Stand: 04.12.2014 13:26 Uhr

"Dschihad ist besser als Call of Duty"

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In einem Propaganda-Video modifiziert der IS Szenen aus dem bekannten Computerspiel "Grand Theft Auto".

Jeder Zweite zockt Computerspiele, aus der Jugendkultur sind sie längst nicht mehr wegzudenken. Forscher erkennen sogar einen gesellschaftlichen Trend zur "Gamification", bei dem Spielstrukturen auf den Alltag übertragen werden, um diesen angenehmer zu gestalten. Dass der Spaß auch Risiken birgt, zeigt sich, wenn Extremisten die menschliche Spielfreude ausnutzen, um ihre Propaganda zu verbreiten.

IS-Kämpfer: "Dschihad besser als Call of Duty"

So setzt die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) bei der Rekrutierung von Jugendlichen unter anderem auf Videospiele: "Your games which are producing from you, we do the same actions in the battlefields!!" heißt es in fehlerhaftem Englisch zu Beginn eines Propaganda-YouTube-Clips des IS. Der Drei-Minuten-Spot zeigt in verstörender Weise abgewandelte Szenen aus dem bekannten Computerspiel "Grand Theft Auto". Polizisten werden niedergeschossen, Militärkonvois in die Luft gesprengt - und im Hintergrund ertönen sanfte Gesänge und im Wechsel mit Gewehrsalven "Allahu Akbar" (Gott ist groß).

Sein von Videospiel-Kategorien geprägtes Denken offenbarte ein britischer IS-Kämpfer in einem Interview mit der britischen BBC im Sommer dieses Jahres. Der Dschihad in Syrien sei besser als der Militärshooter "Call of Duty", sagte Abu Sumayyah Al-Britani dem Sender.

FPÖ lässt Muezzine abschießen

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Das auf ihrer Internetseite veröffentlichte Spiel "Moschee baba" brachte der FPÖ eine Anzeige wegen Volksverhetzung ein.

Für die Rekrutierung von Wählern setzte die rechtskonservative Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) in der Steiermark im Jahr 2010 auf den menschlichen (Computer-)Spieltrieb. Sie veröffentlichte auf ihrer Internetseite das Browser-Game "Moschee baba". In dem Spiel erscheinen Minarette, Moscheen und Muezzine auf dem Bildschirm, die der Spieler abschießen muss. Am Ende des Spiels wurde die Nachricht eingeblendet: "Die Steiermark ist voller Minarette und Moscheen! Damit das nicht geschieht: Am 26. September Dr. Gerhard Kurzmann und die FPÖ wählen!"

Ein grüner Abgeordneter und die Islamische Glaubensgemeinschaft zeigten daraufhin den steirischen FPÖ-Chef Kurzmann und den Entwickler des Spiels wegen Volksverhetzung an. Das Grazer Straflandesgericht sprach sie aber von dem Vorwurf frei.

Neonazis spielen KZ-Manager

"Propaganda-Spiele gibt es, seit es Videospiele gibt", sagt Michael Schulze von Glaßer. Der Politologe und Gamer beschäftigt sich seit Jahren mit Verbindungen zwischen Politik und PC-Spielen und veröffentlicht regelmäßig seine Kolumne "Games and Politics" (G'n'P) auf dem Videokanal YouTube. Eines der ersten deutschen Propaganda-Spiele sei der "KZ-Manager", in dem der Spieler die Rolle des Verwalters in einem Konzentrationslager übernimmt. Zwar sei das Spiel seit 1989 verboten, dennoch existiert sogar eine Windows-Version: "KZ Manager Millenium". "Wer unbedingt möchte, findet Wege, um sich solche Spiele zu beschaffen", meint Schulze von Glaßer.

Bei Gratis-Game illegale Einwanderer abschießen

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Bei "Border Patrol" geht es darum, illegale Einwanderer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze zu erschießen.

Manchmal reicht es selbst Spiele-Laien, einfach mal im Netz zu surfen: Mehrere so schlecht gemachte wie geschmacklose Browser-Games aus dem englischsprachigen Raum sind für jeden zugänglich. "Border Patrol" beispielsweise. Darin knallt der Spieler illegale Einwanderer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ab.

Bei der symbolischen Zahl von 88 - Neonazi-Code für "Heil Hitler" - ist das Spiel beendet. Mehrere derartig zweifelhafte Spiele sind schon seit Jahren online auch für Kinder und Jugendliche frei verfügbar.

Prüfstelle: "Können Internet nicht vollständig kontrollieren"

"Nein, dieses Spiel ist uns bisher nicht bekannt", erklärt eine Sprecherin der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Eine Aufgabe der Prüfstelle ist es, zu verhindern, dass gewaltverherrlichende und rassistische Spiele in die Hände von Kindern oder Jugendlichen gelangen. In Zusammenarbeit mit der Prüfstelle Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) indiziert sie die entsprechenden PC-Spiele. Leider könne das Internet aber nicht zu hundert Prozent kontrolliert werden, sagt die Sprecherin.

Es gebe aber ein ständig aktualisiertes BPjM-Filter-Modul, das an Rechnern in der Schule oder zu Hause eingesetzt werden könne. Es blockiere alle jugendgefährdenden Online-Spiele, die der BPjM zugetragen würden.

Militainment für Millionen

Michael Schulze von Glaßer hält die stereotype Darstellung der Feindbilder in vielen Shootern für problematisch.

Politologe Schulze von Glaßer fordert, dass die Prüfstellen "endlich mehr auf den Inhalt der Spiele gucken als auf die Gewaltdarstellungen". Politische Botschaften seien in den Games häufig geschickt verpackt, sagt er. "Schließlich wollen die Hersteller nicht von den Prüfstellen indiziert werden, sondern Gewinn machen."

Der 27-Jährige hat besonders Spiele von Produzenten im Blick, die enge Verbindungen zum Militär und zur Rüstungsindustrie pflegen - "Militainment" lautet der Fachbegriff für eine derartige Mischung von Militär und Entertainment. "Das Militär hat von Anfang an Videospiele mit entwickelt und nutzt sie bis heute, um Soldaten zu schulen", erklärt Schulze von Glaßer. Seiner Schätzung nach machen die sogenannten Militär-Shooter etwa 20 bis 30 Prozent des Marktes aus. Die meisten werden von großen US-Firmen hergestellt und erreichen ein Millionenpublikum.

Stereotype Feindbilder in Shootern

Die Feindbilder vieler Shooter wie "Call of Duty", "Battlefield" oder "Medal of Honor" orientieren sich Schulze von Glaßer zufolge häufig an der aktuellen Politik. "Früher waren es die Russen, heute sind es meist Terroristen aus dem arabischen Raum oder dem Iran - oder auch die Chinesen."

Das Problem mit derartigen Stereotypen sei, dass sie - bei aller Reflektion der Spieler - gängige Vorurteile und Klischees untermauern und zudem eine breite Akzeptanz für mögliche Militärschläge der Regierungen schafften. "Das ist subtile politische Propaganda." Ebenso kritisiert er den Einsatz von Folter und Exekutionen in manchen Spielen als "mediale Basis, um derartige Praktiken in der realen Welt zu legitimieren".

Auch das US-Militär rekrutiert per Videospiel

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Mit "America's Army" nutzt das US-Militär die Spielfreude junger Menschen zu Rekrutierungszwecken.

Auch die Idee, Kämpfer per Videospiel zu rekrutieren, wie es der IS derzeit offenbar versucht, ist Schulze von Glaßer zufolge nicht neu - und hat ein ganz legales Vorbild. So brachte das US-Militär bereits 2002 das Gratis-Ballerspiel "America's Army" heraus, um Jugendliche als Soldaten anzuwerben - und hat damit seither Millionen erreicht.

Kooperation mit Rüstungsunternehmen

Für besonders schwierig hält Schulze von Glaßer unterdessen die Kooperation vieler Spielehersteller mit Rüstungsunternehmen. "Es ist erschreckend, wie viele echte Waffen man kennt, wenn man diese Spiele länger spielt", berichtet er aus eigener Erfahrung. Die Videospiel-Produzenten wollten Waffen und Einsatzfahrzeuge realistisch abbilden - und zahlten bisweilen sogar Lizenzgebühren an die Hersteller.

Die Zusammenarbeit zwischen vielen Spiele- und Rüstungsherstellern sei vielfach intransparent. "Im Zweifel finanziere ich mit dem Kauf eines Shooters auch die Waffenindustrie - zumindest ein wenig - mit."

"Wünsche mir mehr Aufklärung"

Für ein Verbot derartiger Spiele sei er nicht, sagt Schulze von Glaßer, "aber ich wünsche mir eine entsprechende Kennzeichnung auf den Spielen - und mehr Aufklärung, vor allem an den Schulen". Dass Krieg in Videospielen auch anders thematisiert werden kann als in den wenig differenzierten Blockbuster-Shootern mit ihren Gut-Böse-Schemata beweisen Games wie das in diesem Jahr erschienene "Valiant Hearts" ("Wackere Herzen"), ein Spiel über den Ersten Weltkrieg, das nicht nur die Schlachten thematisiert - sondern auch deren Folgen.

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mit Video

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21.10.2014 21:15 Uhr
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In der Sprach- und Erlebniswelt ihres Nachwuchses kennen sich Eltern wenig aus. Gesine Enwaldt begibt sich auf das fremde Terrain zwischen LAN-Party, Ego-Shooter und Gronkh & Sarazar. mehr

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 21.10.2014 | 21:15 Uhr

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