Stand: 04.06.2014 14:19 Uhr  | Archiv

Der Anfang ist "Heftig" - und dann?

von Daniel Bouhs

Findige Seitenbetreiber haben im Internet eine Masche entwickelt, die ihnen einen regelrechten Klick-Regen beschert: Sie preisen Neuigkeiten, Fotos und Videos möglichst reißerisch an - und lassen einfach offen, was sich dahinter genau verbirgt. Das klappt so gut, dass Online-Journalisten sich von dieser Methode mitunter anstecken lassen.

Es sind ein paar flotte Worte, die Lust auf Sensation und Spektakel machen sollen, kleine Appetitanreger, die an keinem einfach so vorbeiziehen - so wie diese:

"23 psychologische Tricks, die Du kennen musst. Nummer 13 funktioniert immer."

"Sein Handy klingelte mitten im Konzert. Was das Orchester daraufhin tat, hat alle mitgerissen."

"Erst habe ich mich nicht getraut, dieses Video anzusehen. Aber das war es definitiv wert. Wow."

Wer klickt da nicht? Und so sind Portale ein Erfolg, die Material, das ohnehin im Netz kursiert, noch einmal neu verpacken. Die englischsprachigen Erfolgsportale heißen "Buzzfeed" und "Upworthy". Mit "Heftig" hat das Phänomen auch Deutschland erreicht. Es ist ein noch junges Online-Angebot,hinter dem zwei Macher aus Brandenburg stecken. Ein Interview wollten sie nicht geben, aber es ist ohnehin klar, dass sie Erfolg haben: Auf Facebook haben 800.000 Nutzer ihre Info-Häppchen abonniert.

"... und ein bisschen Geheimnis machen"

Bild vergrößern
Flotte Sprüche, nichts dahinter? Online-Seiten wie "Heftig" locken die User mit einfachen Mitteln zum Klicken.

Etablierte Online-Journalisten wie Stefan Plöchinger - einst "Spiegel Online", heute "Sueddeutsche.de" - wundert das nicht. Das sei ganz einfach guter alter Boulevard: "Direkte Leseransprache, nicht alles verraten - und ein bisschen Geheimnis machen. Am Schluss hat man die Masche allerdings schnell kapiert. Und wenn man Seiten hat, die nur noch so aussehen, dann wird's auch recht langweilig. Ich glaube nicht, dass das endlos funktioniert."

Endlos vielleicht nicht, aber probieren wollen sie die Masche alle mal. So kupfern selbst etablierte Medien bei "Heftig" ab, zumindest für vereinzelte Fingerübungen.

"Uganda stellt Homosexualität unter Strafe. Ihr glaubt nicht, was die Weltbank daraufhin gemacht hat" (heute.de)

"Dieser junge Mann hat vier Jahre lang an dem perfekten Heiratsantrag gebastelt. Was am Ende dabei herauskam, ist einfach UNGLAUBLICH" ("InTouch")

"Er wollte nur einen monstercoolen Elfmeter versenken. Was dann geschah, veränderte sein Leben" (11Freunde)

Folgen auch für qualitätsjournalistische Angebote?

Und selbst wenn viele klassische Medien nur punktuell "heftig" werden: Leif Kramp, der den Medienwandel für die Bremer Universität beobachtet, sieht Folgen für alle: "Da steckt natürlich ein tieferer Sinn dahinter, dem sich qualitätsjournalistische Angebote auch widmen müssen. Und zwar: Wie erzeuge ich Interesse für mein Angebot, für meine Webseite, auf der ich auch Werbung platziere, in sozialen Netzwerken, wo sich tatsächlich viele und die meisten jüngeren Internetnutzer aufhalten?"

Aufmerksamkeit der Nutzer ist das A und O

Es sei zwar keine neue Schlacht um die Inhalte entbrannt. Sehr wohl aber gehe es um eine ganz andere Währung: um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Um die buhlen Linkschleudern wie "Heftig" eben inzwischen genauso wie die etablierten Medien - und das nicht zuletzt bei den besonders begehrten jungen Nutzern, so Kramp: "Wir werden immer neue Nutzungsphänomene erleben, die auf emotionale, auf sensationelle Weise versuchen, zu unterhalten. Und damit müssen wir eben auch rechnen, dass die Jugend weniger expliziten Journalismus auch erkennen kann im Internet, sondern einfach danach geht: Was interessiert mich? Wie kann ich mich informieren?"

Mit anderen Worten: Das Phänomen "Heftig" steht womöglich erst noch ganz am Anfang. Und was dann passiert, wird uns umhauen ...

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 05.06.2014 | 08:08 Uhr

Die Zukunft des Journalismus

Die digitale Revolution hat die Mediennutzung verändert. Wie sieht die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter aus? Dieser Frage geht die NDR Info Sommerserie nach. mehr