Stand: 25.01.2016 17:00 Uhr

Zeigt Facebook Zivilcourage?

von Yasemin Ergin

Hassaufrufe, Hetze gegen Flüchtlinge, Holocaust-Leugnungen: Nachdem die Internetplattform Facebook massiv gerügt worden war, rechtswidrige Kommentare nicht oder nicht schnell genug gelöscht zu haben, hat der Konzern eine europaweite "Initiative für Zivilcourage Online" gegründet. Ist jetzt alles anders bei Facebook? Das Kulturjournal macht den Test.

"Ohne Gegenrede gibt eine Form der Enthemmung"

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Auf der Internetplattform Facebook scheint alles möglich zu sein.

Rechte Hetze, öffentlich geteilt, oft unter echtem Namen ist an der Tagesordnung. Bei Facebook toben sich Rassisten und Neonazis ungeniert aus. "Man kann ganz bestimmt davon sprechen, dass es eine Form der Enthemmung gibt", erklärt Cornelius Puschmann vom Institut für Internet und Gesellschaft. Wenn Sanktionen fehlen oder irgendeine Form von Gegenrede oder Gegendruck, dann führe das dazu, "dass man davon ausgeht, man kann das tun."

Der virtuelle Hass scheint fremdenfeindliche Haltungen zu verstärken. In Deutschland erhöhte sich die Zahl rechter Straftaten im letzten Jahr um 40 Prozent. Tatsächlich könne man es nicht eins zu eins übersetzen, erklärt Simone Rafael vom "Netz gegen Nazis", "aber dort, wo im lokalen Kontext viel Hassrede in den sozialen Netzwerken kursiert, also wo viel Stimmung gemacht wird gegen Geflüchtete beispielsweise, gibt es auch öfter Straftaten." 

Task Force gegen Hass und Hetze

Justizminister Heiko Maas gründete im Herbst 2015 eine Task Force zu dem Thema. Facebook willigte ein, rechtswidrige Hassbotschaften künftig schneller zu löschen, stellte eigens ein Team deutscher Mitarbeiter dafür ein.

Bisher ist davon nicht viel zu merken. Kulturjournal macht den Test, meldet diverse Nazi-Beiträge an Facebook. Das Ergebnis: Die Gruppe Sieg Heil verstößt nicht gegen die Gemeinschaftsstandards und darf bestehen. Genauso Leugnungen des Holocaust. Von 20 gemeldeten Beiträgen werden nur zwei gelöscht.

Diskutieren statt löschen

Nun hat das Unternehmen nachgelegt, mit einer "Initiative für Zivilcourage im Netz." Die Idee: Diskutieren, statt einfach nur löschen. Letzte Woche stellte Facebook-Managerin Sheryl Sandberg das Projekt in Berlin vor: "Unser Ziel ist es, die Gegenrede zu stärken und mit den uns zur Verfügung stehenden Instrumenten, unsere Nutzer zu Toleranz zu erziehen. Wir sind froh, dabei mit der Regierung zusammenzuarbeiten."

Mit im Boot ist auch die Amadeu Antonio Stiftung in Berlin, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt. Simone Rafael kümmert sich hier unter anderem um das Portal "Netz gegen Nazis". "Wir versuchen, Phänomene zu beschreiben, einzuordnen und argumentativ zu helfen", beschreibt Rafael, "damit nicht jeder das Rad jedes Mal neu erfinden muss, sondern schon Infos findet, die man in Diskussionen mit seinen eigenen Freunden und in Kommentarspalten seiner Lieblingsmedien verwenden kann."

Facebook will Initiativen gegen rechts künftig finanziell unterstützen. Aber bringt es überhaupt etwas, mit aggressiven Nazis zu diskutieren? "Nicht immer ist die Zielgruppe der Neonazi oder der Rechtspopulist, mit dem ich mich gerade argumentativ duelliere", so Rafael weiter. Es gehe vielleicht eher um "die mitlesende Mehrheit der Menschen, die schweigen, die gar nichts dazu sagen, aber die sich eine Meinung bilden." Für diese User sei es auch sehr wichtig, zum Ausdruck zu bringen "nein, ihr seid nicht die Mehrheit, und nein, die meisten Leute denken nicht wie ihr, sondern wir wollen ein vielfältiges Deutschland, in dem alle demokratisch und friedlich zusammenleben können." Die Verantwortung liegt damit also bei den Nutzern. Der Anstoß ist wichtig, aber Facebook macht es sich damit trotzdem ziemlich leicht.

Weitere Informationen

Lösen Anzeigen das Hasskommentar-Problem?

Beim Kampf gegen Hasskommentare in sozialen Medien wie Facebook spielen auch die Nutzer eine große Rolle. Haben Anzeigen bei der Polizei Erfolgsaussichten? NDR Info hat nachgefragt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 25.01.2016 | 22:45 Uhr

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