Stand: 18.02.2016 12:30 Uhr

Firas Alshater gibt Zucker gegen Vorurteile

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Ende Januar veröffentlichte der syrische Flüchtling sein erstes YouTube-Video. Vom Erfolg ist er selbst überrascht.

"Deutschland aus der Perspektive eines Flüchtlings": Seit Ende Januar sorgt ein Syrer im Internet für Furore: Firas Alshater ist der erste Flüchtling in Deutschland mit einem eigenen Kanal beim Videoportal YouTube. Folge eins mit seinen Betrachtungen zur Frage "Wer sind diese Deutschen?" wurde im Netz - danke der Verbreitung über die Sozialen Medien - schon mehr als eine Million am angeschaut. Auch mit der gerade veröffentlichten zweiten Episode wird Alshater vermutlich wieder das Kunststück gelingen, ein breites Publikum zu unterhalten - Deutsche und Flüchtlinge gleichermaßen.

Filmemacher lebt seit zwei Jahren in Berlin

"Zukar" heißt Alshaters YouTube-Kanal - es ist das arabische Wort für Zucker. Und der Syrer gibt sozusagen dem Affen Zucker: Während der 24-Jährige auf einem alten "Oma-Sofa" sitzt, fragt er in seinem Video: "Wie ticken die Deutschen?". Dabei spielt er gekonnt mit Videoschnipseln von Pegida-Protesten einerseits und Refugees-Welcome-Veranstaltungen andererseits. Schon in seiner Heimat - im syrischen Homs - war Alshater als Filmemacher aktiv, bis er nach eigenen Angaben wegen Demonstrationen gegen das Assad-Regime neun Monate im Gefängnis saß. Seit gut zwei Jahren lebt er nun als Flüchtling in Berlin.

"Ich bin ja eigentlich gegen Flüchtlinge, aber ..."

Youtube-Star Firas Alshater in einer Szene aus seinem Video. (Screenshot) © YouTube

"So sind die Deutschen"

NDR Info -

Firas Alshater ist der erste Flüchtling in Deutschland mit einem YouTube-Kanal. Millionen haben sein erstes Video über "die Deutschen" gesehen. Nun erscheint die zweite Folge.

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Besonders erstaunlich ist, dass der "YouTube-Star" in Zeiten von überbordenden Hasskommentaren offenbar auch das Herz von Ausländerfeinden und Internettrollen erwärmt. "Ich höre immer über Pegida und AfD und all die Leute, die gegen Flüchtlinge sind. Aber auf mein Video habe ich sehr wenige Kommentare bekommen, die man Hasskommentare nennen kann", erklärte er in einem ARD-Interview. Bei 5.000 Kommentaren seien nur vier oder fünf gewesen, die ihn angegriffen hätten. "Für mich war das eine Überraschung."

Und was vielleicht noch bemerkenswerter ist: Der junge Mann mit dem strubbeligen Bart und den dicken Ohrringen schafft es die bisher bekannte Rhetorik umzudrehen. Aus der Aussage "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ..." wird bei ihm, in den Kommentaren auf sein Video, vielfach: "Ich bin ja eigentlich gegen Flüchtlinge, aber Dein Video ist wirklich super."

Alshater glaubt daran: Integration wird gelingen

In seinem ersten Video dokumentierte Alshater auch ein Experiment: Mit verbundenen Augen hat er sich auf den Berliner Alexanderplatz gestellt. Neben ihm ein Schild mit der Aufschrift: "Ich bin syrischer Flüchtling. Ich vertraue Dir. Vertraust Du mir? Dann umarme mich!". Und er hat geschaut, was passiert.

Lange musste er warten, denn die Skepsis war zu Beginn groß. Dann aber machte ein erster Mann, vermutlich ein Tourist, ein Selfie mit dem Fremden mit der Augenbinde. Danach kamen sie langsam: eine Umarmung nach der anderen. "Ich habe gelernt: Die Deutschen brauchen längere Zeit, aber dann sind sie nicht zu stoppen. Darum glaube ich: Die Integration wird klappen. Irgendwann", lautet Alshaters Schlussfolgerung aus seinem Experiment in der Mitte der deutschen Hauptstadt.

Paradebeispiel gegen rechte Hetz im Netz?

Schon jetzt glauben immer mehr potenzielle Geldgeber und Unterstützer an den 24-Jährigen. Die Caritas etwa lobt, es sei interessant wie Alshater in einer sehr ernsten Diskussion den Blickwinkel verändere. Fazit: Gewagt, aber hilfreich! Einige Medienexperten feiern die Videos des syrischen Flüchtlings schon als Paradebeispiel gegen rechte Hetz im Netz.  

Zu viel der Ehre, meint Alshater im Interview. Er wolle lediglich zeigen, dass jeder Mensch einfach eine gewisse Zeit benötige: "Egal, für was. Wir brauchen Zeit, um die Sprache zu lernen, wir brauchen Zeit, bis wir eine Wohnung haben, wir brauchen Zeit, bis wir wissen, was der Unterschied ist zwischen Heimat und hier."

Die Gefahren des Zucker-Verkaufs

Um Firas Alshater zu mögen, dafür brauchte zumindest die Netzgemeinde nicht viel Zeit. Binnen weniger Tage verbreitete sich sein erstes Video über YouTube und Facebook, wurde inzwischen schon mehr als eine Million mal angesehen. Mithilfe eines professionellen Produzenten-Teams will der Syrer mit der nun veröffentlichten, zweiten Folge seiner Betrachtung über die Deutschen an diesen Erfolg anknüpfen: "Wir versuchen mehr Leute zum Lachen zu bringen, mehr das Leben in Deutschland aus unserer Perspektive zu zeigen. Was machen wir? Und wie sehe ich Deutschland in meinen Augen?"

Im neuen Video mit dem Titel "Die ganze Wahrheit" verkauft Alshater Zucker - weil diese Droge bei den Deutschen besonders gut ankäme. Er rät den Zuschauern: "Geratet nicht auf die schiefe Bahn wie ich. Macht keine Satire. Dafür hat die Assad-Regierung in Syrien Leute ermordet."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 18.02.2016 | 08:08 Uhr