Stand: 15.05.2014 14:50 Uhr  | Archiv

Wer erreicht die Wähler im Netz am besten?

von Sascha Sommer, NDR Info
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Plakate haben im Kampf um Wählerstimmen im Vergleich zum Auftritt im Netz fast ausgedient.

Dass diese Werbung da neben einer Bushaltestelle in Hamburg mal ein Wahlplakat zur Europawahl am 25. Mai war, sieht nur noch, wer ganz genau hinschaut und das Konterfei von SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz erkennt. Schon längst ist es abgerissen, es sieht so aus, als sei es auch schon wieder überklebt worden. Wahlplakate und Fernsehspots sind in einem Wahlkampf zwar nicht unwichtig, betonen Strategen und PR-Berater immer wieder - aber sie sind 2014 längst nicht mehr alles. Wer sich nicht am Online-Wahlkampf beteiligt, erreicht viele junge Wähler gar nicht. Und so gibt es auch kaum eine Partei und kaum einen Kandidaten der großen Parteien, der sich nicht - mehr oder weniger aktiv - auf Twitter, Facebook und YouTube präsentiert.

"Den Usern nichts vorgaukeln"

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"Ich finde das gar nicht wichtig, dass das täglich ist, sondern dass man das ehrlich betreibt und den Usern eben nicht was vorgaugelt. Man soll den Usern das präsentieren, was auch echt ist. Das ist das, was wir versuchen. Dass wir eben nicht sagen: Martin Schulz bedient jetzt hier das iPhone und macht Selfies den ganzen Tag. Sondern wir zeigen viel Begleitendes, wir geben den Nutzerinnen und Nutzern auf diese Weise einen direkten Eindruck vom Kandidaten", sagt Tobias Nehren. Er koordiniert die Social-Media-Strategien für die Sozialdemokraten und ist bei der Europawahl der Mann hinter dem Konzept für ihren Spitzenkandidaten Martin Schulz. Auch er weiß natürlich, dass bei der Europawahl 2009 die Wahlbeteiligung nur bei 42 Prozent lag - und darum das Werben um Stimmen bei denen wichtig ist, die mit klassischen Medien nicht mehr viel am Hut haben.

Kandidaten sollen sich authentisch präsentieren

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Der Politik- und Digitalberater Martin Fuchs bewertet die Online-Auftritte der Spitzenkandidaten unterschiedlich.

Trotzdem: Insgesamt scheint bei den Parteien nach den vergangenen Bundes- und Landtagswahlen ein wenig die Luft raus zu sein, was die Arbeit in sozialen Netzwerken angeht. "Ich glaube, dass auch ein Martin Schulz nicht der geborene Digital Native ist, der jetzt jeden Tag auf Twitter zehn Stunden verbringen möchte und die Zeit dafür hat. Aber sein Team hat es schon sehr gut verstanden, ihn als authentische Person in den sozialen Netzwerken darzustellen", sagt der Blogger und Politik- und Digitalberater Martin Fuchs, der die Plattform "Hamburger Wahlbeobachter" betreibt. Bei CDU-Kandidat David McAllister verhält es sich aus seiner Sicht anders: "Das war schon im Landtagswahlkampf in Niedersachsen so, dass ich immer das Gefühl hatte: Ok, da ist ein sehr professionell gemachter Auftritt, aber da ist wenig persönliche Note und wenig Emotionalisierung da. Da steht vielleicht der Kandidat auch nicht so dahinter, wie er es sein sollte."

Soziale Medien als Info-Börse nutzen

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Jan Philipp Albrecht möchte erneut für die Grünen ins Europäische Parlament einziehen.

Wer ist der Kandidat und für was steht er genau - das sind Fragen, auf die der Wahlbeobachter oft konkrete Antworten vermisst. Politiker, die sich von ihren Mitarbeitern ein Profil erstellen und ab und zu ein paar Informationen einstellen lassen, sind völlig falsch beraten, sagt Jan Philipp Albrecht, der auch nach der Wahl am 25. Mai für die Grünen im Europaparlament sitzen möchte: "Die Leute wollen eben tatsächlich einen lebhaften Account. Sie wollen ja auch einen lebhaften Abgeordneten erleben und mit ihm interagieren können, wollen vielleicht mal was Witziges lesen oder sehen, und sie wollen auch Hintergrundinformationen erhalten. Dafür ist Social Media einfach da, weil man da auch mehr Informationen als in einem Radio-, Fernseh- oder Zeitungsinterview rüberbringen kann."

Keine Angst vor dem Shitstorm

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Besonders über Facebook kommunizieren viele Bundes- und Europapolitiker.

Europawahlkampf in sozialen Netzwerken interessiert nicht nur junge Menschen. Wahlstratege Nehren ist sich sicher, dass durch Seiten wie Facebook auch ältere Wähler erreicht werden. Vor Pannen im Netz, Vertwitterern, einem falsch gesetzten Hashtag, Link oder sogar Shitstorm hat Nehren keine Angst: "Das muss gar nicht mal immer peinlich sein. Es ist auch - wenn man sich raus traut und neue Wege geht - immer ein wenig satirefähig. Da gehört auch dazu, dass man sich mal über den anderen beömmelt. Und das Beste, was man machen kann, ist die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken beziehungsweise so karatemäßig die Energie und die Aufmerksamkeit in eigene, positive Messages umzudrehen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 15.05.2014 | 08:08 Uhr