlich ist es so: Erst wenn man über lange Zeiträume über ein und denselben Nutzer Informationen sammeln und verknüpfen kann, dann entstehen diese möglichen Konsequenzen."

Big Data bietet ungeahnte Missbrauchsmöglichkeiten

Die Beispiele möglicher Konsequenzen sind vielfältig. In anderen Ländern analysieren Krankenkassen Risikopatienten bereits an deren Surf-Verhalten. Stellen Internet-User kritische Fragen in Gesundheitsforen? Kaufen sie Ratgeber zu speziellen Krankheiten? Treiben sie Risiko-Sport?

Aber auch für Geheimdienste, Arbeitgeber, Versicherungen, Online-Händler und Kriminelle bietet Big Data ungeahnte Möglichkeiten. "Das Hauptproblem ist, dass Sie eine Vielzahl an Daten an einer Vielzahl von Orten preisgegeben haben. Sie werden den Überblick verloren haben. Das ist klar. Sei es, dass Sie viele soziale Netzwerke benutzen, sei es, dass Sie ihr Handy benutzten, sei es, dass Sie Suchanfragen eingeben", sagt Michael Backes, der den Lehrstuhl für Informationssicherheit und Kryptographie an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken leitet.

Weitere Informationen

NEULAND - Was ist morgen noch privat?

Wir werden immer dreister überwacht - und den meisten ist das egal. Warum wir unsere Privatsphäre verteidigen sollten, das erklärt die Dokumentation NEULAND. mehr

Anonymität im Netz in Zukunft allgemeines Grundrecht?

Internetnutzer stehen bislang vor einem Dilemma: Obwohl viele Menschen durch den NSA-Skandal wachgerüttelt sind, verhalten sie sich im Netz wie zuvor. Zwar gibt es auch heute noch Wege, die eigene Privatsphäre zu schützen, allerdings sind die sehr aufwendig. Volle Anonymität würde bedeuten, jeden Klick im Netz durch eine spezielle Software zu verschleiern. Und zwar jeden Tag auf eine andere Art und Weise, damit keine Muster entstehen.

Bislang ist Anonymität somit im Internet kein Grundrecht, sondern es ist das Privileg von Spezialisten. Auch deshalb arbeiten Wissenschaftler in Saarbrücken derzeit an einem komplexen Software-System, das Privatsphäre für alle im Netz garantiert. Backes erklärt, dass das System den User zum Beispiel auch warnen soll, wenn er dabei ist etwas zu tun, was seine eigenen Präferenzen verletzen würde: "Im Idealfall schlägt es Ihnen sogar eine Alternative vor, wie Sie erreichen können, was Sie möchten, ohne Ihre Privacy-Präferenzen zu verletzen."

Forscher haben noch viel Arbeit vor sich

Die neue Privacy-Software steckt derzeit noch in den Kinderschuhen. Geht es nach dem Willen der Experten, dann könnten die Programme künftig vollautomatisiert im Hintergrund laufen. Sie würden uns einen Überblick über die zahlreichen Informationssplitter geben, die wir täglich unbewusst im Netz hinterlassen. An einer bestimmten Schwelle würde dann eine Art Alarmsignal ertönen, veranschaulicht Gerhard Weikum vom MPII: "Wenn Du jetzt so weiter machst, dann könnte jemand auf der anderen Seite Folgendes über Dich in Erfahrung bringen."

Weitere Informationen

Netzwelt

Neue Internet-Seiten und Smartphone-Apps, PC-Sicherheit und politische Fragen der digitalen Welt: Nachrichten, Tipps und Tricks rund um Internet, Handy und Computer. mehr

Wie viel Forschungsarbeit in diesem Sicherheitstool steckt, lässt sich derzeit allerdings noch kaum abschätzen. In jedem Fall geht es um viele Jahre. Bis auf Weiteres bleiben Internetnutzer also für den Schutz ihrer Privatsphäre selbstverantwortlich. Im Zweifelsfall bedeutet das, mit privaten Informationen im Netz grundsätzlich restriktiv umzugehen.

Big Data bei der CeBIT 2014

CeBIT 2014 - Ist weniger wirklich mehr?

Zum Ende der CeBIT zeigen sich Aussteller und Veranstalter zufrieden. Zwar kamen nur 210.000 Besucher zur Computermesse - Minusrekord. Aber das wichtige Fachpublikum profitiert. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 17.04.2014 | 08:08 Uhr

Mehr Nachrichten

01:31

SPD sucht nach neuen Partnern

17.10.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
03:30

Region fordert schnelle Bauarbeiten an A20

17.10.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
01:35

Schlechte Luft in Hannover

17.10.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell