Stand: 10.02.2016 17:28 Uhr

Fluch und Segen der Gesundheits-Apps

Bild vergrößern
Schneller, weiter, besser: Fitness-Apps sind auf dem Vormarsch. Doch die Datenerfassung birgt auch Risiken.

Schrittzähler, Schlafkontrolle oder Pulsmesser: Immer mehr Menschen lassen ihre Gesundheit von Fitness-Apps dokumentieren - mit Armbändern, Smartwatches oder dem Smartphone. Jetzt wollen auch deutsche Krankenkassen die Daten von Versicherten auswerten. Einen ersten entsprechenden Vorstoß hat hierzulande die Techniker Krankenkasse gemacht. Was sind die Hintergründe? Und was sollten die Nutzer der Fitness-Apps wissen und bedenken? NDR Info Gesundheitspolitik-Experte Peter Mücke beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was genau planen die Krankenkassen?

Der private Krankenversicherer Generali hat angekündigt, noch in diesem Jahr einen Gesundheits-Tarif mit App auf den Markt zu bringen. Wer also bereit ist, seine aktuellen Daten dem Konzern zur Verfügung zu stellen, bekommt einen günstigeren Tarif. In anderen Ländern, etwa in den USA, gibt es solche Angebote schon länger. In Deutschland sind die Versicherungskonzerne zurückhaltender. Die Allianz etwa will ausdrücklich kein solches Angebot auf den Markt bringen. Auch andere Mitbewerber sind zurückhaltend.

Die gesetzlichen Krankenkassen, bei denen die meisten Menschen in Deutschland versichert sind, haben keine Möglichkeit solche Tarife anzubieten. Die Beitragshöhe richtet sich hier nach dem Einkommen. Allenfalls über Bonus-Modelle können die Kassen gesundheitsbewusstes Verhalten belohnen. Wenn die Versicherten zum Beispiel Rücken-Kurse oder ähnliche Angebote besuchen.

Umso überraschender ist es, dass jetzt ausgerechnet die Techniker Krankenkasse, die größte gesetzliche Kasse in Deutschland, einen Vorstoß in diese Richtung wagt.

Welche Vorteile versprechen sich die Kassen durch die Digitalisierung und das Sammeln der Daten ihrer Mitglieder?

Den Kassen geht es darum, die vielen Daten zu nutzen, die bereits jetzt erhoben werden. Laut einer Umfrage nutzen ein Drittel der Smartphone-Besitzer Gesundheits-Apps, die zum Beispiel aufzeichnen, wie viele Schritte jemand am Tag gegangen ist oder wie viel Kalorien er verbrannt hat. Diese Daten werden bislang von Ärzten und Krankenkassen nicht genutzt. Das soll sich nach dem Willen von Jens Baas, dem Chef der Techniker Krankenkasse, ändern. Er will die Daten aus solchen Apps auf der Gesundheitskarte speichern. Der Versicherte soll dann entscheiden, ob der Arzt oder die Krankenkasse Zugriff auf die Daten auf der Karte bekommen soll. Ziel ist es, dass der Arzt sehen kann, ob sich der Patient zum Beispiel wenig bewegt. Oder auch, dass die Kasse einem Versicherten aufgrund der aufgezeichneten Daten raten kann, zu einem bestimmten Facharzt zu gehen. Auch die Versorgungsforschung ist an solchem Datenmaterial interessiert.

Justizminister Heiko Maas (SPD) will die Verwendung der Daten einschränken. Ist seine Kritik gerechtfertigt?

Nur zum Teil. Bislang wollen die Krankenkassen ihre Versicherten nicht im großen Stil überwachen. Aber es gibt eine gewisse Sorglosigkeit in weiten Teilen der Bevölkerung beim Datenschutz. Viele Menschen stellen Unternehmen - etwa über Rabattkarten oder das Surfverhalten im Internet - bereitwillig Daten zur Verfügung. Das sind im Vergleich zu Gesundheitsdaten allerdings harmlose Daten. Denn Gesundheitsdaten sind meistens auch sensible Krankheitsdaten. So sind viele Arbeitgeber sicher daran interessiert zu erfahren, ob sich ein Mitarbeiter oder Jobbewerber in psychologischer Behandlung befindet oder ein erhöhtes Risiko hat, an eine chronische Krankheit zu entwickeln. Doch bereits jetzt geben viele Nutzer von Gesundheits-Apps sensible Daten preis, die dann von Unternehmen wie Apple oder Google gesammelt werden, oft sogar unfreiwillig. Ein Beispiel: Beim iPhone 6 ist eine Gesundheits-App vorinstalliert, die nur ganz schwer zu entfernen ist. Sie überwacht jeden Schritt des Nutzers und sendet die Daten zu Apple in die USA. Das ist auch ein Grund für den Vorstoß der Techniker Krankenkasse, die argumentiert: Bevor die Daten im Silicon Valley zu Geld gemacht werden, sollten sie lieber in Deutschland sinnvoll genutzt werden.

Weitere Informationen
mit Video

Gläserner Mensch: Gesundheits-Apps auf dem Vormarsch

Apps helfen, Schritte zu zählen oder den Schlaf zu überwachen - für eine bessere Gesundheit. Doch auch Arbeitgeber und Krankenkassen zeigen Interesse an den wertvollen Daten. mehr

Fitness-Apps: Gesünder durch Selbstkontrolle?

Jeden Monat kommen rund 1.000 neue Apps für Smartphones rund um die Gesundheit auf den Markt. Welche Angebote sind sinnvoll? Auf welche Apps sollte man lieber verzichten? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 11.02.2016 | 08:08 Uhr